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Unicef-Bericht über Gewalt gegen Kinder: "Gewalt ist eine Ausdrucksform, die weh tut"

Kinderprostitution, Prügel und Verstümmelung, Vernachlässigung, Missbrauch und Mobbing: Gewalt gegen Kinder hat viele Gesichter. Bis zu 1,5 Milliarden Kinder erleiden jährlich eine Form von Gewalt. Und immer noch, so beklagt Unicef, tun Erwachsene zu wenig dagegen.

Laurent ist zehn, als er der Hexerei bezichtigt wird. Als sein kleiner Cousin schwer erkrankt, gibt der Onkel ihm die Schuld und schlägt Laurent mit einer Machete blutig. Mit knapper Not kann sich der Junge in ein Kinderschutzzentrum retten. "Ich bin kein Zauberer. Ich weiß gar nicht, was das ist", beteuert Laurent. Doch in der Zentralafrikanischen Republik ist der Aberglaube an Hexerei weit verbreitet - und in jüngster Zeit werden auch Kinder verfolgt, berichtet das Kinderhilfswerk Unicef in seinem aktuellen Report. Eines von zahlreichen Beispielen, die zeigen, dass Kinderrechte vielerorts mit den Füßen getreten werden.

In Deutschland bringt es ein zwölfjähriger Junge auf den Punkt: "Gewalt ist eine Ausdrucksform, die weh tut", sagt er in einer Unicef-Umfrage. In Worten oder Taten gehört Gewalt für hunderte Millionen Kinder auf der Welt zum Alltag. Systematische Datenerhebungen fehlen. "Das tatsächliche Ausmaß der Gewalt gegen Kinder ist kaum bekannt", beklagt die UN-Sonderbeauftragte Marta Santos Pais bei der Vorstellung des Reports am Donnerstag in Berlin.

Kaum bekannt unter anderem deshalb, weil in Entwicklungsländern überhaupt nur die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren offiziell registriert ist. Und auch, weil beispielsweise viele Missbrauchsopfer aus Angst und Scham über das Erlebte schweigen - oft jahrzehntelang, wie auch in Deutschland bekanntgewordene Fälle zeigen. Allein in Europa, so schätzt der Europarat, wird etwa eines von fünf Kindern in irgendeiner Form Opfer sexueller Gewalt.

Die größte Gefahr geht dabei von Familienmitgliedern, Vertrauten oder Autoritätspersonen aus. "In 70 bis 80 Prozent der Fälle kennen die Kinder die Täter", betont Maud de Boer-Buquicchio, Vize-Generalsekretärin des Europarates. Bis heute gebe es in den EU-Staaten Gesetzeslücken, Behörden und Gesundheitsdienste stimmten sich zu wenig untereinander ab. Vernachlässigung und Kinderarmut sind weitere Probleme, unter denen Kinder auch in reicheren Ländern zu leiden haben.

Der Report wirft ein Licht auf besonders traurige Fälle: Kindersoldaten in Somalia, Minderjährige hinter Gefängnisgittern in Sierra Leone, junge Obdachlose in den Slums von Bogotá oder moldawische "Waisen", die von ihren arbeitsuchenden Eltern zurückgelassen wurden. In der Region Faridpur in Bangladesch bieten blutjunge Prostituierte ihren Körper an - die Kinder schlucken Steroide, um rundlicher und älter auszusehen. Oft täglich und über Jahre hinweg nehmen sie Medikamente, die eigentlich für schwerkranke Asthmatiker gedacht sind oder Rindern eingeflößt werden, damit sie wohlgenährt wirken.

Umso erstaunlicher ist es, dass selbst in Gewalt und Krieg ein Leben gelingen kann. Nicht auf das Einkommen der Eltern oder deren soziale Stellung komme es an, wenn es darum gehe, ein Kind stark zu machen, betont der Berliner Soziologe Prof. Hans Bertram (Unicef Deutschland). Wichtiger sei die Unterstützung von vertrauten Menschen, motivierende Anregungen und die Freiheit, Erfahrungen zu machen.

Andrea Barthélémy/DPA / DPA
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