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Urteil im Winnenden-Prozess Eine Waffe, 15 Leben und 21 Monate

Ein bedrückender Prozess ist zu Ende. Jörg K., der Vater des Amokläufers von Winnenden, hat eine Bewährungsstrafe bekommen. Seelenheil bringt dieses Urteil kaum.
Von Mathias Rittgerott, Stuttgart

Das Gefängnis bleibt Jörg K. erspart, doch wirklich frei sein wird er nie wieder. "Die soziale Isolierung wirkt wie ein Gefängnis", sagt Reiner Skujat, Vorsitzender Richter am Landgericht Stuttgart. Die Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden hat das Gericht zwar zur Bewährung ausgesetzt. Für die Last allerdings, der "Vater eines Massenmörders" zu sein, mit dessen Pistole gemordet wurde, wird es keine Bewährung geben.

Auf der Anklagebank verharrt K. nahezu regungslos und hört zweieinhalb Stunden lang die Urteilsbegründung. Welche emotionale Kälte in seiner Familie herrschte, wie psychisch krank Tim war, wie er die Munition sammelte, wie er mordete. Auch die Angehörigen der Opfer schweigen, kein Getuschel, keine Unmutsäußerungen. Als Skujat nüchtern wiedergibt, wie Tim K. Amok lief, und dabei die Namen der Opfer nennt, stützen einige Nebenkläger ihr Gesicht in die Hände.

Weil K. seine Beretta im Kleiderschrank hinter Pullover versteckte, statt sie im Waffenschrank einzuschießen, und weil er "schlampig" Munition im Haus herumliegen ließ, trägt K. Mitschuld am Tod von 15 Menschen und der Verletzung von 14 weiteren. Fahrlässig hat er es seinem Sohn Tim ermöglicht, den Amoklauf zu begehen. K. wusste, dass sein Sohn psychisch krank war. Er wusste, dass Tim Psychologen gegenüber gesagt hat, er hasse "die Menschheit" und wolle töten. Dennoch hat K. seine Pistole nicht weggeschlossen. Im Gegenteil: "Er hat versucht, Tim für den Schießsport zu begeistern."

Erleichterung über das Ende der Verhandlung

"Vorhersehbar und vermeidbar" war, dass Menschen verletzt oder getötet werden könnten, urteilt Richter Skujat. Vorhersehbar freilich nicht "die Monströsität", wohl aber, dass Tim schießen würde. Vermeidbar, weil Tim den Sicherheitscode des Waffenschrankes wohl nicht kannte, also nicht an eine Waffe herangekommen wäre, hätte sich der Vater an das Waffengesetz gehalten. Skujat scheint erleichtert zu sein, das Verfahren abgeschlossen zu haben. Es hat "sehr bedrückende Verhandlungstage" gegeben, die für die Angehörigen der Opfer "schwer zu ertragen" waren.

Verantwortlich dafür macht er auch die Strategie von K.s Verteidigern. "Kompromisslos konfrontativ" war sie, geprägt von "ruppigem Verhalten". Das hat die Nebenkläger "zusätzlich verletzt", die sich vom Prozess eine Antwort auf das "Warum" erwarteten. Warum der Sohn zum Mörder wurde. Doch der Vater schwieg, statt bei der Suche nach Gründen zu helfen. "Dem Angeklagten wurde hier kein Stellvertreterprozess gemacht", sagt Skujat. Jörg K. saß nicht auf der Anklagebank, weil Tim K. tot ist. Zugleich sorgt sich der Richter um den Verurteilten. Schon während des Prozesses habe K. "nackte Angst" gehabt, schließlich hatte er Morddrohungen erhalten. Sollte er jetzt körperlich angegriffen, stünden bestimmte Angehörige der Opfer sofort unter Verdacht, warnt der Richter.

Ks. Verteidiger Hans Steffan wehrt sich gegen das Urteil. Zwar sei es gelungen zu verhindern, dass sein Mandant ins Gefängnis muss. Weil er jedoch nicht nur wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt wurde, sondern wegen fahrlässiger Tötung, zieht er vor den Bundesgerichtshof. Für K. geht die juristische Aufarbeitung des Amoklaufes also weiter. Auch, weil er zivilrechtlich verklagt wird. So kündigte die Stadt Winnenden an, gegen ihn vorzugehen. Allein 200.000 Euro Sachschaden hat Tim K. angerichtet, sagt Skujat.

Während Rechtsanwalt Jens Rabe, der die Nebenkläger vertrat, im Urteil eine "Signalwirkung" dafür sieht, dass Waffen nichts in Kleiderschränken zu suchen haben, sind einige Angehörige enttäuscht. Dieter Kleisch beispielsweise, dessen Tochter von Tim K. erschossen wurde, ist das Urteil zu mild. Er sagt: "Wäre die Waffe nicht gewesen, würde meine Tochter noch leben."


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