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U-Bahn-Schläger trifft Opfer: Gerechtigkeit statt Haftstrafe

Aus nichtigem Grund hatte ein 18-Jähriger in Stuttgart einen Mann krankenhausreif geschlagen. Doch der Täter, Serkan G., nutzte einen oft stiefmütterlich behandelten Aspekt des Strafprozessrechts: den Täter-Opfer-Ausgleich. Beide trafen sich, aus grober Gewalt wurde tiefe Reue.

Von Malte Arnsperger

Beide heißen Serkan. Beide sind jung, der eine 20, der andere 18. Beide kommen aus zerrütteten Familien, beide scheinen nur Gewalt zur Lösung von Konflikten zu kennen, nur Alkohol als Ventil für ihre Aggressionen. Beide haben einen Menschen grundlos verprügelt. Beide sind U-Bahn-Schläger. Doch hier enden die Gemeinsamkeiten zwischen Serkan A. der vor mehr als einem Jahr in einer Münchner U-Bahn-Haltestelle mit einem Freund einen Rentner fast zu Tode geschlagen hatte und seinem Namensvetter Serkan G., der vor einigen Monaten in einer Stuttgarter U-Bahn einen 53-Jährigen krankenrausreif geprügelt hat.

Denn Serkan G. hat sich nach seiner Tat um Wiedergutmachung bemüht und ist damit einer langen Haftstrafe entgangen. Er und sein Opfer, der 53-Jährige Dieter P., lieferten zugleich ein Lehrstück für einen oft stiefmütterlich behandelten Aspekt des Strafprozessrechts, den Täter-Opfer-Ausgleich.

Mit Schlagring und Fußtritten

Diese Geschichte beginnt im November 2008: Serkan G., ein arbeitsloser Schulabbrecher, steigt mit einem Freund um kurz vor Mitternacht in eine U-Bahn in Stuttgart. Beide sind angetrunken. Serkan will Musik hören, dreht sein Handy auf volle Lautstärke. Das passt Dieter P. überhaupt nicht. Der arbeitslose EDV-Kaufmann will in Ruhe seine Zeitung lesen. "Das ist nicht mein Musikgeschmack. Mach das Handy aus", sagt er zu Serkan G. Der reagiert nicht. Dieter P. macht eine abwertende Handbewegung.

Das reicht, um den aufgestauten Frust in Serkan G. zu entladen. Der muskulöse Jugendliche zieht seinen metallenen Schlagring aus der Hosentasche, zieht ihn sich über die Faust und schlägt mehrmals mit voller Wucht auf sein Opfer ein, tritt mit den Füßen auf den am Boden liegenden Mann. Dann verlässt er die U-Bahn, lässt den am Kopf blutenden Dieter P. zurück. Wenig später wird er festgenommen. Seitdem sitzt Serkan G. in Untersuchungshaft.

Täter und Opfer treffen sich

Normalerweise hätten sich Serkan G. und Dieter P. erst in einem Gerichtssaal wieder gesehen. Der Schläger wäre dort auf das traumatisierte und unversöhnliche Opfer getroffen, beide wären für immer Gegner gewesen. Doch Serkan G. und Dieter P. sind einen anderen Weg gegangen. Sie haben sich vor dem Prozess gegen Serkan G. zu einem Täter-Opfer-Ausgleichsgespräch getroffen. Die Jugendgerichtshilfe habe ihn auf diese Möglichkeit hingewiesen, erzählt der junge Türke vor Gericht. Eine willkommene Gelegenheit, denn "ich habe mir auch überlegt, wie ich meine Tat wiedergutmachen könnte".

Er hat Glück. Sein Opfer willigt ein. Fast zwei Stunden sitzen Serkan G. und Dieter P. in einem kleinen Raum zusammen, nur ein geschulter Mediator des Jugendamtes ist dabei. Beide schildern ihre Sicht der Tat. Eine schlüssige Begründung für seinen Gewaltausbruch kann Serkan nicht geben. "Schrecklich" sei es gewesen, als sich beide das Überwachungsvideo des Vorfalls angeschaut hätten. "Ich war ziemlich erschrocken, als ich gesehen habe, was ich getan habe." Serkan bietet seine Entschuldigung an, will mit Sozialstunden ein Schmerzengeld finanzieren. Dieter P. verzeiht. "Ich wollte den Täter kennen lernen. Ich wollte hören, warum er mich geschlagen hat. Ich wollte dieses Gespräch, um das Erlebte besser für mich verarbeiten zu können."

