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George-Floyd-Prozess Dieses Urteil ist historisch für die USA – und eine Ausnahme, die keine bleiben soll

Nach dem Urteil im George-Floyd-Prozess feiern Menschen auf den Straßen von Minnesota
Menschen feiern in Minnesota das Urteil im Prozess um den Tod des Schwarzen George Floyd
© Brandon Bell / Getty Images / AFP
Der Prozess um den gewaltsamen Tod von George Floyd war kein normaler. Vielmehr musste sich ein ganzes Land der Wahrheit stellen. Und das Urteil lässt hoffen, dass die USA die richtige Richtung noch kennen.

22 Jahre also. Klar kann man das Urteil als die eine Ausnahme sehen. Den ganzen Prozess gegen Derek Chauvin als das eine Mal, als Amerika es richtig machte. 

Seit 2005 sind in den USA nur elf Polizisten verurteilt worden, die im Dienst getötet haben. Einer davon bekam nur sieben Jahre. In den allermeisten Fällen, und es sind viele Fälle, kommt es gar nicht erst zur Anklage. Vor allem dann nicht, wenn die Polizisten weiß sind und die Opfer schwarz. 

Stimmt schon, der Prozess gegen Derek Chauvin war einmalig. Chauvin bekam nicht den Bonus, den Polizisten üblicherweise sonst bekommen – des Videos wegen, das zeigte, wie er George Floyd tötete, und wegen alldem, was auf die Tat folgte: die Black-Lives-Matter-Proteste. Ein Land, das mit sich selbst rang. Chauvin war das Gesicht dafür. 

Amerika war schockiert von seiner Tat, in großer Mehrheit zumindest. Schockiert von Floyds Betteln um Luft, und von Chauvins Kälte, als er Floyd unter seinem Knie sterben ließ. Einen unbewaffneten Menschen. Dazu kam die Wut auf das andere Amerika, auf die Minderheit, die sich weigerte, schockiert zu sein. Es war Wahlkampf. Donald Trump war noch Präsident. Black Lives Matter, allein der Name: Dass man sagen muss, dass schwarze Leben zählen, erzählt ja viel über die Lage in Trumps USA. 

Eine milderes Urteil und die Wut wäre zurück

Die Amerikaner konnten den Prozess in Minneapolis live verfolgen. Seit O.J. Simpson hatte kein Verfahren mehr eine solche Aufmerksamkeit. Jeder konnte hören, wie einfach Floyds Leben hätte gerettet werden können. Wie unnötig sein Tod war. Wie brutal das Verhalten des Polizisten Chauvin, wie teilnahmslos das seiner Kollegen, die daneben standen und zusahen. Bei einem anderen, einem milderen Urteil gegen Chauvin hätte sich die Wut auf den Straßen entladen. Vielleicht noch heftiger als vergangenes Jahr. Und zurecht, natürlich. 

In Chauvins Prozess musste sich Amerika der Wahrheit stellen. Es war für niemanden wegzudiskutieren, was der Angeklagte getan hatte. Und wer nicht ganz blind war, sah, dass die Tat für ein größeres Problem stand. Wenn ein Polizeibeamter ohne Grund so grausam handelt, was passiert da noch jeden Tag und jede Nacht auf Amerikas Straßen? Der Prozess mit all seinen juristischen Details, das Durchgehen jeder Sekunde des Tatvideos: Da ging es um Fakten. Die konnte niemand wegwischen – wohltuend irgendwie nach den Trump-Jahren, als die Wahrheit egal zu sein schien. 

Ein ganzes Land stand vor Gericht

Also ja, das war kein normaler Prozess. Da stand, wie es der Bürgerrechtler Al Sharpton sagte, ganz Amerika vor Gericht. Da ging es darum, was aus dem Jahr 2020 und aus Black Lives Matter folgte. Es war der eine Prozess, den alle sahen, unter vielen, die keiner sieht – oder die gar nicht erst stattfinden. Aber: Das Land braucht solche ersten Male. Die historischen Ausnahmen. Die eine schwarze Frau, die sich in den 60er-Jahren im Bus der Rassentrennung widersetzt. Der erste schwarze Student an einer Universität in den Südstaaten. Der erste schwarze Präsident, später.

Es sind Ausnahmen, erste Male, die gegen viel Unrecht stehen, das gleichzeitig noch passiert. Das noch passieren wird. Auf Obama folgte Trump, folgte ein Aufbäumen des Rassismus. Und auf das Urteil gegen Derek Chauvin werden noch viele Verfahren folgen, in denen Polizisten, die Schwarze getötet haben, viel zu milde davonkommen. George Floyd war nicht der letzte Schwarze, der starb, weil ein Weißer seine Menschenwürde nicht achtete, ja nicht mal sein Recht auf Leben. Amerika hat deshalb gestern auch nicht gefeiert. Höchstens einmal tief durchgeatmet. 

Eine Ausnahme, die keine bleiben soll

Aber dass Derek Chauvin für so lange Zeit ins Gefängnis geht, ist trotzdem historisch für die USA: Es zeigt, dass das Land sich verändert, dass es in der Lage ist, sich in den Spiegel zu schauen. Es zeigt, dass es auch für den Tod eines schwarzen Mannes einmal Gerechtigkeit geben kann. Das Urteil wird in die Geschichte eingehen als der Moment, in dem die Opfer des Rassismus über die Rassisten gewonnen haben. 

Es ist das eine Mal, die Ausnahme, die keine bleiben soll. Jedenfalls ist Hoffnung erlaubt: Dass Amerika doch die richtige Richtung kennt – im Großen und Ganzen und bei allen Rückschlägen. Kein halbes Jahr nach Donald Trumps Abgang ist das gar nicht so wenig.  


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