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Urteil in "Tatort Internet"-Prozess: "Er war definitiv der Schlimmste"

Die TV-Sendung "Tatort Internet" mit Stefanie zu Guttenberg hat jede Menge Wirbel verursacht. Nun stand einer der überführten Web-Pädophilen vor Gericht. Der Prozess gab Einblicke in die perfiden Methoden eines verirrten Romantikers, der ein "Untier" in sich hat.

Von Malte Arnsperger, München

Skrupellose Männer werden beim Versuch überführt, sich per Internet-Chat minderjährige Mädchen zu angeln. Wie sie ihre Opfer anmachen, sich mit ihnen über Sex unterhalten, und sich dann mit ihnen zum Date verabreden. Und das alles vor laufender Kamera, anmoderiert von Schirmherrin Stephanie zu Guttenberg. Wochenlang sorgte die RTL2-Sendereihe "Tatort Internet" im Herbst des vergangenen Jahres für Schlagzeilen, nicht nur wegen des Einsatzes der damaligen Ministergattin. Die Befürworter lobten: Endlich sorgt jemand für Aufklärung und zeigt's diesen schmuddeligen Web-Pädophilen. Die Gegner hielten dagegen: Das reißerische Format soll doch nur Quote bringen. Die Aufregung über die Sendung hat sich längst gelegt. Doch nun stand zum zweiten Mal einer der Täter in München vor Gericht - angeblich ist er der Schlimmste von allen.

Siegfried F. (Name geändert) ist 44.Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, selbständiger Designer, Hobby-Judoka. Nicht vorbestraft. Ein Durchschnittsmann. Im Chat schreibt er über sich (sic): "Liebe, gutes essen, gute gespräche, guter wein und guter sex … mehr wünsch ich mir vom leben nicht." Doch wie und vor allem mit wem er sich seine Wünsche erfüllt, davon hat er eine ungewöhnliche und vor allem strafbare Vorstellung. Er will minderjährige Mädchen. "Jeder hat ein Untier in sich", wird er später den Fernsehleuten sagen.

Siegried F. tappte in die Internetfalle

Im April 2010 schrieb Siegfried F. unter seinem Pseudonym "yannik_münchen" in einem Chatroom die Chatterin "saramuc" an. "Hi Sara :-)"- "hi" - "na, was machst du bei dem schönen wetter vor dem Rechner? etwa auch bei der arbeit" - "ne, ich bin 13 und muss Hausaufgaben machen und du". Ein Dialog entwickelte sich, in dem Siegfried F. darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sein Gesprächspartner minderjährig ist. Seine Reaktion: "Cool, ich werde vor dir gewarnt." Was Siegfried F. nicht wusste. Er chattete nicht mit einer 13-Jährigen, sondern mit der Journalistin Beate Krafft-Schöning. Die Internet-erfahrene Frau arbeitete für das Sendeformat "Tatort Internet" und wollte herausfinden, ob Siegfried F. es wirklich wagen würde, sich mit einer angeblich 13-Jährigen einzulassen. Er wagte es. Warum? Er schrieb: "ich finde dich attraktiv, als frau, wäre komisch, wenn ich mir nicht vorstellen würde sex mit dir zu haben." Nach wenigen Tagen verabredete er sich mit seiner Chatpartnerin und besuchte sie in deren angeblichen elterlichen Wohnung. Dort empfing ihn ein Lockvogel, eine tatsächlich 18-Jährige, die sich als die 13-Jährige Sara ausgab. Siegfried F. war das Alter egal. Er küsste das Mädchen, streichelte sie, begrabschte sie. Dann ließ Sara vor laufender Kamera die Bombe hochgehen, löste den Schwindel auf. Beate Krafft-Schöning konfrontierte Siegfried F. mit der Realität und eröffnete ihm, dass dies alles im Fernsehen gesendet werde.

Über ein Jahr später saß der kleine Mann mit den dunklen kurzen Haaren auf der Anklagebank des Amtsgerichts München, verdeckte mit einem Aktenordner sein Gesicht vor den Presse-Kameras. Er musste sich wegen des versuchten sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verantworten. Eine knifflige juristische Angelegenheit: Schließlich war Sara nicht wirklich minderjährig, sondern bereits erwachsen. Aber, so die Argumentation der Staatsanwaltschaft, Siegfried F. war immer davon ausgegangen, es mit einer 13-Jährigen zu tun zu haben. Der Angeklagte äußerte sich selber nicht zu den Vorwürfen. Sein Verteidiger verlas eine Erklärung: Seinem Mandanten sei klar gewesen, dass es sich bei Sara um eine junge Erwachsene handele. "Unstimmigkeiten" in den Chats und den Telefonaten hätten ihm gezeigt, dass es sich um eine Inszenierung handele. Zudem habe er das provokant auftretende Mädchen nur zufällig an Po und Brust berührt.

