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Übergriff in Freiburger Bahn: "Die ist doch selber schuld"

Kaum zu fassen: In einem vollbesetzten Zug in Freiburg wird eine Frau in übler Weise belästigt. Doch statt zu helfen, schauen die anderen Fahrgäste weg. Einer sagt: "Die ist doch selber schuld." Selbst die Polizei ist sprachlos.

Von Manuela Pfohl

Sonntagabend in Freiburg. Dutzende Menschen warten im Hauptbahnhof auf ihre Züge. Um 19.50 Uhr will auch eine 20-Jährige mit dem Regionalzug Richtung Offenburg fahren. Plötzlich steht ein Mann schwankend vor ihr und beginnt sie zu beschimpfen. Die junge Frau versucht ihm auszuweichen. Doch der Mann lässt nicht ab, pöbelt immer weiter und immer aggressiver. Dann endlich kommt der Zug. Gott sei Dank, denkt die Frau. Steigt ein und hofft, dass alles vorbei ist. Doch der Mann folgt ihr in den Wagen. Sie springt zurück auf den Bahnsteig, läuft hektisch zum nächsten Waggon, steigt ein, atmet durch - und wieder ist er da. Er packt sie an den Armen, stößt ihr in den Rücken. In ihrer Verzweiflung bittet die Frau die anderen Fahrgäste um Hilfe. Immer wieder und immer umsonst. Nur eine Frau reagiert: Wer so ein kurzes Kleid trage, sei selber schuld, wenn er belästigt würde, sagt sie eiskalt.

Flucht in letzter Minute

Thomas Gerbert, Pressesprecher der Freiburger Bundespolizei, macht das nahezu sprachlos. "Jeder kann in eine solche Lage geraten und dann selbst Hilfe benötigen. Es ist mir unverständlich, dass hier niemand der Fahrgäste eingegriffen hat, um der jungen Frau zu helfen."

Erst eine zufällig vorbeikommende Streife der Bundespolizei macht dem Spuk ein Ende. Kurz vor Abfahrt des Zuges sieht die junge Frau die Beamten. Im letzten Moment kann sie sich von ihrem Peiniger losreißen und flüchten. Der 46-Jährige wird festgenommen. Ein Atemalkoholtest zeigt, dass er mehr als drei Promille intus hat.

Und wieder zeigt sich, dass Zivilcourage offenbar eine seltene Tugend ist. Erst im September 2009 war die Öffentlichkeit von einem krassen Fall geschockt. Damals hatten Jugendliche in München einen Mann tot geprügelt, weil er bedrängten Kindern in einer S-Bahn helfen wollte. Er bezahlte seine Zivilcourage mit dem Leben, weil die Umstehenden weder den Kindern noch ihm halfen, obwohl sie zahlenmäßig überlegen waren. Kein Einzelfall, wie auch andere Erfahrungen zeigen.

Wegsehen, weghören, weggehen

An der Uni Göttingen haben Forscher das Phänomen Zivilcourage erstmalig realitätsnah untersucht. In der Sendung "Report Mainz" berichtet der Soziologe Stefan Schulz-Hardt von einem Feldversuch mit versteckter Kamera. Das Ergebnis sei erschreckend gewesen: Nur fünf Prozent der Untersuchten sei überhaupt bereit gewesen, helfend einzugreifen. Wegsehen, weghören und weggehen.

Doch warum sind so wenige Menschen bereit zu helfen, wenn neben ihnen jemand in Not ist? Und ist der feigen Gleichgültigkeit nur mit drastischen Strafen beizukommen?

In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erklärt Joachim Kersten von der Polizeihochschule in Münster: "Was in den Köpfen derjenigen, die nur herumstehen und nicht helfen, vorgeht, wissen wir, das ist sehr gut erforscht." Im Wesentlichen sei es so, dass jeder darauf warte, dass der andere etwas tut. Nach dem Motto, warum soll ich mich als erster einmischen, wenn es auch kein anderer tut. Erst wenn dieses Schweigen durch eine Person gebrochen wird, die aktiv zur Hilfe für einen Bedrängten auffordert, werde reagiert.

Werden sich Zeugen melden?

Zur Forderung nach verschärften Strafen meint der Sozialpädagoge Wolfgang Goß: "Es wird seit langem immer wieder nachgewiesen, dass das Strafmaß als Abschreckung kaum präventive Wirkung hat, ein Zuviel aber kriminalitätssteigernd wirkt.

Die Freiburger Polizei hofft, dass sich Zeugen für den Vorfall am Sonntagabend melden. Ob sie allerdings wirklich den Mut haben werden, darf bezweifelt werden.

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