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Tritte, Schüsse, Hundeeinsatz: Brutale Festnahme bringt Polizei in Misskredit

Polizisten haben einen bewaffneten Mann beschossen, getreten und einen Hund auf ihn gehetzt. Erst dann ließ sich der 50-Jährige festnehmen. Nicht nur die Schwester des Mannes kritisiert den Einsatz.

Von Malte Arnsperger

Die verwackelten Video-Aufnahmen zeigen einen Mann, halb liegend, halb sitzend, der auf dem Gras vor einer Häuserfront umherzappelt. Mehrere Polizisten stehen im Abstand von wenigen Metern um ihn herum. Auf den Bildern ist nicht klar erkennbar, was der Mann in den Händen hält, es soll sich um zwei Messer und eine Axt handeln. Die Beamten sprühen ihn mehrmals an, wohl mit Pfefferspray, auch eine Pistole ist auf ihn gerichtet. Der Mann bewegt sich weiterhin hektisch auf dem Boden umher, macht offensichtlich keine Anstalten, sich zu ergeben. Dann tritt ihm ein Beamter mit voller Wucht in den Nacken, kurze Zeit später verbeißt sich ein Polizeihund in die rechte Hand des Mannes.

Es sind die Bilder eines brutalen und umstrittenen Polizeieinsatzes im Berliner Stadtteil Wedding. Während der Mann, der 50-jährige André C., mit schweren Verletzungen im Krankenhaus liegt, ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob die Beamten in dieser Situation angemessen gehandelt haben. Die Polizeigewerkschaft verteidigt deren Vorgehen, Politiker, Augenzeugen und Angehörige üben Kritik.

Polizistin soll fünf Warnschüsse abgegeben haben

Am Samstag kurz nach 14 Uhr hatten Passanten beobachtet, wie André C. mit zwei Messern und einer Axt in der Händen durch die Straßen in dem Viertel läuft und die Polizei gerufen. Die alarmierte Streifenbesatzung habe den Mann aufgefordert, die Waffen niederzulegen, teilt die Polizei mit. André C. habe sich aber geweigert und die Beamten bedroht. "Die beiden Polizisten versuchten durch den Einsatz der Schusswaffen den Angreifenden zu stoppen und zur Aufgabe zu bringen", heißt es in der Pressemitteilung der Polizei. "Selbst nach mehreren Schüssen, die ihn getroffen hatten, ließ er nicht von den Messern ab." Wie viele Schüsse genau und wohin sie abgefeuert wurden, will die Polizei nicht sagen. Die Berliner Zeitung "BZ" berichtet, eine Beamtin habe zunächst mindestens fünf Warnschüsse in die Luft abgegeben. Dann sei der Mann im Unterschenkel getroffen worden, zwei Geschosse hätten den Bauch gestreift.

Die "Bild"-Zeitung veröffentlichte im Internet Video-Aufnahmen des Vorfalls, offenbar hat ein Augenzeuge gefilmt. Auf dem knapp einminütigem Clip ist deutlich erkennbar, wie mindestens fünf Polizisten André C. umringen, ihn belauern. Einem Beamten gelingt es, die neben André C. auf dem Boden liegende Axt zu schnappen. André C. gibt nicht auf, es scheint, als wolle er immer wieder aufstehen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt wohl schon mehrmals von Kugeln getroffen wurde und ständig Pfefferspray auf ihn gesprüht wird. Dann pirscht sich ein Beamter von hinten an den sitzenden Mann heran, tritt ihm mit dem rechten Fuß in den Nacken. André C. wird von der Wucht auf den Boden geschleudert, rollt über das Gras. Es folgt ein Film-Schnitt. In der nächsten Szene springt ein Schäferhund auf den liegenden Mann zu, beißt in dessen rechte Hand, in der sich wohl noch ein Messer befindet, ein Polizist tritt nochmal zu. Erst dann können die Beamten André C. die Waffen entreißen, Notärzte eilen zu dem Tatort.

