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Tragödie von Duisburg: Das Ende der Loveparade

Die Trägodie von Duisburg bedeutet das Aus für die Loveparade. Der Staatsanwalt ermittelt. Zentrale Frage: Wieviel Schuld tragen Stadt und Organisatoren?

Einen Tag nach der Panik auf der Loveparade mit 19 Toten und 340 zum Teil schwer verletzten Menschen herrscht Fassungslosigkeit über das Geschehene. Und es stellen sich Fragen: Wie konnte es zu der Massenpanik kommen? War das Sicherheitskonzept der Behörden wirklich unzulänglich? Von einer Pressekonferenz der Stadt erhoffte man sich mehr Klarheit - und wurde enttäuscht. Die meisten Fragen wurden ausweichend beantwortet, andere gar nicht.

So wollte der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) von Sicherheitsmängeln nichts wissen und und machte "individuelle Schwächen" für die Katastrophe verantwortlich. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Es liegen zwei Strafanzeigen vor - von wem, wurde nicht gesagt. Eine soll von der Feuerwehr stammen, die vor der Veranstaltung vor Sicherheitsproblemen gewarnt hatte. Die Staatsanwaltschaft hat jedenfalls bereits am Samstag das Sicherheitskonzept der Organisatoren und der Stadt beschlagnahmt.

Für die Deutsche Polizeigewerkschaft sind die Schuldigen klar. Der Vorsitzende der Gewerkschaft, Rainer Wendt, sagte der "Bild"-Zeitung: "Letztlich sind Stadt und Veranstalter für die Tragödie verantwortlich." Er habe schon vor einem Jahr gewarnt, Duisburg sei kein geeigneter Ort für die Loveparade. "Die Stadt ist zu klein und eng für derartige Veranstaltungen." Der Polizeigewerkschafter sieht das Problem nicht beim Festival-Gelände selbst, sondern bei den Wegen dorthin. Eine Schuld der Polizei sieht Wendt nicht. Angeblich wollten Experten von Polizei und Feuerwehr die Teilnehmer zu der riesigen Techno-Party großflächiger anreisen lassen. Schließlich waren gut eine Million Menschen erwartet worden. Der Plan hätte jedoch einen größeren Personaleinsatz erfordert und sei daher verworfen worden, heißt es. So entstand ein "Nadelöhr" in dem Zugangstunnel zum Festivalgelände am Alten Güterbahnhof. In dem Tunnel brach schließlich die Massenpanik aus.

Panikforscher will gewarnt haben

Der Panikforscher Michael Schreckenberg, der in die Planung der Loveparade einbezogen war, bekannte: "Wir haben gewarnt, aber wir hätten vielleicht stärker warnen müssen." Das Sicherheitskonzept sei von maximal 500.000 Besuchern ausgegangen - verteilt über die Stadt. Der Tunnel, an dessen Rampe die meisten Menschen starben, habe aber nur eine Kapazität von 20.000 Menschen pro Stunde. Bis zu 250 000.Raver sollten durch dieses Nadelöhr auf das Gelände geschleust werden - und wieder runter. Eine Videoüberwachung habe der Veranstalter abgelehnt.

Insgesamt besuchten angeblich rund anderthalb Millionen Menschen die dritte Loveparade im Ruhrgebiet. Die Veranstalter wollten diese Zahl nicht bestätigen, verwiesen ständig auf die Zahlen, die die Bahn erfasst habe. Schließlich seien viele Raver per Bahn angereist. Die Zahl lag aber nur bei 105.000 - also nur bei einem Zehntel der vollmündig verkündeten erwarteten Gästezahl.

Organisator Rainer Schaller wirkte vollkommen erschüttert, sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus und versprach, alles Mögliche zu der Aufklärung des Unglücks beizutragen. Er verkündete das "Aus" des Techno-Umzugs. Die Loveparade wäre fortan immer überschattet von den Vorfällen in Duisburg gewesen. Daher, so Schaller, der auch Chef der Fitnesskette McFit ist, werde es die Parade "nie mehr" geben. Der Unternehmer hatte die Loveparade 2006 übernommen.

Das Drama im Tunnel

Augenzeugen berichteten von dramatischen Szenen in dem als Zugang zum eigentlichen Veranstaltungsort genutzten Tunnel. Dort habe es kaum noch Luft gegeben, Menschen seien von hinten nachgedrängt, während vorne schon niemand mehr herausgekommen sei. Im dichten Gedränge sei man nicht mehr vor oder zurück gekommen. Dadurch sollen einige in Panik geraten sein und geschrien haben, was sich dann zu der Massenpanik ausgewachsen habe. Mehrere Besucher seien umgekippt, und schließlich hätten viele junge Leute übereinander gelegen, zehn hätten wiederbelebt werden müssen. Rettungskräfte seien kaum durchgekommen. 2000 von ihnen waren im Einsatz.

Die 19 Todesopfer waren nach Angaben des Duisburger Polizeipräsidenten Detlef von Schmeling zwischen Anfang 20 und 40 Jahre alt. Bei der Massenpanik starben elf Frauen und acht Männer. Unter den Toten sind elf Deutsche. Die anderen Opfer kommen aus den Niederlanden, Australien, Italien, China, Spanien und Bosnien. Die Mehrzahl von ihnen ist laut Detlef von Schmeling an einem Treppenaufgang ums Leben gekommen, zwei an einer Plakatwand. Im Tunnel selbst starb niemand.

Um eine weitere Panik zu vermeiden, wurde die Technoparty nach dem tödlichen Zwischenfall gegen 17.30 Uhr nicht sofort abgebrochen und aus Sicherheitsgründen erst gegen 23 Uhr beendet. Die zum Abzug der Fans benutzte Autobahn 59 wurde bis Sonntag wieder freigegeben.

ben/APN/DPA / DPA