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Urteil im Pistorius-Prozess: Entgegen aller Klischees

So spektakulär der Prozess des Oscar Pistorius bis zum Ende war, so zeigte er vor allem eines - dass der einstige Apartheidsstaat Südafrika in vielen Bereichen längst ein ziemlich normales Land ist.

Ein Kommentar von Marc Goergen

Sechs Monate lang faszinierte uns das Drama vor Gericht. Jeder Verhandlungstag wurde im Fernsehen übertragen, Journalisten twitterten im Minutentakt, jede Regung von Pistorius wurde auf ihre Bedeutung abgeklopft. Der Prozess überstrahlte sogar das andere Großereignis Südafrikas der letzten Zeit, den Tod Nelson Mandelas.

Und am Kap, so schien es bisweilen, war man durchaus ein wenig stolz, im Mittelpunkt zu stehen. Man zählte gern, wie viele Beobachter aus aller Welt beim Prozess zugegen waren, sogar der Imbissstand, den ein geschäftstüchtiger Mann zur Verpflegung all dieser Journalisten in den ersten Tagen vorm Gericht aufgebaut hatte, wurde als Indiz gewertet, dass die Welt – endlich! – mal wieder aufs südliche Afrika schaute.

Es glich ein wenig der Stimmung vor der Fußballweltmeisterschaft vor vier Jahren. Auch damals registrierte man sensibel, wie das Ausland das Land begutachtete. Dahinter steckt Unsicherheit über die eigene Stellung in der Welt. Wäre Südafrika ein Mensch würde man sagen: eine Art Minderwertigkeitskomplex.

Keine Frage der Hautfarbe

Hinter der spektakulären Fassade aber arbeitete die Justiz akribisch. Sie ließ sich durchaus Zeit. Staatswanwalt Gerrie Nel und Verteidiger Barry Roux befragten die Zeugen hart und gründlich, manchmal bis an die Grenze des Erlaubten, Richterin Thokozile Masipa ließ sich von den Kameras nicht aus der Ruhe bringen. Ja mittendrin unterbrach sie sogar den Prozess für 30 Tage, um klären zu lassen, ob Pistorius bei der Tat zurechnungsfähig war.

So wurde mit jedem Verhandlungstag klarer: Hier arbeitete nicht die Justiz einer Bananenrepublik. Hier ging es nicht um die Frage Schwarz oder Weiß. Hier ging es auch nicht wirklich darum, wie reich oder berühmt Pistorius war, wie hübsch und erfolgreich seine Freundin, und auch nicht darum, aus welch bescheidenen Verhältnissen die schwarze Richterin einst stammte.

Sondern um Forensik, um Deutung von Indizien, die Glaubwürdigkeit von Zeugen. Welche Schlüsse lassen sich aus dem Einschlagswinkel der Schüsse ziehen? Kann es sein, dass Pistorius Schreie mit denen einer Frau zu verwechseln sind? Es ging um den Unterschied zwischen "dolus directus" – Pistorius hatte das direkte Ziel, Steenkamp zu töten - und "dolus eventualis" – er nahm es in Kauf. Und es ging letztlich vor allem um eines: Konnte Oscar Pistorius davon ausgehen, dass seine Schüsse die Person hinter der Tür töten würden?

Ist das Urteil plausibel?

Die Antwort von Richterin Masipa darauf: Nein, er konnte es nicht. Es war kein Mord sondern fahrlässige Tötung. Plausibel? Vielleicht nicht – doch das ist eine juristische und keine politische oder gesellschaftliche Frage.

Was das alles für Oscar Pistorius bedeutet, wie lange er ins Gefängnis muss, klärt sich erst in einigen Wochen. Was der Prozess für Südafrika bedeutet, ist schon jetzt klar: bei all der Aufregung, bei all den Fernsehkameras, den Tränen und Zusammenbrüchen ein weiteres Stück auf dem Weg in die Normalität eines Rechtsstaates.