Der Täter, der sich vor Gericht als Opfer darstellt

Inszenierung, Provokation, der Täter als das eigentliche Opfer. Tatsächlich war dies auch Thema der aufgeregten Diskussion im Herbst 2010. Die Macher der Sendung wurden von Kinderschützern und sogar der Bundesjustizministerin angegriffen. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte damals: "Es besteht die Gefahr, dass Unschuldige angeprangert und große Schäden angerichtet werden und der Rechtsstaat in eine Schieflage gerät. Wir müssen aufpassen, dass es keine Vorverurteilungen gibt, bevor die Justiz ermittelt."

Im Falle von Siegfried F. ist genau das passiert. Er ist der zweite "Tatort-Internet"-Angeklagte. Rene K. stand vor einigen Wochen vor demselben Gericht und wurde zu einer dreimonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Der Fall von Siegfried F. sei jedoch schlimmer, sagte Beate Krafft-Schöning im Zeugenstand. Durch seine einfühlsame Art sei er für junge Mädchen gefährlich: "In den Chats war er romantisch und liebevoll." In anderen Fällen würden die Männer die Gespräche viel direkter und schneller auf sexuelle Themen lenken, plumper agieren. Zudem sei Siegfried F. anders als Rene K. und die anderen ertappten Männer schnell und massiv aufdringlich geworden. Diese Einschätzungen bestätigte später auch das Mädchen selber. Siegfried F. habe in den Gesprächen Wert auf ein romantisches Dinner mit Kerzenlicht, Pizza, Wein und Musik gelegt, sei dann aber sehr schnell zur Sache gekommen, sagte Sara K. "Er hat mich definitiv auf den Mund geküsst, meinen Po und meine Brust berührt." Der Richter fragt nach: War es sexuell motiviert. "Ja." Und dann fügt Sara K., die an insgesamt 27 dieser Treffen für RTL2 teilnahm, hinzu: "Er war definitiv der Schlimmste."

Siegfried F.: "Sie war mir sympathisch"

Doch war Siegfried F. insgeheim klar, dass Sara schon viel älter ist? Beide Zeuginnen verneinten dies, der Mann habe nie Zweifel am Alter des Mädchen bekundet. Davon wollte sich auch der Richter Andreas Forstner überzeugen und ließ einen Teil der RTL2-Sendung im Gerichtssal zeigen. Auf Frage von Beate Krafft-Schöning, wie alt Sara seiner Meinung nach sei, sagte Siegfried F. in dem TV-Ausschnitt: "13." Und Siegfried F. zeigte damals durchaus Einsicht für seine Verfehlungen. "Ich bin mir klar, dass das nicht gut aussieht. Aber sie war mir sympathisch."

Der Richter ließ wenig Sympathie erkennen, folgte im wesentlichen der Staatsanwaltschaft und ignorierte den Verteidiger-Antrag auf Freispruch. Er verurteilte Siegfried F. zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe und brummte ihm eine Geldstrafe von 3000 Euro für eine guten Zweck auf. Die sexuellen Handlungen seien unstrittig und Siegfried F. sei fest von einer minderjährigen Chat-Partnerin ausgegangen. Mahnend fügte er hinzu: "Überlegen sie sich mal, wie sich eine wirklich 13-Jährige fühlt. Meine Tochter will ich nicht einer solchen Situation ausgesetzt sehen."

Beate Krafft-Schöning zeigte sich danach zufrieden mit dem Spruch. "Ich bin wirklich froh. Der Richter hat ein Zeichen gesetzt, dass solche Leute nicht ungeschoren davon kommen" , sagte sie stern.de. Aber der so gelobte Richter hatte auch seinen Unmut über die Sendung kundgetan und die Verletzung der Persönlichkeitsrechte gerügt.

Klage gegen RTL2

Genau dagegen klagt Siegfried F. bereits und verlangt Schadensersatz von RTL2. Sein Anwalt: "Es ist ein Trash-Format, mit dem auf Kosten der Privatsphäre versucht wird, Quote zu machen." Ähnlich kritisch sieht es die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung (DGFPI): "Es ist zwar erfreulich, wenn so jemand vor Gericht gebracht wird", sagte DGFPI-Chefin Esther Klees zu stern.de. "Aber die Frage ist, ob der Weg der richtige ist. Uns hat die reißerische Aufmachung der Sendung gestört. Nur die Quote zählt, sex sells. Es ist eher zweifelhaft, ob es wirklich um Aufdeckung von Straftaten ging."

Diese Kritik am Sender und dem Format kann Julia von Weiler nicht verstehen. Sie ist Geschäftsführerin von Stephanie zu Guttenbergs Organisation "Innocence In Danger". "Über sexuellen Missbrauch zu sprechen ist immer noch ein großes Tabu", sagte von Weiler stern.de. "RTL2 hat Mut bewiesen und sich schonungslos bildlich dem schwierigen Thema angenommen. Dass es auch dem Sender nicht nur um die Quote ging, zeigt sich etwa dadurch, dass er sein Engagement gegen Kindesmissbrauch fortführt."

Es sei wichtig, Kinder und Eltern über den sexuellen Missbrauch im Internet aufzuklären, meint von Weiler. "Wenn man sich der Gefahren im Internet bewusst ist und entsprechend damit umgeht, ist das Internet ein tolles Medium."