Trauer "Froh, dass wir das jetzt abschließen können"


Paul Marchals Alptraum begann im August 1995. An und Eefje waren mit ihrer Theatergruppe zu einer Reise an die belgische Küste aufgebrochen - das erste Mal, dass An alleine Urlaub machte.

Vor neun Jahren verlor Paul Marchal seine Tochter: An wurde im Alter von 17 Jahren ermordet, im direkten Umfeld des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux, genau wie die 19 Jahre alte Eefje sowie die beiden achtjährigen Julie und Melissa. Nach jahrelangen Ermittlungen, die von einer beispiellosen Pannenserie begleitet wurden, beginnt am 1. März der Prozess gegen Dutroux und drei Mitangeklagte. "Ich bin froh, dass es jetzt passiert, dass wir das jetzt abschließen können", sagt Marchal im AP-Gespräch.

Ein Alptraum begann

Marchals Alptraum begann im August 1995. An und Eefje waren mit ihrer Theatergruppe zu einer Reise an die belgische Küste aufgebrochen - das erste Mal, dass An alleine Urlaub machte. In der Nacht vom 22. auf den 23. August wurden An und Eefje in Ostende verschleppt. Sie blieben mehr als ein Jahr verschwunden. Auch von Julie und Melissa, bereits am 24. Juni 1995 entführt, fehlte jede Spur.

"Die Regierung hat nicht viel getan."

"Nachdem An verschwunden war, haben sie nicht sofort nach ihr gesucht", erinnert sich Marchal. "Warum nicht?" So seien es die Eltern gewesen, die Plakate mit ihren vermissten Kindern drucken ließen und verteilten. "Die Regierung hat nicht viel getan." Die Gewissheit für Marchal, seine Frau und die Eltern von Julie und Melissa kam schließlich im Sommer 1996. Nach Dutroux’ Festnahme im August wurden die Leichen ihrer Kinder ausgegraben.

Rücktritte und Misstrauensvotum

Konsequenzen aus den Versäumnissen von Polizei und Justiz hatte es immer erst dann gegeben, wenn es nicht mehr vermeidbar war. So traten Justizminister Stefaan de Clerck und Innenminister Johan Vande Lanotte erst zurück, als Dutroux im April 1998 die Flucht gelang. Auch der Chef der Gendarmerie musste sein Amt aufgeben. Rücktrittsforderungen der Eltern an Ministerpräsident Jean-Luc Dehaene verhallten. Ein Misstrauensvotum gegen die Regierung im Parlament scheiterte.

Die Farbe der Unschuld

Marchal entschloss sich zu kämpfen. Er organisierte zusammen mit den Eltern der anderen Opfer Demonstrationen, die mit dem "Weißen Marsch" am 20. Oktober 1996 in Brüssel gipfelten. 300.000 Menschen marschierten wortlos durch die Hauptstadt. Sie sollten nach dem Wunsch der Eltern weiße Luftballons mitbringen und weiße Kleidung tragen - Weiß als Farbe der Unschuld, in Gedenken an die Kinder.

Die schleppenden Ermittlungen veranlassten Marchal im Januar 1998 sogar dazu, eine Partei zu gründen. Die "Weiße Partei" sollte sie heißen, Umfragen sagten ihr aus dem Stand ein Wählerpotential von neun Prozent voraus. Doch der Plan scheiterte. Parallel zu seinen politischen Ambitionen eröffnete Marchal im Juni 1997 in seiner Heimatstadt Hasselt das "Haus von An". Die Einrichtung, untergebracht in einem kleinen Reihenhaus, soll Kindern als Zuflucht dienen.

Eine Last für das Leben

Jeden Abend sitzt Paul Marchal in dem Büro. An ist überall. "Das was ich nicht für An tun konnte, möchte ich für andere tun", sagt er. "Das ’Haus von An’ ist ein Monument für An, es soll anderen Opfern Hoffnung geben." Marchal wirkt aufgeräumt. Er ist keiner, der sich in Selbstmitleid auflöst. Und dennoch: "Wenn man sein Kind verliert, wird man das nie vergessen", sagt Marchal heute. "Das trägt man mit sich für den Rest seines Lebens."

Noch immer kein Verständnis der Behörden

Was erwartet er von dem Prozess gegen den Mann, der sein Leben zerstörte? "Ich erwarte, einen Teil der Wahrheit zu finden", sagt Marchal. Deshalb will er auch jeden Tag am Prozess teilnehmen. Dabei hatte der Lehrer große Schwierigkeiten, für die Dauer des Prozesses vom Unterricht beurlaubt zu werden. Nach langem Hin und Her erlaubte ihm die Schulbehörde dann doch zu gehen, aber mit der Auflage, dass er aus dem Prozess irgendein Schulprojekt macht.

"Sie mochten mich nicht mehr"

Für Marchal ist das nur der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von Schikanen der Behörden, denen sich die Eltern plötzlich ausgesetzt sahen. "Sie mochten mich nicht mehr", sagt Marchal, weil er ständig auf die Versäumnisse hingewiesen habe. Marchal ist deshalb auch überzeugt davon, dass Dutroux nicht alleine gehandelt hat und dass er von irgendjemandem gedeckt wurde.

Das Vertrauen in die Justiz ist zerstört

Schon allein die Zahl der Angeklagten findet er merkwürdig. "Festgenommen wurden 17, vor Gericht stehen vier." Zudem verweist er darauf, dass all jene Ermittler von dem Fall abgezogen wurden, die sich massiv für eine Aufklärung einsetzten. Und dabei meint er nicht nur den Untersuchungsrichters Jean-Marc Connerotte, der von dem Fall abgezogen wurde, weil er an einer Veranstaltung für die Opfer teilgenommen hatte.

Nicht frei von Rachegefühlen

"Wenn sie einen beschützen, kann das auch heißen, dass ganz hochgestellte Personen dahinter stehen", sagt Marchal. Jetzt aber konzentriert sich alles auf Dutroux. Ans Vater sagt, dass er nicht frei ist von Rachegefühlen. "Aber ich versuche immer, eine Balance zu finden zwischen solchen Gefühlen und dem gesunden Menschenverstand."

Alexander Ratz/AP


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