HOME

Urteil gegen Berliner Zündler: Mit den Autos ging der Frust in Flammen auf

Im Sommer 2011 hielt er ganz Berlin in Atem. 102 Autos zündete André H. an - offenbar aus Frustration über sein Leben. Nun muss er für sieben Jahre ins Gefängnis.

Von Uta Eisenhardt, Berlin

André H. steht auf. Er spricht zum letzten Mal über das, was ihn nun für sieben Jahre ins Gefängnis bringt. Der 28-Jährige entschuldigt sich für die "verabscheuungswürdigen Dinge", die er im letzten Sommer getan habe. Er habe viel über die Menschen nachgedacht, denen er geschadet habe, sagt der Autobrandstifter. Er wolle sich dafür entschuldigen, dass er manche Leute reingerissen habe, dass diese wegen ihm "so viel Papierkram" erledigen mussten und "dass ich Ihnen so viel Arbeit gemacht habe".

Diese drollig anmutende Erklärung am Ende des Prozesses passt zwar zu dem kleinen Mann mit dem runden Gesicht, aus dem zwei ebenso runde blaue Augen schauen; zu einem Mann, der wie ein Kind wirkt. Jedoch passt sie nicht so recht zu seinen Taten: 102 Autos, die von Juni bis August 2011 in Berlin in Flammen aufgingen. In drei Fällen griff das Feuer auf Häuser über. Dessen Bewohner gerieten in Lebensgefahr. Von "mindestens einer Million Euro Schaden" sprach die Vorsitzende Richterin Ruth Heinen heute, als sie das Urteil über André H. begründete.

TV-Sendung gab den Anstoß

Schon längere Zeit vor seiner ersten Tat habe er darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, ein Auto in Brand zu setzen, hatte der Angeklagte vor dem Berliner Landgericht erzählt. Er habe das mal in der Fernsehsendung "Akte" gesehen: Einfach einen Grillanzünder auf einen Reifen legen, anzünden, abhauen. In der Nacht zum 7. Juni traute sich schließlich, seine Phantasie in die Tat umzusetzen. Nachts um drei Uhr schlich er sich aus der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, in der er mit seiner Mutter und seiner behinderten Schwester lebte. Er musste nur einmal um die Hausecke biegen, dort stand ein Geländewagen. Er habe noch überlegt, den brennenden Grillanzünder wieder vom Vorderrad zu entfernen, aber dann habe es eine Flamme gegeben und er habe den Rückzug angetreten. Er habe noch den Widerschein der Flammen an der Mauer gesehen, die seinem Zimmer gegenüberlag. Auch das Blaulicht nahm er wahr, dann sei er eingeschlafen.

In der nächsten Nacht brannten vier Autos, dann zwei und in der darauffolgenden wieder drei. So ging das fast jede Nacht. Anfangs hätten die Marken der Autos keine Rolle gespielt, sagt der Angeklagte. Es sei ihm mehr um den kurzen Fluchtweg gegangen. Später traf es vorzugsweise hochwertige Fahrzeug-Marken. Deren Besitzer sollten sich "auch mal ärgern". Anfang August gab es eine längere Pause in der Tatserie. Aber nur, weil André H. aktives Mitglied der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" war und mit seinem "Pfahl", wie die Mormonen ihre Gemeinden nennen, nach Süddeutschland reiste. Gleich nach seiner Rückkehr aber steigerte sich der Brandstifter – "um ins Fernsehen zu kommen", wie er später gestand. Sein persönlicher Rekord fand in der Nacht zum 17. August statt: Innerhalb von nicht einmal 90 Minuten zündete er zwölf Autos an.

Es gab nie einen objektiven Beweis

Ganz Berlin beschäftigte sich schließlich mit dem Thema. Es bestimmte sogar den Wahlkampf und überwand spätestens an jenem Tag die regionalen Grenzen, als die Bundespolizei anrückte, um die Berliner Kollegen mit nächtlichen Streifen bei der Suche nach dem unbekannten Täter zu unterstützen. Doch André H. wurde nicht auf frischer Tat gefasst. Es war trockene Polizeiarbeit, die zu einem Hinweis auf den kleinen Mann mit den auffälligen O-Beinen führte. Auf Überwachungsvideos vom U-Bahnhof "Haselhorst" entdeckten ihn die Beamten kurz vor und kurz nach den Taten. Sie machten ihre Kollegen auf André H. aufmerksam, wenige Tage später entdeckte ihn ein Beamter auf der Straße.

