Uni-Massaker in den USA Kaltblütig geplant?

Der Amokläufer, der über den Uni-Campus der Virginia Tech zog, erschoss 32 Studenten. Offenbar kannte er sich auf dem Gelände sehr gut aus und suchte seine Opfer gezielt aus. Die Menschen in den USA sind über das Massaker schockiert - die Waffenlobby reagiert gewohnt zynisch.
Von Katja Gloger, Washington

Der Killer kam um kurz nach neun Uhr morgens. Er öffnete die Tür zum Hörsaal im ersten Stock des Norris Hall-Gebäudes und feuerte los.

Zuerst traf er den Professor, dann richtete er seine beiden Handfeuerwaffen auf die Studenten. Die meisten hatten geistesgegenwärtig reagiert, sich zu Boden geworfen, Tische umgestürzt, um Deckung zu finden. Doch der Mann in der Lederjacke schoss gezielt, er feuerte eine Minute lang, verschoss Dutzende Kugeln, er traf mindestens zehn Studenten, dann verließ er den Raum. Er sagte kein einziges Wort.

Der Biologie-Student Derek O'Dell wurde von zwei Kugeln in den Oberarm getroffen. Trotz seiner Verletzung schaffte er es, mit zwei weiteren Studenten die Tür zu verbarrikadierten. Diese mutige Handlung rettete ihm und wohl vielen seiner Kommilitonen das Leben. Denn nur wenige Minuten später kam der Amokläufer zurück, er schoss mehrmals durch die Tür. Dann wandte er sich ab. Die Studenten hörten Schüsse in anderen Räumen. Es schien ihnen eine Ewigkeit zu dauern, bis es still wurde. Dann endlich stürmte die Polizei das Gebäude.

Schauplatz des schlimmsten Amoklaufes

Virginia Tech. Die idyllisch gelegene, renommierte staatliche Universität in den Ausläufern der Appalachen wurde gestern zum Schauplatz des bislang schlimmsten Amoklaufes in der Geschichte der Vereinigten Staaten. 32 Studenten hatte der Täter kaltblütig erschossen, dazu mehr als ein Dutzend verletzt. Jetzt trauert eine geschockte Nation. Dutzende Organisationen erklären auf Websites ihre Solidarität mit den Opfern, bieten Hilfe an, psychologische Betreuung. Politiker kommentieren bestürzt, der US-Kongress versammelte sich noch gestern zu einer Schweigeminute. Die Fernsehsender berichten rund um die Uhr. Wie nach jeder grausamen Tragödie dieser Art wird jetzt auch erneut über die viel zu lockeren Waffengesetze des Landes debattiert. Man debattiert auch darüber, dass es das "Böse" gibt in der Welt. Und warum Massaker dieser Art vor allem in Amerika passieren - allein in den vergangenen zehn Jahren mehr als die Hälfte der 46 Schießereien in Schulen.

Täter hatte zwei Gebäude ausgesucht

Doch einen Tag nach dem Blutbad stellt sich immer drängender die Frage, ob Polizei und Sicherheitsdienste richtig und unverzüglich reagierten und ob sie die Studenten der Universität wirklich früh genug warnten. Denn der Täter hatte zwei Gebäude ausgesucht, um zu töten. Und dazu hatte er zwei Stunden Zeit. Zwei Stunden, in denen er nicht gestoppt wurde. Zwei Stunden, in denen ahnungslose Studenten ihre Seminare aufsuchten. Verzweifelt fragen jetzt Eltern und Studenten: Hätte der Tod vieler Studenten durch eine andere Einsatztaktik möglicherweise gar verhindert werden können? Offenbar hatte er seine Tat kaltblütig geplant. Hatte sich eine 9-Millimeter Pistole und eine weitere Waffe vom Kaliber.20 besorgt, dazu jede Menge Magazine voller Munition, die er in eine Weste gesteckt hatte. Gestern Morgen um 7.15 Uhr marschierte er in das West Ambler Johnson Wohnheim, in dem 895 Erstsemester untergebracht sind. Dort fielen die ersten Schüsse, offenbar gezielt. Er habe nach seiner Freundin gefragt, hieß es später. Eine Studentin und ein Student aus Alabama starben. Dann verschwand der Schütze. Um 7.15 Uhr ging der erste Notruf bei der Polizei ein.

Niemand hatte genaue Informationen

Doch es blieb erstaunlich ruhig auf dem 2600 Hektar großen Campus mit seinen rund 26.000 Studenten. Viel zu ruhig. Es war ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit, ein leichter Schnee fiel. Schon seit acht Uhr morgens saßen Studenten im Unterricht, andere trotteten zum Frühstück oder ihren Seminarräumen. Und wer frei hatte, schlief noch. Einige Studenten hatten zwar von einer Schießerei in einem Wohnheim gehört, aber niemand hatte genauere Informationen. Doch niemand machte sich Sorgen. Um kurz nach zehn Uhr sollte die zweite Vorlesung beginnen. Weder Gebäude noch das Gelände wurden abgesperrt noch wurden Studenten evakuiert. Erst nach neun Uhr schickte der Sicherheitsdienst der Universität eine Warnung an alle Studenten - per E-Mail. Die Lautsprecheranlage wurde nicht genutzt. Und das, obwohl es in den vergangenen Wochen bereits zwei Bombendrohungen gegeben hatte. Und obwohl es im vergangenen August schon einmal zu einem schlimmen Vorfall gekommen war: damals hatte sich ein entflohener Häftling auf dem Universitätsgelände verschanzt und einen Polizisten sowie einen Sicherheitsbeamten erschossen. "Nach der ersten Schießerei glaubte man, der Täter habe das Gelände verlassen", versuchte sich Rektor Charles Seger hilflos zu rechtfertigen. Die Universität habe über 100 Gebäude, man könne nicht alle absperren. Man war wohl davon ausgegangen, der Täter habe es nur auf die beiden Studenten im Wohnheim abgesehen. "Wir glaubten, es sei ein isolierter Vorfall", hieß es. Möglicherweise handle es sich gar um zwei Täter.

