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Ungeklärtes Verbrechen: Jahrhunderträtsel um eine vermisste Schottin

Moira Anderson verschwand vor mehr als 50 Jahren. Bis heute kann der Fall nicht zu den Akten gelegt werden. Auch der jüngste Versuch scheiterte, ihre sterblichen Überreste zu finden.

Von Thomas Schmoll

Als die Nachricht, auf die sie jahrelang so sehr gewartet hatte, im vergangenen Juli in Sydney eintraf, erlebte Janet Hart ein Wechselbad der Gefühle. Da waren Schock und Entsetzen, aber auch Erleichterung, Hoffnung und Zuversicht, das zu können, was ihren Eltern verwehrt blieb: das traurigste Kapitel der Familiengeschichte abzuschließen. Der Genaralstaatsanwaltschaft ihrer schottischen Heimat hatte angeordnet, die Untersuchungen zum Verschwinden ihrer Schwester Moira Anderson wieder aufzunehmen und nicht länger als Fall einer "vermissten Person" zu behandeln, sondern als Mord.

Wohlgemerkt, knapp 56 Jahre nachdem die Schwester von Janet Hart zum letzten Mal lebend gesehen wurde. Die 69-Jährige, die in Sydney lebt, betete, dass endlich aufgeklärt werden kann, was Moira zugestoßen ist. "Nichts wird sie jemals zurückbringen, aber die jüngste Entwicklung ist enorm ermutigend", sagte Hart im Juli der in Glasgow erscheinenden Zeitung "Daily Record".

Elf Jahre alt ist Moira Anderson, als sie am 23. Februar 1957 in der Grafschaft Lanarkshire während eines schweren Schneesturms zu einem Lebensmitteleinkauf für ihre Oma aufbricht. Das Letzte, was man gesichert über sie weiß, ist, dass sie einen Bus bestieg. Danach verliert sich ihre Spur weitgehend. In dem Geschäft, in dem sie einkaufen wollte, kommt Moira nie an. Eine großangelegte Suchaktion bringt keinen Erfolg. Das Mädchen, das fünf Wochen später ihren zwölften Geburtstag gefeiert hätte, bleibt verschwunden, ihre Leiche wird nicht gefunden.

Bruch mit dem Vater

Der Fall bewegt bis heute die britische Öffentlichkeit. Dass das so ist, liegt vor allem an Sandra Brown. Sie lebte als Kind in direkter Nachbarschaft zu Moira in Coatbridge, einer Stadt mit heute etwa 40.000 Einwohnern, ungefähr 20 Autominuten von Glasgow entfernt. Sandra Brown ist die Tochter des Fahrers, der den Bus lenkte, in den das Mädchen eingestiegen war. Alexander Gartshore war es höchtswahrscheinlich, der die Vermisste als Letzter gesehen hat. Er vergewaltigte - ein paar Tage nach dem Verschwinden von Moira Anderson - eine 17-Jährige, wofür er zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Kurz nach dem Tod seiner Frau 1992, so schildert es seine Tochter, sprach er zum ersten Mal überhaupt mit Sandra über den Fall. "Er sagte mir, dass ihm sein eigener Vater die Schuld für Moiras Tod gab. Wahrscheinlich dachte er damals, dass ich mich nicht an Moira erinnern könne, weil ich erst acht Jahre alt war, als sie verschwand", sagte Sandra Brown jüngst der BBC.

Nach dem Schock - wenige Monate später brach sie den Kontakt zu ihrem Vater ab - beschloss sie nach eigener Darstellung, zur Polizei zu gehen. Diese befragte Gartshore, der jedoch jede Verstrickung in den Fall bestritt und stets bei dieser Version blieb. Immer im Kontakt mit Moiras Schwester machte es sich Sandra Brown zur Aufgabe, das Schicksal ihrer verschwundenen Freundin aufzuklären. Ihren Erzeuger beschuldigte sie des Mordes. "Ich habe keine Zweifel daran, dass mein Vater sein ganzes Leben ein Pädophiler war."

Indizien, aber kein einziger Beweis

Es gibt sowohl für diesen Verdacht viele Indizien als auch dafür, dass Alexander Gartshore tatsächlich für den Tod des Mädchens verantwortlich ist - allerdings keinen einzigen Beweis. 1999 machte ein als Kinderschänder verurteilter Straftäter, der mit Gartshore vor etlichen Jahren befreundet war, eine Aussage, die die Vermutung erhärtete. Im Angesicht des Todes wollte der krebskranke James Gallogley reinen Tisch machen. Er beichtete einem Mithäftling, Gartshore habe einem Kinderschänderring angehört und Moira Anderson zusammen mit zwei weiteren Männern sexuell missbraucht.

