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Urteil für Nadja Benaissa Rückkehr in ein Leben ohne Geheimnisse


Nadja Benaissa bezahlt für ihre ungeschützen Sex-Abenteuer nicht mit ihrer Freiheit, sondern mit maximaler Öffentlichkeit: Der Prozess hat alle Seiten der HIV-infizierten No-Angels-Sängerin nach außen gekehrt und ihr sämtliche Geheimnisse entrissen.
Von Sonja Jordans, Darmstadt

Irgendwann kann sich Nadja Benaissa nicht mehr zusammenreißen. Sie weint hemmungslos. Dicke Tränen rinnen über ihre Wangen. Immer wieder verbirgt die 28-Jährige ihr Gesicht mit der rechten Hand: Niemand soll sehen, was sie empfindet. Ein Justizbeamter bringt der aufgelösten jungen Frau ein Päckchen Taschentücher. Kurz darauf ist es aufgebraucht, die zerknüllten Papiertücher umfasst die Sängerin mit geballten Fäusten.

Es ist kurz nach ein Uhr, im Amtsgericht Darmstadt hat Richter Dennis Wacker gerade sein Urteil im Fall Nadja Benaissa verkündet: Zwei Jahren Haft auf Bewährung. Dazu eine Therapie und 300 Stunden gemeinnützige Arbeit. Spürbar erleichtert reagiert die No-Angels-Sängerin auf die Entscheidung, doch schnell schaltet sie um auf unbeeindruckt und unnahbar: Sie blickt ein paar Mal zur Decke des Gerichtssaals, es scheint, sie höre den weiteren Ausführungen des Richters nicht mehr zu.

"In diesem Moment ist alles auf sie eingestürzt"

Als Dennis Wacker dann aber darauf zu sprechen kommt, dass Benaissa sich in der Vergangenheit einen festen Partner, eine Beziehung und Halt gewünscht habe, brechen sich ihre Tränen Bahn. "In diesem Moment ist alles noch mal auf sie eingestürzt", sagt Benaissas Verteidiger Oliver Wallasch später zu stern.de - die Anspannung der vergangenen Prozesstage, die Erinnerung an ihre verkorkste Jugend und all die Vorwürfe, die sie sich während des Prozesses anhören musste.

Die Zuschauerschaft, die den spektakulären Prozess in den vergangenen Tagen verfolgt hat, ist in zwei Lager gespalten: Die eine Seite sieht in der schönen Sängerin das Opfer einer übereifrigen Staatsanwaltschaft, die die Umstände ihrer Verhaftung schonungslos und detailliert an die Öffentlichkeit weiterleitete. Sie sieht Benaissa als Opfer ihrer schwierigen Jugend und eines Umfelds, das sie - wie es die 28-Jährige ausgesagt hatte - dazu gedrängt habe, die Krankheit zu verheimlichen. Und sie sieht Benaissa als Opfer sorgloser Sexpartner, die nicht nach Verhütung gefragt haben.

Sie ließ den nötigen Ernst vermissen

Andere wiederum sehen in Benaissa eine Frau, die im Umgang mit ihrer Krankheit, zumindest in der Vergangenheit, den nötigen Ernst vermissen ließ. Sie sehen in ihr den medienerfahrenen Popstar, der seinen extrem zurückhaltenden Auftritt vor Gericht mit Bedacht gewählt hat. Sie werfen ihr vor, vor allem der moralischen Verpflichtung nicht nachgekommen zu sein, ihre Intimpartner über ihre Erkrankung zu informieren.

Sie habe zwei Gesichter, hatte die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer erklärt: ein verantwortungsvolles als Mutter, ein rücksichtsloses als Intimpartnerin. Auch das Gericht ist dieser Einschätzung gefolgt. Richter Wacker spricht von schwierigen Lebensumständen und einem dadurch bedingten Reifedefizit der jungen Nadja Benaissa. Es spricht aber auch von einer erwachsenen Nadja Benaissa, die eine "erhebliche Gefahr für die Allgemeinheit" darstellte, als sie nämlich mit einem Liebhaber ungeschützt geschlafen und ihn auch noch Jahre nach dem letzten sexuellen Kontakt über ihre Infektion im Unklaren gelassen habe.

Unwissentlich das Virus weitergeben können

In dieser Zeit, so Wacker, hatte der Mann ungeschützten Sex mit anderen Frauen, er hätte das Virus weitergeben können. "Es war ihr bei jedem Intimkontakt möglich, ein Kondom zu nutzen, auch ohne sich mit ihrer Krankheit zu offenbaren", sagt der Richter. Benaissa habe bewusst fahrlässig gehandelt und aus eigener leidvoller Erfahrung wissen müssen, dass jeder einzelne ungeschützte Sexualkontakt zu einer Ansteckung führen könne. Trotz dieser Kopfwäsche bringt der Richter auch Verständnis für sie auf: Die Sängerin habe ihre Intimpartner nicht absichtlich in Gefahr gebracht und beim Sex trage jeder der Beteiligten die Verantwortung, sich und andere zu schützen, so Wacker.

Das spreche unter anderem für die Sängerin, ebenso wie die Tatsache, dass das Gericht ihr eine günstige Zukunftsprognose attestiert. "Sie hat gelernt, offen mit ihrer Krankheit umzugehen", so Richter Wacker. In Prozess sei auch nicht darum gegangen, einen HIV-positiven Menschen zu stigmatisieren. "Es geht hier um das menschliche Versagen einer einzelnen Person."

Sie wird ihre Erkrankung nicht mehr verheimlichen können

Nach dem Urteil verschwindet Nadja Benaissa schnell und ohne Aufsehen zu erregen aus dem Gericht - genauso, wie sie am ersten Prozesstag erschienen ist: leise, unaufgeregt und ohne sich den zahlreichen anwesenden Journalisten zu stellen. Sie verschwindet in ein Leben, in dem es nun keine Geheimnisse mehr gibt - und ein Leben, in dem sie niemanden mehr ihre Erkrankung verheimlichen kann.


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