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TV-Interview mit Natascha Kampusch: Das Gute im Schrecklichen

Das Kopftuch über den blonden Haaren, die Augen oft geschlossen, berichtete Natascha Kampusch im Fernsehen über ihre Jahre mit Wolfgang Priklopil, ihrem Entführer. Das Interview war bewegend. Und beängstigend.

Von Lutz Kinkel

Auftritt Natascha Kampusch. Jenes Mädchen, das vor acht Jahren in Wien verschwand, in einem Verlies unter der Garage ihres Entführers heranwuchs und schließlich floh. Wie sieht sie aus? Wie spricht sie? Was wird sie sagen? Welches Verhältnis hatte sie zu dem Mann, den sie anfangs mit "mein Gebieter" anreden musste? "Es ist bei diesem Interview darum gegangen, die Gier nach dem ersten Bild, nach den ersten Worten abzufangen", sagt der Journalist Christoph Feurstein, der Natascha Kampusch für den österreichischen Rundfunk ORF interviewte. In Deutschland übertrug RTL das Gespräch.

Zu erwarten war eine Freakshow - der Auftritt eines traumatisierten Menschen, den alles quält: das erlittene Martyrium, das grelle Scheinwerferlicht, die unsichere Zukunft. Umso erstaunlicher war, wie sich Natascha Kampusch präsentierte. Sicher, gewandt, zuweilen sogar mädchenhaft kokett beantwortete sie die Fragen ihres Interviewers. Nur selten suchte ihr Blick Halt bei dem Psychiater, der sie betreut und hinter den Kameras Platz genommen hatte. Oft sprach sie mit geschlossenen Augen, vielleicht deshalb, weil sie so verschnupft war, vielleicht auch, weil sie ihren Erinnerungen nachspürte. Ihre Hände hatte sie ineinander gefaltet und zwischen die Schenkel gepresst, ein Zeichen ihrer Anspannung. Gleichwohl war sehr schnell klar, dass der Horror die junge Frau nicht zerstört hat. Sie hatte gelernt, ihn zu bannen - mit ihrer eigenen Version der Geschichte.

Priklopil: Hanswurst und Diktator

"Er hatte eine labile Psyche", sagt Kampusch über ihren Entführer Priklopil, "ihm fehlte in gewisser Weise die Selbstsicherheit." Ihrer Ansicht nach litt Priklopil unter Paranoia. Er habe immer alles kontrolliert und untersucht, in der Angst, sie könnte irgendwo einen schriftlichen Hilferuf platzieren. Natascha Kampusch glaubt auch erkannt zu haben, dass Priklopil ein schlechtes Gewissen wegen der Entführung hatte. Das sei ihr bewusst geworden, weil er gerade das immer geleugnet habe. Diesen Menschen, der in seiner Erbärmlichkeit drohte, Selbstmord zu begehen, sollte sie ihn verlassen, habe sie "genötigt", mit ihr Geburts- und Feiertage zu begehen. So schrumpft Priklopil in Kampuschs Erzählung zu einem bedauernswerten Hanswurst, einem gestörten Mann. "Ich finde, dass ich stärker war", beschreibt sie ihr Verhältnis zu ihm.

Doch sie erzählt auch von anderen Szenen. Priklopil ließ sie in ihrem Verlies hungern, solange, bis sie sich nicht mehr konzentrieren konnte und jedes Geräusch als Nerven zerfetzende Qual empfand. Zwei Jahre lang durfte sie keine Nachrichten hören und keine Zeitung lesen, weil er nicht wollte, dass sie etwas über die Ermittlungen in ihrem Fall erfährt. Später sei er gelegentlich mit ihr zum Einkaufen im Baumarkt gefahren, habe aber darauf bestanden, dass sie nur wenige Zentimeter vor ihm gehe und keinen Mucks von sich gebe. "Er drohte mir immer, dass er jeden Mitwisser beseitigen würde", sagt Kampusch. Sie habe manchmal vor Verkäufern gestanden, tonlos, ängstlich und mit Herzklopfen, und habe versucht so zu lächeln wie auf dem Bild, das als Fahndungsfoto bekannt war - in der vergeblichen Hoffnung, jemand würde sie wieder erkennen. Priklopil war für Kampusch eben nicht nur ein bedauernswertes Geschöpf. Er war auch Verbrecher, Diktator, eine ständige Bedrohung ihrer Existenz.

In Natascha Kampuschs Erzählung sind beide Figuren vorhanden, der Hanswurst und der Diktator, und der eine mildert den Schrecken des anderen. Diese prekäre Balance scheint ihr das psychische Überleben gesichert zu haben, das Vertrauen, dass es schon irgendwie weitergeht. Sie habe in ihrem Verlies viel gelesen, sagt Kampusch, sie sei immer besorgt gewesen, auf dasselbe Bildungsniveau wie die Menschen draußen zu kommen. "Es war mir bewusst, dass ich ihn damit zum Tode verurteile", sagt sie über ihre Flucht. Außerdem habe sie noch ein zweiter Gedanke "in irrsinnige Sorge" versetzt: "Ich wollte das seiner Mutter nicht antun, dass sie diese andere Seite ihres Sohnes kennenlernt." Identifikation mit dem Aggressor nennen Psychologen dieses Phänomen.

Fragen, die nicht gestellt wurden

Nach dem Interview, das RTL zeitversetzt nach dem ORF ausstrahlte, analysierten Experten die Bilder. "Man kann überleben, wenn man sich seine eigene Welt baut", sagte der Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz. Die Psychiaterin Isabella Heuser, die bei stern TV zu Gast war, beschrieb diese Strategie noch etwas genauer: "Sie sucht das Gute im Schrecklichen. Und das ist psychologisch vernünftig." Sowohl Gallwitz als auch Heuser glauben, dass Natascha Kampusch noch einen Zusammenbruch erleiden könnte. Aber beide sind auch der Ansicht, sie werde später ein normales Leben führen können.

Dieses mit Bedacht gewählte Interview - Kampuschs Medienberater sollen mehr als 300 Anfragen vorgelegen haben - war wohl ein wichtiger therapeutischer Schritt auf diesem Weg. Kampusch hat vor Publikum und damit auch vor sich selbst ihre Stärke dokumentiert. Vielleicht hilft ihr das, eines Tages auch Fragen zu beantworten, die in diesem Interview nicht gestellt wurden.