Schwester: "Das gleicht einer Hinrichtung"

Eine Anwohnerin sagte zur "BZ".: "Die Polizistin mit der Waffe wirkte total hektisch. Sie schrie immer nur: 'Lass das Messer fallen, lass das Messer fallen." Eine weitere Augenzeugin sagte der Zeitung: "Die Beamten wirkten ängstlich." Die "Bild am Sonntag" zitierte einen Passanten mit den Worten: "Der Mann schien wehrlos, der Einsatz der Polizei wirkte sehr brutal." Auch die Angehörigen des Mannes sind empört. Die Schwester macht der Polizei in der "Bild" schwere Vorwürfe: "Das gleicht einer Hinrichtung", sagt sie. "André war betrunken, hat einen großen Fehler gemacht. Aber er wollte niemanden umbringen!"

Genau dies ist für die Polizeigewerkschaft der springende Punkt. "Ein Messer und eine Axt sind sehr gefährliche Waffen", sagt deren Chef Rainer Wendt zu stern.de. "Die Kollegen müssen natürlich auch an ihre eigene Sicherheit denken." Für Wendt war der Einsatz "nicht so schön wie im Krimi", aber "angemessen und verhältnismäßig". Die Polizisten hätten stets probiert zu verhindern, dass der Mann wieder aufsteht und andere Menschen angreift. "Wenn er das gemacht hätte, hätten die Kollegen ihn wohl niederschießen müssen. Und dann wäre die Kritik an der Polizei noch größer gewesen", sagt Wendt.

Polizisten mit Elektroschockpistolen ausstatten?

Wie immer nach solchen Einsätzen ermitteln Mordkommission und Staatsanwaltschaft, sie überprüfen die Rechtmäßigkeit des Einsatzes. Vor allem die genauen Umstände, wann, warum und wohin die Schüsse abgefeuert wurden sowie der Tritt gegen den Kopf von André C. dürften die Ermittler besonders interessieren. "Es stellt sich bei so vielen Schüssen und dem Tritt schon die Frage, ob das ein besonnener Einsatz war", sagt Benedikt Lux, innenpolitischer Sprecher der Grünen im Berliner Rathaus,zu stern.de. "Ich bin da skeptisch, es muss genau überprüft werden."

Dagegen hat auch Gewerkschaftsboss Wendt nichts einzuwenden. Und er geht noch einen Schritt weiter und fordert die Politik auf zu prüfen, ob Polizisten künftig nicht mit den sogenannten Taser ausgestattet werden sollten. Diese Elektoschockpistole setzt einen Menschen für einige Sekunden außer Gefecht, wird vor allem in den USA eingesetzt und ist hierzulande bisher nur von einigen Spezialeinsatzkräften verwendet. "Wir wissen aus anderen Ländern, dass die Taser dort erfolgreich eingesetzt werden. Der Vorteil ist vor allem, dass diese Geräte keine bleibenden Schäden bei den Betroffenen verursachen", sagt Wendt. Allerdings, und das gibt auch Wendt zu, ist die Waffe selbst innerhalb der Polizei umstritten. Denn es gibt immer wieder Berichte über Todesopfer nach einem Taser-Einsatz.

Neffe Martin K.: "Mein Onkel ist ein ganz lieber Mensch"

André C. hilft diese Diskussion nicht mehr. Er liegt im Krankenhaus, musste laut Medienberichten wiederholt operiert werden. Seine Schwester sagt: Es ist schrecklich, ihn so zu sehen. Wir wissen nicht, ob er jemals wieder aufwacht." Warum es überhaupt so weit kommen musste ist noch unklar, ebenso, ob André C. wirklich betrunken war. Bei der Polizei ist er wegen kleinerer Delikte bekannt. Seine Schwester meint: "Ihm ging es schlecht. Vor zweieinhalb Jahren starb sein 19-jähriger Sohn. Im Januar starb unser Vater. Das hat er nicht verkraftet." Sein Neffe Martin K. sagte der "BZ", sein Onkel sei am Sonnabend mit einer Gruppe Asiaten in Streit geraten. Dann sei er nach Hause gegangen, um etwas zu holen, und an die Kreuzung zurückgekehrt, wo später die Schüsse fielen. Martin K.: "Sonst ist mein Onkel ein ganz lieber Mensch, der niemandem was tun würde."