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Überfall auf Reisegruppe in Äthiopien Drama im Wüstensand


Zwei Deutsche sind ermordet worden, zwei weitere entführt. Ein Trip in die äthiopische Danakilwüste endete für eine Reisegruppe in der Katastrophe. War der Überfall politisch motiviert?
Von Philipp Hedemann in Addis Abeba und Niels Kruse

Die Danakilwüste, im Norden Äthiopiens, in der Grenzregion zu Eritrea und Dschibuti: eine unwirtliche aber faszinierende Gegend. Es ist einer der tiefliegendsten und heißesten Orte der Welt, bekannt für Salzseen, aktive Vulkane und bizarre Schwefelformationen. Außer Einheimischen, Forschern und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen aber verirren sich hier nur Abenteuertouristen hin - denn die Gegend ist gefährlich. Sehr gefährlich, wie nun eine Gruppe von Reisenden erfahren musste, die den Vulkan Erta Ale besichtigen wollten. Sie wurde bei dem Ausflug überfallen, fünf von ihnen wurden getötet, darunter zwei Deutsche. Außenminister Guido Westerwelle bestätigte die Angaben über die deutschen Todesopfer. "Ich muss Ihnen leider auch mitteilen, dass das Schicksal von weiteren Deutschen, die zu der Reisegruppe gehörten, noch ungeklärt ist", erklärte Westerwelle.

Der genaue Hergang ist noch nicht vollständig geklärt. Die Gegend ist sehr abgelegen. Reisende sind dort nur über Satellitentelefon erreichbar. Selbst die äthiopische Regierung ist nicht immer Herr über alle Informationen. Ihr Sprecher korrigierte nun seine Aussage, wonach die weiteren Todesopfer aus Belgien, Italien, Ungarn und Australien stammen. Stattdessen handele es sich um einen Österreicher und zwei Ungarn. Insgesamt bestand die Gruppe aus acht oder neun Touristen. Vier weitere Urlauber seien gekidnappt worden, darunter zwei Deutsche. Angeblich sind sie ins Nachbarland Eritrea verschleppt worden.

Dauerkonflikt zwischen Äthiopien und Eritrea

Äthiopien wirft dem verfeindeten Nachbarland Eritrea vor, die Angreifer unterstützt zu haben. Es habe sich um von der Regierung ausgebildete "Terrorgruppen" gehandelt, die die Grenze zu Äthiopien überquert und die Touristen angegriffen hätten. Die beiden Länder streiten sich seit der Unabhängigkeit Eritreas von Äthiopien 1991 über den Grenzverlauf. 1998 führten sie deswegen einen zweijährigen Krieg miteinander, bei dem 7000 Menschen ums Leben kamen. Wegen des Dauerkonflikts warnt das Auswärtige Amt vor Reisen in das Gebiet, weil es dort immer wieder zu Überfällen durch Banditen und Untergrundorganisationen sowie zu Entführungen kommt.

Die äthiopische Regierung glaubt deswegen, dass hinter der Attacke politische Motive stecken. Denn in der nächsten Woche beginnt in der Hauptstadt Addis Abeba der Gipfel der Afrikanischen Union. "Offensichtlich will die eritreische Regierung vor dem Treffen für Unruhe sorgen. Die Regierung unterstützt Terroristen wie die al Shabaab und gefährdet den Frieden im ganzen Horn von Afrika. Äthiopien behält sich das natürliche Selbstverteidigungsrecht vor. Unsere Soldaten sind vor Ort, haben die äthiopisch-eritreische Grenze bislang nicht überschritten", so der Regierungssprecher.

Zweimal wurden schon Touristen entführt

Ein Vertreter des Nachbarlandes bei der Afrikanischen Union aber weist Vorwürfe zurück, Eritrea habe die Gruppe der Angreifer bewaffnet und ausgebildet. Das sei eine Lüge. "Eritrea hat mit diesen Bewegungen nichts zu tun." Das international isolierte Regime beschuldigt die äthiopische Regierung jedoch regelmäßig, Vorwürfe gegen Eritrea zu erfinden, um dem kleinen Nachbarland zu schaden. 1995 und 2007 wurden in der Danakilwüste schon einmal westliche Touristen entführt. Beide Gruppen (vier Briten und eine Französin vor fünf Jahren, neun Italiener vor 17 Jahren) kamen nach knapp zwei Wochen frei.

Der in Äthiopien lebende Italiener Luigi Cantamessa bietet mit seiner Reiseagentur seit Anfang der 90er Jahre Touren in die Danakilwüste an. "Es ist sehr schwierig, aus dieser entlegenen Region zuverlässige Informationen zu bekommen. Der Vulkan Erta Ale ist sehr schwer zu erreichen. Ich verstehe nicht, warum die Entführer ausgerechnet dort zuschlugen", sagt er. Eine von ihm organisierte Tour, die an diesem Mittwoch starten sollte, hat er abgesagt.

Reiseveranstalter betreut Angehörige

Eine Deutsche, die ebenfalls in Addis Abeba lebt, hatte die Wüste im Februar 2011 bereist: "Unsere Gruppe wurde von mehreren schwerbewaffneten Soldaten und lokalen Führern begleitet. Wir hielten die Sicherheitsmaßnahmen für übertrieben. Es gab keine Zwischenfälle. Wir haben uns damals sicher gefühlt. Offensichtlich wiegten wir uns in falscher Sicherheit."

Auch der Dresdner Reiseveranstalter Diamir hat mittlerweile alle Reisen in die betroffene Region abgesagt. Offenkundig hatten die deutschen Teilnehmer der Gruppe bei dem Unternehmen gebucht. Auf dessen Internetseite hieß es, dass man den Zwischenfall außerordentlich bedaure und mit allen zuständigen Stellen fortwährend in engem Kontakt stehe. Die Angehörigen würden betreut. Unklar ist noch, wie viele Touristen über Diamir nach Ostafrika gereist waren.


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