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Urteil zu Samenspende Der Name des Vaters


Sarah P., gezeugt durch eine Samenspende, hat vor Gericht das Recht erstritten, den Namen ihres biologischen Vaters zu erfahren. Das Urteil wird Reproduktionsmediziner in Bedrängnis bringen.
Von Nina Poelchau

Sarah P. wurde 1990 durch eine Samenspende gezeugt. Sie machte sich mit 18 auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater. Der damals zuständige Mediziner weigerte sich, ihr dabei zu helfen. Jetzt hat das OLG in Hamm entschieden: Sie hat das Recht, ihren Vater zu finden. Der Arzt muss den Namen nennen.

Es ist ein Urteil, das Ärzte wie den Essener Reproduktionsmediziner Dr. Thomas Katzorke in erhebliche Bedrängnis bringt. Katzorke ist der Leiter der Reproduktionsklinik in Essen, die größte Klinik dieser Art in Deutschland. Er verhalf vor 22 Jahren Sarah P.s Eltern zum Kind. Weitere 10.000 Frauen wurden dank "donogener Insemination" in Essen schwanger. Katzorke hatte seinen Samenspendern allerdings stets Anonymität zugesichert: Weder würden eines Tages leibhaftige Kinder noch irgendwelche Unterhaltsansprüche auf sie zu kommen. Ihr Name bliebe geheim.

Jedes Kind hat das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung. So hat die UN-Kinderrechtskonvention bereits 1989 entschieden. Aus dieser Entscheidung wurde in Deutschland bisher keine gesetzliche Regelung zur Dokumentation der Spenderdaten abgeleitet. Die liefen unter "medizinische Unterlagen" und konnten noch bis 2007 nach zehn Jahren vernichtet werden. Erst seit 2007 müssen sie 30 Jahre lang aufbewahrt werden. Eine Regelung, auf die sich Mediziner wie Katzorke gerne beriefen – UN-Konvention hin oder her.

Sarah P. wollte einfach wissen, ob sie ihrem leiblichen Vater ähnlich sieht

Als Sarah P. mit 18 Jahren von ihrer Mutter erfuhr, dass der Mann, den sie von Baby an für ihren leiblichen Vater gehalten hatte, gar nicht ihr leiblicher Vater war, machte sie sich auf die Suche. Sie wollte kein politisches Signal setzen, nicht die Welt der Samenspender und Reproduktionsärzte erschüttern, wie es jetzt passiert ist. Sie wollte einfach wissen, ob sie ihrem leiblichen Vater ähnlich sieht, ob sie von ihm ihr musikalisches Talent geerbt hat und gerne auch, ob sie Halbgeschwister hat. Doch sie biss bei Katzorke auf Granit. Der erklärte, die Unterlagen des gesuchten Samenspenders seien nicht mehr da.

Das Landgericht in Hamm hat Katzorke nun verdonnert, die Unterlagen zu finden und den Namen von Sarah P.s leiblichem Vater herauszugeben. Ihm droht Zwangsgeld. Vielleicht sogar Zwangshaft. Das kann für Katzorke teuer und ziemlich peinlich werden – muss allerdings nicht bedeuten, dass die Unterlagen wieder auftauchen.

Vielleicht ist die Suche von Sarah P. damit beendet. Traurig für die junge Frau. Doch das Urteil greift viel weiter. Etwa 100.000 durch Samenspende entstandene Kinder gibt es offiziell in Deutschland. Vielleicht sind es auch mehr. Sie könnten sich jetzt ermuntert fühlen, ihren Stammbaum zu erforschen. Sie könnten sogar auf die Idee kommen, die Vaterschaft des Mannes, mit dem sie aufgewachsen sind, anzufechten. Dann stünden möglicherweise nicht nur viele lange verdrängte Kinder auf der Matte der einstigen Samenspender. Die Tür wäre zudem weit offen für empfindliche Erb- und Unterhaltsansprüche.


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