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Urteil gegen die Wall Street Ex-Goldman-Banker täuschte Kunden


Vor fünf Jahren erschütterte die Finanzkrise die Welt. Doch kaum ein Banker wurde zur Rechenschaft gezogen. Daher ist das Urteil gegen einen ehemaligen Goldman-Sachs-Mitarbeiter umso bemerkenswerter.

Evelyn Linares ist 61 Jahre alt und Rektorin an einer Schule in Harlem. Mit der Wall Street hat sie eigentlich nichts zu schaffen. Bis jetzt. Sie war eines der neun Jury-Mitglieder, die über das Tun des ehemaligen Goldman-Sachs-Mitarbeiters Fabrice Tourre zu richten hatten. Ihr Urteil: Der Banker hat seine Kunden bei einem Hypothekengeschäft zu Zeiten der Finanzkrise übers Ohr gehauen.

"Es bleibt bei mir kein guter Eindruck von der Wall Street hängen", sagt Linares nach dem zweiwöchigen Verfahren. Sie und die anderen Jurymitglieder hätten das Gefühl gehabt, dass Tourre nur ein Fußsoldat in einem System mit weitreichenderen Problemen gewesen sei. "Es war nicht nur sein Tun", erklärt sie gegenüber dem US-Wirtschaftsblatt "Wall Street Journal" und redet damit der Finanzbranche direkt ins Gewissen.

Das Verfahren gegen Tourre - Spitzname "Fabelhafter Fab" - war an der Wall Street genauestens verfolgt worden. Denn es ist einer der absoluten Ausnahmefälle, in denen ein Banker wegen seines Verhaltens zu Zeiten der Finanzkrise persönlich vor Gericht stand. Auch andere Finanzjongleure müssen nun damit rechnen, für ihre Verfehlungen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Tourre drohen eine Geldstrafe und - vielleicht am schlimmsten - ein Berufsverbot.

Das Urteil befeuert die Diskussion über die Moral in der Bankenwelt. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendein neuer Skandal hochkocht: Betrügereien bei Referenzzinssätzen wie dem Libor, Manipulationen auf dem amerikanischen Strommarkt, illegale Hauspfändungen in den Vereinigten Staaten und immer wieder windige Hypothekengeschäfte. Erst am Donnerstag wurde bekannt, dass die US-Aufsichtsbehörden in einem solchen Fall gegen die Bank of America ermitteln.

Reichen die Regelungen?

Das führt zu der Frage, welche Geschäfte die Geldhäuser überhaupt eingehen sollten und wo der Staat Grenzen setzen muss. Floyd Norris von der "New York Times" geißelt Deals, wie Fabrice Tourre sie strickte: "Es war ein reines Glücksspiel. Eine Seite wettete, dass der Hypothekenmarkt zusammenbrechen würde, die andere Seite wettete dagegen." Wetten etwa im Sport seien zwar vollkommen in Ordnung, schreibt Norris, doch nicht bei Banken, die Kundeneinlagen verwalteten und darauf hoffen könnten, im Notfall mit Steuergeldern gerettet zu werden.

Die staatlichen Aufseher haben die Zügel zwar angezogen und fordern von den Banken, dass sie besonders risikoreiche Geschäfte mit mehr eigenem Geld absichern. Doch reichen die Regelungen? US-Branchenprimus JPMorgan Chase verzockte mit Finanzwetten im vergangenen Jahr 6,2 Milliarden Dollar - kleineren Häusern hätte diese Summe das Genick brechen können.

Am Kapitalmarkt lockt immer noch das große Geld, trotz aller Einschränkungen. So konnte Goldman Sachs, der Ex-Arbeitgeber von Fabrice Tourre, den Gewinn im vergangenen Quartal verdoppeln. Andere Institute legten ebenfalls kräftig zu. Manche Banker mögen sich nach dem Tourre-Urteil aber vielleicht zweimal überlegen, welches Geschäft sie eingehen. "Am Ende des Tages hätte er wohl das Richtige tun können", sagt Jurymitglied Linares über den jungen Investmentbanker. "Aber er sich dazu entschieden, das Spiel zu spielen."

Daniel Schnettler, DPA DPA

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