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13 gefangene Kinder: Das Puzzle des Grauens - aber niemand setzte die Teile zusammen

In Kalifornien haben Eltern ihre 13 Kinder gefangen gehalten. Nach und nach kommt ans Licht, was die Nachbarn der Familie alles beobachtet haben. Alarm schlug jedoch niemand.

13 und Erwachsene, gefangen im eigenen Elternhaus. Was sich über Jahre in einem Haus in Perris, US-Bundesstaat Kalifornien, abgespielt haben muss, ist auch zehn Tage nach der Befreiung der jungen Menschen schwer zu begreifen. In US-Medien mehren sich Berichte ehemaliger Nachbarn der Familie. Ihre Beobachtungen sind ein Puzzle des Grauens. Aber anscheinend hat niemand von ihnen die einzelnen Teile zusammengesetzt.

In der "L.A. Times" berichtet ein Nachbar aus Rio Vista, dem früheren Wohnort der Familie in Texas, dass im Haus der Familie rund um die Uhr Licht gebrannt habe und die Jalousien heruntergezogen gewesen seien. Einmal hätten die Kinder zu Weihnachten Fahrräder bekommen. Die acht Räder hätten unbenutzt draußen gestanden, bis sie von der Sonne ganz verblichen gewesen seien. Schon während der Zeit in Texas soll eines der älteren Mädchen weggelaufen sein, doch ein Nachbar habe das Kind zurückgebracht.

Ein Foto eines Metallbetts mit Seil am Gestell

Nach ihrem Umzug nach sollen die zwei Autos der Familie wegen Schulden gepfändet worden sein. Der Käufer des Hauses in Texas habe bergeweise Müll vorgefunden - darin auch ein Foto, das ein Metallbett mit einem Seil am Gestell zeigte, berichtet die "L.A. Times". Der Pick-Up der Familie sei voller benutzter Windeln und leerer Würstchen-Dosen gewesen. "Es schien, als habe die Familie nur Wiener Würstchen gegessen", sagte der Nachbar der Zeitung. Und noch etwas sei dem Käufer des Hauses komisch vorgekommen: "Überall waren Schlösser: am Schrank, an der Spielzeugkiste, am Kühlschrank."

Im nächsten Wohnort der Familie hat ein Nachbar der Zeitung zufolge eine gruselige Beobachtung gemacht. Er habe gesehen, wie die Kinder mitten in der Nacht in der Wohnung im Kreis gelaufen seien. Damals habe er gedacht, die Kinder bräuchten vielleicht eine spezielle Förderung und das ständige Im-Kreis-Laufen sei therapeutisch oder eben einfach eine Gewohnheit. Aber weil seine Frau gelegentlich auf dem Weg zum Briefkasten mit zweien der Nachbarstöchter gesprochen habe, sei ihr Misstrauen gegenüber den Nachbarn mit den vielen Kindern verschwunden, berichtet die Zeitung.

Teller um Teller leergegessen

Eines der Kinder ist laut der "L.A. Times" eine Zeit lang auf das Mount San Jacinto College gegangen. Eine Mitschülerin erinnert sich an den Jungen als nett, aber introvertiert. Nur einmal soll er aufgefallen sein. Bei einem gemeinsamen Essen an der Schule soll er wie ausgehungert gewirkt haben. "Er stand am Tisch und setzte sich nicht hin", sagte die Mitschülerin dem TV-Sender NBC4. "Er aß buchstäblich einen Teller nach dem anderen leer."

Nach dem Umzug nach Perris sei die Familie bei einem Nachbarschaftstreffen gewesen. Dabei wurde einer Nachbarin auch einer der Söhne vorgestellt. Laut der Mutter sei er damals Mitte 20 gewesen. Die Nachbarin berichtete der "L.A. Times", sie habe dem Sohn gesagt: "Sie sehen so jung aus. Wie 15." Der habe daraufhin gelächelt und genickt. Für die Familie geredet habe aber die Mutter.

Kein Nachbar hat die Behörden alarmiert

Obwohl mehrere Nachbarn laut der Zeitung misstrauisch waren, hat niemand wegen der Familie die Behörden informiert. Das könnte auch daran liegen, dass Nachbarschaft in den USA zwei Seiten hat, die verschiedener nicht sein könnten - gerade in kleinen Städten. Auf der einen Seite achtet man sehr aufeinander, man kümmert sich, ist enorm hilfsbereit und hält zusammen. Auf der anderen Seite werden der private Raum, die Individualität und die persönliche Freiheit extrem hoch geachtet. Man mischt sich nicht ein, man lässt sich in Ruhe.

Das könnte das Grauen, das die 13 Kinder der Familie durchlebt haben, erst ermöglicht haben.

tkr mit Agentur / DPA