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Untersuchung Undercover-Agenten – Frauen klagen die Heiratsschwindler von der Polizei an

Selbst Tierschutzaktivistinnen wurden ins Visier genommen (Symbolfoto)
Selbst Tierschutzaktivistinnen wurden ins Visier genommen (Symbolfoto)
© ustin Ng / Picture Alliance
In London unterwanderte die Polizei Bürgerinitiativen und Protestszene mit Romeo-Agenten. Sie versprachen harmlosen Aktivistinnen ein gemeinsames Leben und tauchten irgendwann spurlos ab. Eine Untersuchungskommission soll die Methoden der Sex-Bobbies aufklären.

Warum werden normale Polizeibeamte zu Undercover-Agenten? Weil sie den Staat schützen, sagen die Behörden. Weil sie selbst heimliche Kriminelle sind, deutet Hollywood an. Die Wahrheit ist viel naheliegender und beschämend: Polizisten tauchen offenbar ab, um mit neuer Identität ungestört und ungestraft fremd gehen zu können. Allein in London sollen mindestens 21 Undercover-Beamte intime Beziehungen zu mehr als 36 Frauen aufgebaut haben. Zum Teil gehörten die Frauen zur überwachten Szene und teils gingen sie den Romeo-Agenten so ins Netz.

Überwacht wurde nicht die Mafia oder britische Gangsterbanden - sondern eher harmlose linke Gruppierungen und Bürgerinitiativen. Schon die Breite der Einsätze macht deutlich, dass es mehr Gesinnungsschnüffelei und eine staatliche Zersetzungskampagne ging und nicht um Gefahrenabwehr. Die geheimen Einheiten sollen in London mehr als 1000 politische Gruppen ausspioniert haben.

Polizisten ruinierten Biografien

Dabei richteten die Beamten – es waren auch einige Frauen darunter – einen dauerhaften Schaden bei ihren "Partnern" an. Denn sie schleusten sich nicht nur in die Gruppen ein, zur Beglaubigung wurden gezielt "Lebenspartnerschaften" in der Szene aufgebaut. Erstmals klären sieben Frauen in dem Podcast " Bed of Lies" die Öffentlichkeit, über die schamlosen Praktiken der Polizei auf. Bei manchen hat es Jahre gedauert, bis sie bemerkten, wie ihnen mitgespielt wurde. Im Jahr 2000 verschwand Allisons (alle Namen wurden von der Redaktion geändert) langjähriger Freund, den sie unter dem Namen Mark Cassidy kannte. Weil sie keine Spur von ihm finden konnte, dachte die verzweifelte Frau sogar, er sei ein ausländischer Spion. Tatsächlich war er aber Polizist. In diesen Tagen beginnt die Beweisaufnahme in einer neuen Untersuchung, in früheren Gerichtsverfahren mauerten die Behörden, sodass die Opfer kaum etwas über die Einsätze und die Beamten erfuhren, die das Ganze angeordnet hatten. Nun wird gegen 139 Polizisten ermittelt. Teilweise zeugten sie Kinder mit ihren Opfern oder versprachen ihnen die Ehe, um dann plötzlich zu verschwinden.

Harmlose Frauen als Einstieg in die Szene

Die Frauen selbst waren meist in harmlosen Bürgerinitiativen tätig. Allison, damals Ende 20, gehörte keiner militanten Gruppe an, sie engagierte sich bei einer Organisation, die gegen Korruption und Polizeigewalt gegen Schwarze kämpfte. Als später als alles ans Licht kam, konnte ihr Bruder es nicht glauben, dass die "Teekessel-Runde" seiner Schwester infiltriert worden sei. Allison und die meisten anderen Frauen waren nur ein Steigbügelhalter. Die Liebe einer linken Aktivistin sollte den Agenten den richtigen Background verschaffen. Allisons Romeo-Agent machte sich in der Gruppe schnell beliebt. Er trug einen Ohrring im Ohr und einen "kleinen dürren Pferdeschwanz auf dem Rücken", erinnert sie sich. Als Tischler mit seinem eigenen Transporter war er der Gruppe immer behilflich. Nach wenigen Wochen zog er bei Allison ein und sie führten jahrelang das Leben einer Quasi-Ehe im linken Milieu. Politisch radikalisierte sich der Agent schnell und ließ seine biedere Freundin schnell hinter sich. Er trat einer Gruppe, die sich mit rechten Gruppierungen Straßenkämpfe lieferte. Zwischen beiden begann es zu kriseln, als Alison – nun in den Dreißigern - eine Familie gründen wollte. Aber hier blockte Agent Cassidy an, in seinem echten Leben war er verheiratet und hatte bereits Kinder. Stattdessen gingen sie zur Paarberatung.