Die Observation begann. H. bekam aber rasch mit, dass er beobachtet wurde. Er gab das Zündeln auf. Sicher war dies nicht der einzige Grund, denn überdies hatte der gelernte Maler und Lackierer nach sechsjähriger Arbeitslosigkeit endlich einen Job gefunden. Nichts Großes, unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns jobbte er in einem Hotel als Küchengehilfe, aber die Arbeit gefiel ihm, im Oktober sollte er sogar fest angestellt werden.

Doch dazu kam es nicht mehr. André H. bekam Besuch von der Polizei. Man habe ihn gefragt, ob er den U-Bahnhof "Haselhorst" kenne und ihm Fotos von der Überwachungskamera gezeigt. Nach kurzem Zögern gab er alles zu, obwohl nicht "ein objektiver Beweis" gegen ihn vorlag, wie Staatsanwalt Matthias Weitling in seinem Plädoyer zugeben musste. "Hätte er beharrlich geleugnet, wäre die Akte geschlossen worden." Doch André H. gestand. Es sei "wie eine Last gewesen, die von mir geht", als er die ihm vorgeworfenen 67 Taten und noch viele weitere einräumte. Am meisten staunten die Beamten, wie gut der Täter sich an die Orte und Zeiten seines Zündelns erinnern konnte.

Brandstiftung aus Frustration

Wieso macht einer so etwas? Das Berliner Landgericht beschäftigte sich ausführlich mit dieser Frage, auch ein psychiatrischer Gutachter nahm dazu Stellung. Der fand zwar keine krankhafte Ursache, bescheinigte André H. aber Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden. Auf beiden dafür entscheidenden Feldern - im Beruf wie in der Partnerschaft - habe der Angeklagte keine Erfolge erzielt. Seine berufliche Entwicklung endete mit seiner Ausbildung im Jahre 2005. Danach bemühte er sich erfolglos um Arbeit, nahm an einem Bewerbungstraining teil, absolvierte ein Seminar zum Call-Center-Agenten und eine Schulung zum Kassierer. Auch Praktika im Verkauf führten nicht zu einer Festanstellung. Stattdessen unterstützte er noch seinen besten Freund, für den er Handyverträge abschloss, auf deren Kosten er letztlich sitzen blieb. Zusammen mit einer Zahnarztrechnung hatte André H. 1600 Euro Schulden.

Auch mit einer Freundin wollte es nicht klappen, obwohl er allein in seiner Gemeinde drei Anläufe unternommen hatte, sich zaghaft einer jungen Frau zu nähern. Die letzte Abfuhr kassierte er im Juni, kurz bevor er damit begann zu zündeln. Sogar in der Gemeinde, die seinem Leben seit 2007 einen tieferen Sinn gab und in der er sogar zum Missionsleiter aufgestiegen war, lief es "seit einigen Monaten nicht mehr so gut", wie der Angeklagte erklärte. "Da gab es schon Schwierigkeiten."

Er war arbeitslos, verschuldet und einsam - er war tief frustriert. In einem Gespräch mit seiner Mutter offenbarte er diese Gefühlslage als Motiv. Er unterhielt sich mit ihr über die Brandstiftungen, ganz allgemein natürlich, und sagte: "Es kann eben nicht jeder mit seinem Frust umgehen und seine Emotionen beherrschen." Zudem habe es, so der Gutachter, unter der Oberfläche eines "braven, pflegeleichten, selbstgenügsamen Sohnes" das kindliche Bedürfnis nach Abenteuer sowie Räuber- und Gendarm-Spielen mit der Polizei gegeben.

André H. will für Tat büßen

Vor Gericht beteuerte André H., er habe mit seinen Taten niemals Menschen in Gefahr bringen wollen. Es habe ihn erschreckt, als er nach seiner Festnahme erfuhr, was alles geschehen war, nachdem er längst den Tatort verlassen hatte. So mussten die Bewohner einer Seniorenresidenz evakuiert werden, um vor dem Rauchgas mehrerer Autos geschützt zu werden. In einem anderen Fall schlugen neun Meter hohe Flammen vom Auto bis zu den Blumenkästen im ersten Stock eines Wohnhauses. Bei einem anderen Haus griff das Feuer vom benachbarten Carport auf den Dachstuhl über. Es hätte einen alten, demenzkranken Mann das Leben kosten können, wenn ihn sein Vermieter nicht rechtzeitig hätte wecken können. Dennoch verzichtete der Staatsanwalt auf eine Anklage wegen versuchten Mordes.

Die Vorwürfe reichen ohnehin für eine lange Gefängnisstrafe. Sieben Jahre muss André H. im Gefängnis verbringen. "Er fühlt sich gerecht beurteilt und nimmt das Urteil an", sagt Verteidiger Mirko Röder im Namen seines Mandanten.

Themen in diesem Artikel
  • Uta Eisenhardt