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Umstrittene Hinrichtung in den USA: Die letzten Stunden von Troy Davis

Um 19 Uhr Ortszeit sollte Troy Davis die Giftspritze gesetzt bekommen. Doch die Hinrichtung verzögerte sich um vier Stunden. Das Drama von Jackson.

Von Niels Kruse

Zwölf Stunden vor seinem Ende wandte sich der Delinquent noch einmal an die Öffentlichkeit: "Ich bin in guter Verfassung und voller Gebete und in Frieden", hieß es in seiner Botschaft, die Amnesty International verbreitete: "Der Kampf für Gerechtigkeit endet nicht mit mir, der Kampf ist für alle Troy Davis', die vor mir kamen und die nach mir kommen werden." Kurz zuvor hatte ein Gerichtsausschuss entschieden, dass der wegen Mordes verurteilte Mann nicht länger auf Gnade hoffen könne. Damit war die letzte Hoffnung zerstört, dass der Hinrichtungstermin vielleicht ein weiteres Mal aufgeschoben werden würde.

Zunächst wandten sich seine Anwälte an die Justiz in Georgia, weil sie angeblich neue Beweise hätten, die Davis entlasten würden. Doch das Gericht wies ihren Antrag ab. Direkt danach, rund anderthalb Stunden vor dem Hinrichtungstermin, riefen die Verteidiger erneut den obersten Gerichtshof in Washington an. Die neun Richter des Supreme Court aber berieten mehrere Stunden lang, um den Antrag der Verteidigung letztlich abzulehnen. Das war gegen 22.30 Uhr. Berichten zufolge soll Davis in der Zeit vier Mal in die Exekutionskammer in Jackson geführt worden sein. Um 23.08 Uhr, vier Stunden nach dem ursprünglich angesetzten Zeitpunkt, wurde dem 42-Jährigen dann die Giftspritze gesetzt. Vor dem Gefängnis, hatten Hunderte von Menschen gewartet und protestiert. In Sprechchören riefen sie immer wieder "Todesstrafe? Zur Hölle nein!" und "Befreit Troy Davis". Auch Davis' Familie war darunter und hoffte bis zuletzt.

Davis als 20-Jähriger festgenommen

Dreimal war Troy Davis, 42, zum Tode verurteilt am 30. August 1991, seiner bereits terminierten Exekution entgangen. Am 16. Juli 2007, nur einen Tag vor der ersten Ansetzung, wurde die Vollstreckung aufgeschoben. Beim zweiten Termin am 23. September 2008, stoppte der Oberste Gerichtshof der USA das tödliche Prozedere nur wenige Stunden zuvor, den dritten Termin konnten die Anwälte des Verurteilten ebenfalls verhindern. Zu dem Zeitpunkt, im Oktober 2008, war der Fall Davis schon längst zum Politikum geworden. Weltweit hatten bereits Hundertausende von Menschen eine Petition unterschrieben, die Davis' Hinrichtung verhindern sollte. Jetzt, drei Jahre später, sind es rund eine Million, selbst Papst Benedikt XVI. und Ex-US-Präsident Jimmy Carter setzten ihren Namen auf die Liste. Es half nichts.

Als Davis am 23. August 1989 verhaftet wurde, patrouillieren in Berlin noch die Grenztruppen an der Mauer. Der Gameboy war gerade einmal vier Monate auf dem Markt und an der Spitze der US-Hitparade wechselten sich Prince mit den New Kids on the Block und Milli Vanilli ab. Der damals 20-jährige Davis war mit dem Auto unterwegs zurück ins heimische Savannah, als die Polizei den Wagen umstellte und Davis wegen folgender Anschuldigung festnahm: Er habe einen Mann angegriffen, einen weiteren angeschossen und einen Polizisten namens Mark MacPhail mit zwei Schüssen getötet.

Keine DNA-Spuren, keine Fingerabdrücke, keine Waffe

Bereits einige Tage zuvor war Troy Davis ins Visier der Ermittler geraten. Sie hatten sein Haus durchsucht, aber weder die Tatwaffe noch irgendetwas anderes gefunden, was auch nur annähernd die Vorwürfe gegen den jungen Mann erhärten hätte können. Ein Grund, warum sich die Polizei auf den Afroamerikaner konzentrierte, war die Aussage mehrerer Zeugen, der Täter habe ein weißes Hemd getragen. Davis hatte an dem verhängnisvollen Abend, den 19. August 1989, ein weißes Hemd getragen. Dieser Umstand reichte für eine Mordanklage nicht aus, aber es gab noch den Hauptbelastungszeugen Sylvester 'Redd' Coles, der gesehen haben will, wie Davis die tödlichen Schüsse abgegeben haben will. Während sieben von neun Zeugen im Laufe der Jahre ihre Angaben widerrufen hatten, beharrte Coles auf seiner Aussage.

Bis auf diese Aussage gibt es bis heute nichts, was die Schuld von Troy Davis hieb- und stichfest beweisen könnte. Weder DNA-Spuren, noch Fingerabdrücke, auch die Tatwaffe ist in den vergangenen 22 Jahren nicht aufgetaucht. Dennoch lehnten die diversen Gerichte, an die sich seine Anwälte immer wieder gerichtet hatten, die Aufhebung des Urteils immer wieder ab. Der Angeklagte könne seine Unschuld nicht überzeugend darlegen, hieß es immer wieder. Nun also sollte Davis am 21. September um 19 Uhr Uhrzeit für eine Tat büßen, zu der er sich nie bekannte und von der niemand weiß, wer sie tatsächlich begangen hatte. Nachdem auch der Begnadigungsausschuss sein letztes Wort gesprochen hatte, sah die Verteidigung nur noch einen letzten Weg, die Exekution ihres Mandanten Davis in allerletzter Minute zu verhindern.

"Große und begründete Zweifel an seiner Schuld"

Amnesty International, die die Petition für Davis initiiert hatte, warf der Justiz Versagen vor. Das System werde seinen eigenen Ansprüche nicht gerecht, sagte Amnesty-Mitarbeiter Sumit Bhattacharyya. Der Begnadigungsausschuss habe in seiner ersten Entscheidung gefordert, dass Davis nur hingerichtet werden solle, wenn es keinen vernünftigen Zweifel an seiner Schuld gebe. "Jetzt ist er mit der Giftspritze getötet worden, obwohl es große und gut begründete Zweifel an seiner Schuld gab."