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Urteil im Vergewaltigungsfall: Ein Zeichen an die indische Nation

Seit der brutalen Vergewaltigung im Dezember beschäftigt das Thema in Indien das ganze Land - viele Inderinnen leben in Angst. Nun setzt ein Gericht ein Zeichen: Täter sollen nicht mehr davonkommen.

Dieses Urteil könnte die Richtung in eine neue Zukunft in Indien weisen, sagt Ranjana Kumari, Direktorin des Zentrums für Sozialstudien in Neu Delhi. Denn die Männer, die eine 23 Jahre alte Studentin in einem Bus vergewaltigten und folterten, seien nicht davongekommen. Wie das sonst so oft in Indien geschehe. Nur wenige Vergewaltigungen würden angezeigt, und davon endeten die meisten mit einem Freispruch. "Hier haben wir einen Fall im Scheinwerferlicht. Eine hartes Urteil gegen diese Männer wird eine Botschaft aussenden, dass es keinerlei Toleranz bei sexueller Gewalt gegen Frauen gibt und die Vergeltung schnell und heftig kommt."

Das ist keinesfalls die Regel. Die Polizei nimmt die Verbrechen laut Aktivisten zum Teil gar nicht auf - und wenn, dann ermittelt sie oft schlampig oder gar nicht. Staatsanwälte seien desinteressiert und Richter fragten nicht nach, wenn die Zeuginnen plötzlich ihre Aussagen zurückziehen. Nach Angaben des Nationalen Büros zur Verbrechenserfassung endeten im Jahr 2012 mehr als 11 000 angezeigte Vergewaltigungen mit Entlassung oder Freispruch, während in nur 3563 Fällen Männer verurteilt wurden. "Wo ist der Fehler im System?", fragten die höchsten Richter laut Medienberichten deswegen. "Die Situation verändert sich von schlecht zu schlechter."

Oft fielen die Prozesse in sich zusammen, weil das Opfer nicht auf den Prozess und die Befragung vorbereitet sei, sagt Rishi Kant von der Nichtregierungsorganisation Shakti Vahini. Das Opfer werde durch die Anwälte im Zeugenstand eingeschüchtert oder es werde bestochen, damit es die Vorwürfe zurückziehe. Erst Ende August hatte das Verfassungsgericht Indiens in dieser Sache hart durchgegriffen: Ein Versprechen des Vergewaltigers, das Opfer zu heiraten, darf nicht mehr - wie bislang oft üblich - zu Strafmilderung führen.

Vergewaltigungsopfer gelten als beschmutzt

Denn Vergewaltigungsopfer gelten als ihrer Ehre beraubt, beschmutzt und nicht mehr heiratsfähig. Deshalb sieht die Familie der Frau ein Heiratsangebot des Täters oft als einzige Möglichkeit, die Tochter noch unter die Haube zu bekommen. Andere werden von ihren Familien verstoßen, aus den Dörfern verbannt, oder verlieren ihre Jobs. Für riesigen Wirbel sorgte die Aussage der Fotografin, die im vergangenen Monat in einer Fabrikruine im Zentrum Mumbais von mehreren Männern sexuell attackiert wurde. Ihr für viele Inder wegweisender Satz: "Vergewaltigung ist nicht das Ende des Lebens."

Weil das bislang so war, bevorzugte die ganz große Mehrheit der Opfer zu schweigen. "Früher wurde fast immer vertuscht, denn Vergewaltigung war mit einem riesigen sozialen Stigma behaftet. Das hat sich zu einem gewissen Grad geändert", sagt Akhila Sivadas vom Zentrum für Anwaltschaft und Forschung in Neu Delhi. Deswegen trauten sich endlich mehr Frauen zur Polizei: In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden in der Hauptstadt Neu Delhi 359 Fälle registriert, im Vorjahreszeitraum waren es 143 Fälle. "Vergewaltigung war immer da, aber jetzt zeigen die Opfer häufiger an", meint Sivadas.

Außerdem müsse es endlich vernünftige Studien und Daten dazu geben, fordert Frauenrechtsaktivistin Samita Sen in Kolkata (früher Kalkutta). "In Indien wurde Vergewaltigung immer unter dem Mantel der Verschwiegenheit gehalten, wir kennen nicht mal das ungeheure Ausmaß des Problems. Wir müssen es besser verstehen." Eine am Dienstag veröffentlichte Studie über sieben Länder Asiens, Indien nicht darunter, hat gezeigt: Fast jeder vierte Mann gibt zu, schon einmal eine Frau vergewaltigt zu haben.

Von Sunrita Sen, DPA / DPA
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