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Unfallflucht nach Horror-Crash: Böhse-Onkelz-Sänger steht vor Gericht

Heute beginnt in Frankfurt der Prozess gegen Böhse-Onkelz-Sänger Kevin Russell. Der 46-Jährige soll am Silvesterabend 2009 unter Drogeneinfluss einen Autounfall mit zwei Schwerverletzten verursacht haben - und geflüchtet sein. Russell drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Es ist der frostige Silvesterabend 2009, als ein schwarzes Sportcoupé über die A66 bei Frankfurt rast. Mit Tempo 230 setzt es zum Überholen an. Beim Einscheren rammt der 420-PS-Audi einen Opel Astra. Beide Autos geraten ins Schleudern, der Opel knallt gegen die Leitplanke und geht in Flammen auf. Ersthelfer ziehen zwei junge Männer, 19 und 21 Jahre, gerade noch aus dem Autowrack.

Bei dem Unfallverursacher, der zu Fuß flüchtet, soll es sich um den Sänger der ehemaligen Rockband Böhse Onkelz, Kevin Russell (46), handeln. Wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung, fahrlässiger Körperverletzung und Unfallflucht steht er von Freitag an vor dem Frankfurter Landgericht. Bei einer Verurteilung drohen Russell bis zu fünf Jahre Haft. Er wird auf jeden Fall selbst zur Verhandlung erscheinen, wie sein Frankfurter Anwalt Bernd Schuster sagte. "Es besteht ja Anwesenheitspflicht". Weitere Stellungnahmen wollte Schuster vor dem Prozess nicht abgeben.

Alkohol, Heroin, Wutausbrüche

Es werde mit großem Medienandrang gerechnet, sagte ein Gerichtssprecher. Daher wurde extra ein Raum mit 70 Presseplätzen ausgewählt. Der Prozess ist spektakulär - nicht zuletzt, weil die Böhsen Onkelz bis zu ihrer Auflösung 2005 mit ihrer 180-Grad-Wende von der Skinhead-Kultgruppe zu erklärten Antifaschisten skandalumwittert waren. Und weil Russell wie eine tragische Figur erscheint: Während der 25-jährigen Bandgeschichte kämpfte er immer wieder mit Alkohol- und Heroinabhängigkeit, er war berüchtigt für seine Wutausbrüche.

Auch an jenem Silvesterabend soll Russell am Steuer des geliehenen Wagens unter Einfluss von Kokain, Methadon und des Psychopharmakons Diazepam gestanden haben. Festgenommen wurde der Sohn einer Deutschen und eines britischen Piloten am Neujahrstag in einem 5-Sterne-Hotel im Taunus. Dort soll er zuletzt monatelang gelebt haben.

Russell bestreitet die Tat

Zunächst hatte Russell die Tat bestritten und sich zuletzt zu den Anschuldigungen nicht mehr geäußert. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm auch vor, der Polizei einen anderen Mann als Unfallfahrer präsentiert zu haben. Dieser soll sich in Begleitung von Russells Manager als Unfallfahrer ausgegeben haben.

Anklage konnte vor allem deshalb erhoben werden, weil Russells DNA-Spuren am Airbag des Unfallautos festgestellt wurden. Nach der Festnahme kam der gebürtige Hamburger gegen eine Sicherheitsleistung von 50 000 Euro wieder auf freien Fuß. Wegen eines früheren Drogendelikts hat er laut Anklagebehörde noch eine Bewährungsstrafe.

Einem Opfer musste die Hand amputiert werden

Für die Opfer hatte der Unfall schwerwiegende Folgen: "Der Fahrer trug Verbrennungen an mehreren Körperstellen, eine Leberblutung, eine Milzruptur sowie eine Verletzung der linken Niere davon", heißt es in der Anklageerhebung der Staatsanwaltschaft. Der Beifahrer erlitt Verbrennungen, außerdem wurde ihm eine Hand amputiert.

"Der Angeschuldigte soll kurz auf das brennende Fahrzeug geschaut und dann zu Fuß die Unfallstelle verlassen haben", beschreibt die Staatsanwaltschaft die Situation nach dem Horror-Crash. Russell sei erst geflüchtet, als bereits Ersthelfer zur Stelle waren. "Daher musste er nicht davon ausgehen, dass er die Unfallopfer in einer hilflosen Lage zurücklassen werde." Deshalb wurde der Musiker nicht wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Es sind zunächst sechs Verhandlungstage angesetzt.

Inga Radel/DPA / DPA