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TV-Wettermann weiter in Haft Fronten im Fall Kachelmann unklarer denn je


Jörg Kachelmann bleibt im Gefängnis - allerdings könnte der Haftbefehl gegen ihn bald aufgehoben werden. Grund sind Zweifel an den Aussagen des mutmaßlichen Opfers.
Von Niels Kruse

Nichts ist klar im Fall Kachelmann. Außer, dass die Fronten verworrener sind als je zuvor, und dass die Glaubwürdigkeit sämtlicher Beteiligter beschädigt ist. Da wäre zum Beispiel das mutmaßliche Opfer. Teile seiner Aussage sind laut eines "Spiegel"-Berichts zumindest zweifelhaft. Das Nachrichtenmagazin zitiert aus dem Gutachten einer Bremer Psychologin, das im Auftrag der Staatsanwaltschaft erstellt worden ist. Danach seien die Schilderungen, die die Ex-Freundin zur Tat gemacht hat, "vage, oberflächlich und statisch". Das Fazit der Gutachterin Luise Greuel: Die Beschreibung dessen, was am 8. Februar 2010 vorgefallen sei, erfülle "nicht die Mindestanforderungen an logische Konsistenz, Detaillierung und Konstanz".

Etwa die Sache mit dem Brief, der Auslöser der ganzen Angelegenheit gewesen sein soll: Am Tag des mutmaßlichen Missbrauchs will die damalige Lebensgefährtin Kachelmanns einen Umschlag in ihrem Postkasten gefunden haben. Inhalt ist ein Flugticket mit seinem Namen sowie dem Namen einer Frau: "S." - wohl eine der weiteren Geliebten des TV-Mannes. Auf einem beigefügten Zettel stand der Satz: "Er schläft mir ihr". Nach einigen Nachfragen der Ermittler aber stellt sich heraus, dass das mögliche Opfer die Frau als Nebenbuhlerin schon länger im Visier hatte. Sogar auf Facebook soll sie mit ihr befreundet gewesen sein - um herauszufinden, was genau zwischen ihr und Kachelmann läuft. Nach drei, vier Befragungen gibt das Opfer aber zu, dass es die Notiz selbst angefertigt und auf der Arbeitsstelle ausgedruckt habe. Zudem seien der Frau die Flugtickets früher zugesandt worden als am 8. Februar.

Am Vorwurf der Vergewaltigung ändert sich nichts

Es waren nicht die einzigen Widersprüche, in die sich das mutmaßliche Opfer offenbar verstrickt hatte. Bereits im Mai wurde bekannt, dass die Frau zwei Details ihrer Aussage aus der Tatnacht hatte korrigieren müssen. Doch nun ist ihre Glaubwürdigkeit ernsthaft beschädigt, was natürlich am eigentlichen Vorwurf der Vergewaltigung nichts ändert.

Nach wie vor geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass Jörg Kachelmann seine damalige Freundin am Abend des 8. Februar mit Gewalt zum Sex gezwungen haben soll. Die Strafverfolgungsbehörde war sich angesichts der ihr vorliegenden Anhaltspunkte sogar so sicher, dass sie Mitte Mai Anklage gegen den TV-Moderator erhoben hatte. Der Vorwurf lautet auf Verdacht der besonders schweren Vergewaltigung und gefährlichen Körperverletzung. Über den genauen Hergang gibt es naturgemäß zwei Versionen: die des mutmaßlichen Opfers und die des mutmaßlichen Täters. Laut der Aussagen, die dem "Spiegel" vorliegen, hätten sich beide über einen Internetchat für den Abend verabredet - und gegen 23 Uhr sei er in ihrem Schwetzinger Haus eingetroffen - soweit decken sich die Angaben.

Das Beziehungsende habe ihn in Rage versetzt

Laut der Lebensgefährtin haben sie und Kachelmann zunächst etwas gegessen. Danach habe sie ihn wegen des Briefs und der Flugtickets zur Rede gestellt. Angeblich habe er ein Verhältnis erst geleugnet, es aber später zugegeben und auch, dass er viele Frauen gehabt habe. Daraufhin will sie ihn aufgefordert haben zu gehen, was den Fernsehmann angeblich in Rage versetzt haben soll. Aus der Küche soll er ein Küchenmesser geholt und ihr an den Hals gesetzt, sie anschließend mit dem Tod bedroht und dann vergewaltigt haben.