Die Polizei nahm das zum Anlass für neue Ermittlungen. Ihren Erkenntnissen zufolge wurde das Mädchen in einem Busdepot von mehreren Männern geschändet, die nicht ermittelt werden konnten. Sie ließen demnach das Mädchen im Bus zurück. "Wir glauben, dass sie erfroren ist. Es war bitterkalt in der Nacht", erläuterte ein Ermittler 2003 einen Bericht zu dem Fall. Vermutlich versteckten die Täter die Leiche des Mädchens in einem Landschaftsgebiet mit vielen Teichen und Gräben. Schon damals schickte Moiras Schwester Janet Hart Stoßgebete gen Himmel. "Nun habe ich Hoffnung und bete zu Gott, dass der Fall neu untersucht wird und wir damit abschließen können", sagte sie seinerzeit der BBC. Doch das passierte nicht.

"Wir haben unseren Frieden gemacht"

Kurz vor seinem Tod Anfang 2006 besuchte Sandra Brown ihren Vater auf dem Sterbebett. Er litt an Krebs. "Ich denke, eine Menge Leute waren überrascht, dass es dazu kam. Aber ich bin froh darüber", sagte sie unmittelbar nach dem Treffen. "Wir haben unseren Frieden gemacht." Damals wollte sie sich in ersten Interviews nicht dazu äußern, ob ihr Vater bei seiner Aussage bleibe, mit dem Fall nichts zu tun zu haben. Im Laufe des Jahres 2006 brachte sie eine überarbeitete Version ihres erstmals 1996 erschienenen Buches "Where there is Evil" (Wo Böses existiert) heraus, das auf der Insel ein Bestseller wurde. Darin erklärt sie, bei dem Treffen kurz vor dem Tod des Vaters habe dieser ihr gesagt, das Schicksal des kleinen Mädchens habe "sein ganzes Leben überschattet".

Bekannt wurde außerdem eine Äußerung Gartshores, sein früherer Bekannter Sinclair Upton habe "ihm einen Gefallen getan". Upton starb im Feburar 1957, dem Monat, in dem Moira verschwand. Daraus schlussfolgerte Brown, der Vater habe die Leiche Moiras im Grab der Uptons versteckt. Dort fanden bislang acht Mitglieder der Familie ihre letzte Ruhestätte. 2007 erbrachten Radaruntersuchungen der Begräbnisstätte Hinweise, dass dort die sterblichen Überreste einer weiteren Leiche liegen könnten.

Öffnung eines Familiengrabes

Die Schwestern des Opfers beantragten die Öffnung des Grabes auf dem Old Monkland Friedhof in Coatbridge. Nachdem der schottische Generalstaatsanwalt eine Wiederaufnahme der Ermittlungen anordnete, war der Weg frei. Die Behörden stimmten dem Ansinnen mit Einverständnis der Familie Upton im Dezember zu. In dieser Woche wurde die Gruft unter Leitung von Professorin Sue Black geöffnet, einer Koryphäe auf dem Gebiet forensischer Untersuchungen, die schon Massengräber im Kosovo und Irak untersuchte.

Mit Spannung erwarteten Brown, die zwei Schwestern des Opfers und die britische Öffentlichkeit, die den Fall seit dem Verschwinden des Mädchens intensiv verfolgt, das Ergebnis. Während Sandra Brown voller Zuversicht war, dass der Fall endlich aufgeklärt wird, sagte Janet Hart der "Sun": "Wir wissen nicht, ob wir Moira finden werden. Aber wir können endlich sicher sein, dass sie an genau der Stelle suchen, an der wir sie vermuten." Die 69-Jährige bat darum, zu jeder Tages- und Nachtzeit angerufen zu werden, sobald das Ergebnis da ist. Inzwischen kennt sie es. Und es ist nicht das, worauf sie all die Jahre gehofft hatte. Diese Woche überbrachte die Polizei die schlechte Botschaft. Chefinspektor Kenny McLeaod sagte: "Ich kann bestätigen, dass Moiras sterbliche Überreste nicht gefunden wurden." Der Fall bleibt auch nach einem halben Jahrhundert ungelöst.

McLeod verspricht, alles zu unternehmen, doch noch Licht ins Dunkel zu bringen. "Trotz des Ergebnisses wird der Fall nicht zu den Akten gelegt." Sandra Brown gibt die Hoffnung nicht auf. Dem "Guardian" sagte sie: "Es ist nicht das Ende der Geschichte und wir glauben fest daran, dass Moira gefunden wird."

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