Genau dies und noch viel mehr könne der Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) leisten, sagen Experten. Der Täter wird mit den Folgen seiner Tat konfrontiert und muss sich intensiv mit ihr beschäftigen. "Das ist für viele sehr hart und überhaupt nicht einfach", sagt Christian Richter, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Täter-Opfer-Ausgleich. "Aber so kann der Täter nichts bagatellisieren und die erzieherische Wirkung ist viel höher, als nur durch das Urteil in einem Prozess." Durch eine ehrlich gemeinte und vom Opfer angenommene Entschuldigung kann ein Täter zudem das Strafmaß mildern. Aber vor allem Opfer profitierten von der Begegnung, meint Richter. "Anders als im Prozess können sie mitbestimmen, wie es weitergeht, können Vorschläge zur Wiedergutmachung einbringen und mit dem Täter darüber reden."

Mehr als 30.000 mal pro Jahr wird der Täter-Opfer-Ausgleich, der seit 18 Jahren im Strafrecht verankert ist, an deutschen Gerichten angewendet. Meistens geht es dabei um Delikte wie Diebstahl, Beleidigung oder kleinere Prügeleien. Wurde der TAO bis vor ein paar Jahren meistens bei Jugendstrafverfahren angewendet, ist der Anteil von erwachsenen Tätern mittlerweile sogar höher. Doch es gebe nach wie vor "offene Vorbehalte" gegen den TOA bei Justiz und Rechtsanwälten, heißt es in einer Studie des Bundesjustizministeriums. Dabei sprechen die Zahlen für die einvernehmliche Vermittlung: In rund 80 Prozent der Fälle einigen sich Opfer und Täter. Und auch Christian Richter meint: "Der TOA ist für alle Beteiligten sinnvoll, auf für die Gerichte". Denn viele Verfahren könnten durch ein erfolgreiches Gespräch schon vor einem Prozess eingestellt werden. "Das spart der Justiz viel Geld."

Tränen und Reue

Aber wie ernst meint es der Täter wirklich? Ist das alles nicht nur eine billige Gelegenheit, einer harten Strafe zu entgehen, um das Opfer, ja sogar das Gericht zu täuschen?

Diese Fragen stellte sich Richterin Iris Käppler-Krüger, bevor Serkan G. in ihrem Stuttgarter Gerichtssaal erschien. Sie weiß von dem Täter-Opfer-Gespräch, doch sie will die Reue selber sehen, die Entschuldigung selber hören. Immer wieder bohrt die zierliche grauhaarige Frau nach. Einfühlend aber bestimmt fragt sie den Angeklagten: "Wann haben Sie angefangen nachzudenken? Was haben Sie sich überlegt?" Angespannt antwortet Serkan G mit knappen Sätzen. Schon kurz nach seiner Festnahme habe er sich Gedanken gemacht, warum er wegen einer Kleinigkeit so ausgerastet sei, er habe an sein Opfer gedacht, was wohl mit ihm passiert sei. "Bei unserem Gespräch habe ich mich dann entschuldigt, von ganzem Herzen", sagt Serkan, schluckt und wischt sich verstohlen die Augen.

Genau so sei es gewesen, bestätigt Dieter P. Tränen habe er in Serkans Augen gesehen. Das habe er gewollt, die ehrliche Reue zu spüren. Das vereinbarte Schmerzensgeld in Höhe von 1500 Euro, die Serkan G. teilweise durch Sozialstunden abstottern muss, sei ihm zwar als zusätzliche Befriedigung wichtig gewesen. "Aber ich hatte nie Rachegedanken", sagt Dieter P. "Ich will, dass er seine Zukunft besser gestaltet."

Ein zufriedenes Opfer

Ein Appell, den die Richterin erhört hat. Die Strafe von eineinhalb Jahren Gefängnis setzt Iris Käppler-Krüger zur Bewährung aus. Aber sie redet Serkan G. ins Gewissen. Er müsse seine Versprechungen wahr machen und nachweisbar gegen seine Aggressionen und seine Alkoholsucht kämpfen. Die Richterin macht deutlich, dass vor allem Serkans Bemühen um Wiedergutmachung ihn vor einer deutlich strengeren Strafe bewahrt haben. "Es wird genau beobachtet, ob es so wird, wie Sie es vorhaben. Sonst ist eine Bewährung schnell verloren."

Serkan G. kann nun in Freiheit seinen Teil zu einem wirklich erfolgreichen Täter-Opfer-Ausgleich beitragen. Dieter P. hat das seine getan: "Das Urteil ist akzeptabel und gerecht." Einmal will sich auf jeden Fall noch mit Serkan treffen, um die Zahlung des Schmerzengeldes zu klären. Und auch einem weiteren, abschließenden Gespräch stehe nichts im Wege, sagt Dieter P. und verlässt mit einem zufriedenen Ausdruck das Gericht.

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  • Malte Arnsperger