Der 51-Jährige wiederum hat ausgesagt, dass beide zunächst einvernehmlichen Sex gehabt und erst danach gegessen hätten. Anschließend, so Kachelmann, sei es zum Gespräch über S. gekommen. Nachdem er die Beziehung eingeräumt habe, soll sie Schluss gemacht haben, woraufhin Kachelmann Richtung Frankfurter Flughafen gefahren sei. Ein Messer will er nicht in der Hand gehabt haben, und wenn, dann könne er sich nicht daran erinnern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die DNS-Spuren können nicht eindeutig zugeordnet werden, und auch die Verletzungen könnte sich das mögliche Opfer selbst zugefügt haben

Zu wenig Blut für eine klare Analyse

An dem Messer wurden im Laufe der Ermittlungen DNS-Spuren sowohl von Kachelmann als auch von der Frau gefunden. Doch nachdem sich andere Gutachter über das Schneidewerkzeug gebeugt hatten, gibt es verschiedene Interpretationen der genetischen Hinterlassenschaft. Laut einem Bericht des Landeskriminalamts (LKA) Baden-Württemberg war die gefundene Blutspur demnach so winzig, dass sich nicht feststellen ließ, ob es wirklich von ihr stammt. Bei DNA-Spuren am Messer konnte das LKA zudem nicht ausschließen, dass Kachelmann es in der Hand gehalten hatte. Ein unzweifelhafter Nachweis sei aber nicht möglich gewesen.

Ähnlich verschieden urteilen Gutachter auch über Herkunft und Art der Verletzungen, die bei dem mutmaßlichen Opfer diagnostiziert wurden. Laut "Spiegel" kommt der Leiter der Rechtsmedizin Heidelberg in zwei Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Verletzungen weder eindeutig einer Fremd- noch einer Selbstverletzung zuzuordnen seien. Für beide Varianten seien die Verletzungen ungewöhnlich. Dagegen schließt der Bericht eines Rechtsmediziners aus Münster, der im Auftrag der Verteidigung die Wunden begutachtete, mit dem Ergebnis, dass die geschilderte Tat mit dem Verletzungsbild nicht in Einklang zu bringen sei. Dies spreche für eine Selbstverletzung und damit für eine vorgetäuschte Tat.

Staatsanwaltschaft stört sich nicht an Widersprüchen

Ganz offensichtlich passt vieles nicht zusammen im Fall Kachelmann. Da sind die beiden Parteien, die unterschiedliche Versionen zum Tatabend angeben - was noch in der Natur der Sache liegt. Da sind die Gutachter, die die gefundenen Spuren unterschiedlich interpretieren - was an der mangelnden Aussagekraft der Hinweise liegen kann. Da ist das mutmaßliche Opfer, das offensichtliche Falschaussagen macht - was an der nervlichen Belastung durch die mögliche Tat liegen kann. Oder auch daran, dass die Vorwürfe, oder Teile davon, schlicht erfunden sind. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls, die schon während ihrer Ermittlungen auf die Ungereimtheiten gestoßen war, haben sich an den Widersprüchen offenbar nicht gestört: Zum Zeitpunkt, als sie Anklage gegen den Wetterexperten erhoben hat, war das nun bekannt gewordene Gutachten der Bremer Psychologin noch gar nicht fertig.

Die Ermittler, denen der "Spiegel" indirekt eine Vorverurteilung Kachelmanns vorwirft, halten aber ungeachtet der Erkenntnisse am Verfahren gegen den TV-Moderator fest. Oberstaatsanwalt Oskar Gattner sagte dem Südwestrundfunk, es gebe auch nach den jüngsten Veröffentlichungen keinen Anlass zur Neubewertung. Der Verteidiger von Jörg Kachelmann, Reinhard Birkenstock, will dagegen den Haftbefehl gegen seinen Mandanten aufheben lassen, wie das Landgericht Mannheim mitgeteilt hat. Die zuständige Strafkammer will aber erst Mitte Juni darüber entscheiden, so dass der 51-jährige bis dahin in Untersuchungshaft bleiben muss.

Mit DPA/AFP/APN

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