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Toter Reporter Sean Hoare Das Opfer des Systems Murdoch


Er packte als Erster aus - und stellte sich gegen das System Murdoch. Nun ist Sean Hoare der erste Tote in dem Skandal. Sein Fall verdeutlicht, wie verkommen die Londoner Szene ist.
Von Dirk Benninghoff

Er war ein geborener Reporter, fand überall seine Geschichten. Er gewann Preise, stieg zum Spitzenenthüller auf. Doch wie viele andere Protagonisten in dem harten Geschäft bekämpfte Sean Hoare Druck und Stress mit Alkohol und Drogen. Am Montag wurde der Journalist leblos in seiner Wohnung aufgefunden - und ist mit nur 47 Jahren der erste Tote in der Murdoch-Affäre.

Hoares Leiche wurde in seinem Haus in Watford nördlich von London entdeckt. Die Umstände des Todes erscheinen laut Polizei jedoch nicht verdächtig. Nähere Einzelheiten gibt es allerdings noch nicht. Hoare, der für Rupert Murdochs eingestelltes Skandalblatt "News of the World" schrieb und für die "Sun", war im vergangenen September mit den Machenschaften seiner Zeitungen an die Öffentlichkeit gegangen: Er gestand im Interview mit der "New York Times", Handys abgehört zu haben. Und nicht nur das: Der Journalist erzählte dem Blatt, dass sein damaliger Chefredakteur Andy Coulson ihn dazu "ermutigt" habe, "schwarze Künste" anzuwenden. 2005 hatte Coulson Hoare bei "News of the World" wegen dessen Alkohol- und Drogensucht rausgeschmissen. Später wurde er Pressechef des britischen Premierministers David Cameron, bis er das Amt im Januar aufgab. Vor wenigen Tagen wurde er wegen seiner Beteiligung an Schmiergeldzahlungen an Polizisten vorübergehend festgenommen.

Er wollte Wiedergutmachung

Jetzt ist Hoare tot - auf dem Gipfel der Murdoch-Affäre, was nicht nur für die "Huffington Post" eine "grauenvolle Koinzidenz" darstellt. Warum der Journalist die Affäre ins Rollen brachte? Laut Nick Davis, ein Mitarbeiter des "Guardian" und Vertrauter von Hoare, berichtete dieser Folgendes: "Ich möchte etwas Falsches wiedergutmachen, eine Kultur offenlegen, in der das Anzapfen (der Telefone, d. Red,) und andere Dinge selbstverständlich sind." Hoare schilderte demnach die Zustände bei den Murdoch-Zeitungen wie folgt: "Es gibt so viel Einschüchterung. Im Newsroom werden Leute gefeuert, brechen in Tränen aus und greifen zur Flasche."

Der Reporter selbst führte lange Zeit ein glamouröses Leben, bis ihn Drogen und Alkohol zugrunde richteten. Davis schilderte er sein Leben so: "Ich wurde dafür bezahlt, auszugehen und Drogen mit Rockstars zu konsumieren - mit ihnen zu trinken, Pillen und Kokain zu nehmen." Mithin, so sagte es Hoare, ein Leben zu führen, "das kein vernünftiger Mensch führen würde". Man stecke in einer Maschine. Zu Spitzenzeiten soll Hoare drei Gramm Kokain am Tag geschnupft haben. 1000 Pfund pro Woche kostete ihn die Sucht.

Kollege Davis bekam selbst Besuch von der Polizei, weil der "Guardian" über die Verstrickungen von Murdochs Blättern und den Behörden berichtet hatte. Die Zeitung hatte offen wie keine andere über den Skandal berichtet und einiges aufgedeckt. Davis bezeichnet seinen verstorbenen Kollegen als "liebenswerten Mann, warmherzig und nett". Er habe seinen Beruf trotz aller Härten geliebt. Aber offenbar wurde alles zu viel für Hoare. Aufgewachsen im Arbeitermilieu und Labour-Umfeld verlor er sich im Drogensumpf des Londoner Medienbetriebs. Er habe mit einigen der bekanntesten Namen des Londoner Boulevardjournalismus Kokain geschnupft, berichtet Davis. Oasis-Frontmann Liam Gallagher soll ein guter Freund gewesen sein.

Ein Mann der Fleet Street

Und im Berufsleben ging es genauso dreckig und kaputt zu. Die Szene in London, nach dem alten Zeitungsviertel Fleet Street benannt, war moralisch verkommen, das geht aus den Schilderungen von Hoare auf drastische Art und Weise hervor. Das Abhören von Telefonen sei für seinen Kollegen, so Davis, lange Zeit völlig normal gewesen, halt "Teil des Geschäfts". Man habe Nachrichten abgehört und anschließend gelöscht, damit die Konkurrenz sie nicht bekommt. Aber man habe auch Handymitteilungen aufgehoben und mit denen anderer Blätter getauscht.

Fleet-Street-Kollegen zeigten sich am Dienstag erschüttert. David Yelland, ein ehemaliger "Sun"-Mitarbeiter schrieb via Twitter: "Sean Hoare war ein guter Mann. Mein Gott". Ein anderer Kollege, Ben Proctor, beschrieb Hoare als "altmodischen Fleet-Street-Charakter". Dem "Guardian" erzählte Procter auch, dass Liam Gallagher Hoare geholfen habe, seine Karriere als freier Journalist anzutreiben. Der von Coulson gefeuerte Reporter sollte gar ein Buch über Oasis schreiben.

Hoares Gesundheit habe sich nie erholt, schreibt Davis. Vorsätze, mit Rauchen und Trinken aufzuhören, wurden nur halbherzig verfolgt. Seine Leber sei so kaputt gewesen, dass sein Arzt sich wunderte, dass Hoare überhaupt noch lebte. Davis: "Im Guten wie im Schlechten: Er war ein Fleet-Street-Mann." Und so erfüllte sich schneller als befürchtet, was der Gastgeber 2006 bei der Verleihung des Shafta-Preises an Sean Hoare prophezeit hatte. Der Reporter hatte damals für eine ältere Story über "Spice Island", die vom Ehepaar Beckham gekaufte Insel, eine Spezialauszeichnung erhalten. Der Preis selber wurde 20, also erhielt Hoare sozusagen den "Best of Shafta". Der Laudator sagte: "Der Preis wird - im Gegensatz zu Sean - ewig weiterleben."


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