Täter schoss ohne Unterbrechung

Es gab dem fest entschlossenen Mörder zwei Stunden Zeit. Und als dann endlich die erste Warnung an alle Studenten erging, war er bereits am anderen Ende des weitläufigen Universitätsgeländes angekommen - im grauen Lehrgebäude Norris Hall. Es schien, als kenne er sich gut aus. Und er war gut vorbereitet. Er hatte Ketten dabei, mit denen er mehrere Türen von innen versperrte. Er ging in den ersten Stock, er öffnete die Türen zu den Hörsälen. Er schoss ohne Unterbrechung, rhythmisch, einen Schuß nach dem anderen. In einem Raum stellte er Studenten an die Wand, exekutierte seine wehrlosen Opfer. Einige konnten sich retten, indem sie aus dem Fenster sprangen. Am Ende erschoss er sich. Seine Leiche wurde zwischen denen seiner Opfer gefunden. Der Flur des Gebäudes war voller Blut. Erst zur diesem Zeitpunkt, viel zu spät, waren die Studenten über Lautsprecher aufgefordert, sofort Schutz in einem Gebäude zu suchen. Erst jetzt erschienen bewaffnete Polizisten und Sicherheitskräfte. Sie umstellten das Norris Hall Gebäude. Panik brach aus. "Ich lief in die Bibliothek", berichtete die Studentin Kostayne Link den Reportern der Lokalzeitung Roanoke Times. "Es war das nächst gelegene Gebäude. Es hat fünf Stockwerke. Wir waren ungefähr hundert Leute. Wir blieben einfach sitzen."

"Ich sah, wie die Kugeln die Körper trafen"

Über den Täter wurde zunächst nur wenig bekannt. Ein junger Mann, asiatisches Aussehen. Kurze Haare, unauffällig, er trug eine schwarze Weste. "Wie ein Pfadfinder", sagt die Studentin Erin Sheehan, die die Schießerei in Raum 207 des Norris Gebäudes überlebte. "Wir waren 25 Studenten in unserem Deutschkurs. Es war merkwürdig, doch er schaute zweimal durch die Tür, es war, als schaute er nach jemandem, bevor er das Feuer eröffnete. Ich sah, wie die Kugeln die Körper trafen, Viele fielen in Ohnmacht vor Schmerz oder Schock." Erin war eine von nur vier Studenten, die den Raum ohne Verletzungen verlassen konnte. "Alle Anderen waren tot oder verletzt." Am späten Abend identifizierte die Polizei den Täter, doch sie verweigerte zunächst Auskünfte über seinen Namen. Offenbar war er Student. Er hatte keinen Ausweis dabei, keinerlei Hinweis auf seine Identität, kein Handy, keinen Führerschein. Und sein Gesicht war so entstellt, dass man ihn nicht erkennen konnte - offenbar hatte er sich den Kopf geschossen. Vielleicht habe er sich mit seiner Freundin gestritten, hieß es gestern.

Munition wird per Post geliefert

Virginia Tech. Noch kennt man die genaue Geschichte des Amokläufers nicht. Doch es war wohl wieder einmal ein junger Mann voller Hass und Wut, der sich nur allzu leicht Waffen besorgen konnte. Vor allem in Virginia gelten die Gesetze als besonders lax. Offiziell muss man einen Background Check nachweisen. Doch auf den örtlichen Waffen-Shows kann man Waffen auch ohne offizielle Erlaubnis kaufen. Der Kauf von Pistolen wird auf eine pro Monat begrenzt. Munition wird sogar per Post geliefert. Gestern zeigte sich auch Präsident Bush schockiert und bestürzt. Er gab knappe Erklärung ab. "Unsere Gebete sind mit den Opfern und ihren Angehörigen", sagte er. "Die Folgen werden in jedem amerikanischen Klassenzimmer zu spüren sein." Schon jetzt versucht man sich, mit Metalldetektoren, Sicherheitsschleusen und Sicherheitsbeamten zu helfen. Manche Schultore gleichen Festungen.

"Mehr Waffen braucht das Land!"

Doch gestern bekräftigte Präsident Bush zugleich, dass die Menschen in seinem Land das Recht haben, Waffen zu tragen. Sie müssten nur die Gesetze befolgen, sagte er. Und ein Vertreter der mächtigen Waffen-Lobby reagierte in der ihr eigenen, zynischen Art: nicht weniger, nein, mehr Waffen brauche das Land! Denn hätte nicht ein einziger bewaffneter Student dem Morden ein Ende setzen können, indem er den Amokläufer erschossen hätte?


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