Vorgehen nach Handbuch

Eines Abends im März 2000 fand sie in ihrer Wohnung einen schmachtvollen Abschiedsbrief. Noch konnte Allison ihren vermeintlichen Partner erreichen. Sie flehte ihn an zurückzukommen. Vergeblich, die Vorgesetzten hatten den Einsatz beendet, dann verschwand Cassidy endgültig. Weil er systematisch alle Spuren aus der Wohnung beseitigt hatte, kam Allison auf die Theorie, dass er ein ausländischer Agent gewesen sein musste. Erst als im Jahr 2011 bekannt wurde, dass ein anderer Undercover-Polizist, Mark Kennedy, jahrelang als Undercover-Aktivist in Nottingham gelebt hatte, erkannte Allison die Falle, in die sie geraten war. Kennedy hatte gleich intime Beziehungen zu mehreren Frauen. Auch er machte sie dank eines eigenen Transporters bei den Protestlern unentbehrlich. Hauptsächlich lebte er mit Lisa zusammen – einer engagierten Tierrechtsaktivistin. Doch im Urlaub entdeckte sie seinen echten Pass. Bald fand sie heraus, dass er Polizist und Vater zweier Kinder war. Geld spielte übrigens keine Rolle. Der Einsatz von Kennedy soll jährlich 250.000 Pfund gekostet haben.

Frauen erwarten Strafen für die Betrüger und die Vorgesetzten

Als sie und andere Frauen den Skandal öffentlich machten, sollte die Angelegenheit vertuscht werden. Die Frauen wurden mit einer Gegenkampagne beschmutzt und unglaubwürdig gemacht – bezahlt vermutlich vom Steuerzahler. Eine Gruppe von ihnen, darunter Alison und Lisa, reichte ein Gerichtsverfahren gegen die Met Police ein. Doch auch hier gelang es der Polizeiführung, Hintergründe und die beteiligten höheren Beamten in den Verfahren weitgehend geheim zu halten. Die Frauen sind sich dagegen sicher, dass die Agenten strickt nach Anweisung vorgingen. Immer suchten sie sich "harmlose" Aktivistinnen, um so Zutritt zur Szene zu bekommen. Dazu kam der einfache Trick mit dem Transporter. Alle erzählten die gleichen rührenden Geschichten über eine zerrüttete Kindheit, die erklärte, warum es keine Kontakte zu Verwandten gab. Sogar die rührseligen Liebesschwüre in den Abschiedsbriefen folgten dem gleichen Muster. Nun hoffen die Frauen auf die neue Untersuchungskommission. Lisa will erfahren: "Wer wusste, dass ich in einer Beziehung mit Mark Kennedy stand? Wer hat ihn beaufsichtigt? Und vor allem: Wurde er absichtlich geschickt, um mich ins Visier zu nehmen?" Alison verlangt: "Wir wollen alle Berichte sehen, die diese Offiziere über uns geschrieben haben."

Die Frauen sagen, dass diese Einsätze ihr Leben nachhaltig ruiniert hätten. Ihre Beziehungen zu Männern seien gestört, die Polizeiführung habe ihnen die Chance auf ein normales Leben mit Kindern und einem Mann geraubt. Ihr Ziel ist es, dass die Agenten und die Vorgesetzten, die intime Beziehungen anordneten, strafrechtlich belangt werden. Bislang wurde kein Polizeibeamter von der Staatsanwaltschaft wegen seiner Sex-Beziehungen behelligt. Und nur von einem einzigen ist bekannt, dass er wegen Fehlverhaltens angeklagt worden ist. Dieser Beamte hatte Dienstgeheimnisse an die Protestszene verraten.

Quelle: Bed of Lies


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