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Utøya-Attentäter: Breivik wollte noch mehr Jugendliche töten

Der Attentäter von Utøya ist zufrieden mit dem neuen Gutachten, das ihn als zurechnungsfähig einstuft. Anders Behring Breivik wird seine Taten im Prozess nicht bedauern - im Gegenteil.

Von Swantje Dake

Wenige Tage vor Beginn des Prozesses gegen Anders Behring Breivik wurde ein zweites Gutachten über den psychischen Zustand des Attentäters von Oslo und Utøya vorgelegt. Der mehr als 300 Seiten umfassende Bericht kommt zu dem Schluss, dass der 33-Jährige zum Tatzeitpunkt nicht psychisch krank und damit zurechnungsfähig ist.

Damit widerspricht das Gutachten der beiden Psychiater Terje Tørrissen und Agnar Aspass dem im November veröffentlichten Bericht über Breivik, der ihn als "paranoid-schizophren" und damit als nicht zurechnungsfähig sieht. Mit dem zweiten Gutachten steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Breivik zu der Höchststrafe (21 Jahre) oder einer Sicherungsverwahrung verurteilt wird. Eine Einweisung in die Psychiatrie wird eher unwahrscheinlich. Die Entscheidung obliegt jedoch den Richtern.

Breivik ist für 77-fachen Mord angeklagt. Er hatte im Juli 2011 im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe gelegt und in einem Sommerlager der regierenden Arbeiterpartei auf der Insel Utøya 69 Menschen getötet. Er hält sich selbst nicht für psychisch gestört und will die volle Verantwortung für seine Attentate übernehmen.

Breivik wird keine Reue zeigen

Daher zeigte sich Breivik zufrieden mit dem zweiten Gutachten, wie sein Verteidiger Geir Lippestad berichtete. Sein Mandant habe damit gerechnet, dass er als zurechnungsfähig eingestuft wird, so Lippestad. Die Entscheidung der Psychiater ist für den Attentäter eine Bestätigung und gibt ihm wenige Tage vor Prozessbeginn Aufwind. "Er wird seine Handlungen verteidigen und darüber hinaus, bedauern, dass er nicht noch mehr Jugendliche getötet hat", sagte Lippestad am Nachmittag vor dem Gefängnis Ila.

Breivik hatte die Taten gestanden, bezeichnet sich selbst jedoch als unschuldig. Er sieht sich als politischer Aktivist, der einen Krieg gegen die Islamisierung Europas führt. Daher habe er die sozialdemokratische Regierung für die seiner Meinung nach laxe Einwanderungspolitik bestrafen wollen. Dieser Gedankengang wird in Breiviks Augen durch das zweite Gutachten der Psychiater glaubwürdiger. Lippestad glaubt, dass die Aussage seines Mandanten anstrengend für alle Anwesenden sein wird. "Es ist aber wichtig, dass er sich erklären kann und wir ihm den Platz geben."

37 Stunden Gespräch mit dem Attentäter

Tørrissen und Aspas haben seit Januar Breivik beobachtet und mehrere Gespräche über 37 Stunden mit ihm geführt. Außerdem wurde Breivik drei Wochen lang rund um die Uhr beobachtet. "Die Zusammenarbeit mit Breivik war gut", sagte Tørrissen bevor er am Vormittag dem Gericht das Gutachten überbrachte.

Tørrissen und Aspass sehen zudem ein großes Risiko für erneute gewalttätige Handlungen. Die Experten begründen ihr Ergebnis, das dem ersten Gutachten komplett widerspricht, damit, dass sie mehr Material zur Verfügung hatten. Den ersten Bericht wollen sie nicht näher kommentieren. "Wir sind bei unserem Beschluss so sicher, wie wir sein können", sagte Aspass. Sonst schweigen die Psychiater zu Einzelheiten aus ihrem Bericht. Wie unter anderen die norwegische Zeitung "Dagbladet" berichtet, kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass Breivik unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet. Er sehe sich selbst im Zentrum des Geschehens und habe ein falsches Selbstbildnis. Das Gutachten wird erst während des Prozesses veröffentlicht. Mitte Juni werden alle vier Psychiater in den Zeugenstand berufen, müssen sich dann zu ihren Berichten äußern und bewerten, wie sich Breivik im Prozess verhalten hat.

Breivik kämpft für seine Strafe

Das zweite Gutachten wurde angeordnet, nachdem in Norwegen heftig über das erste Gutachten diskutiert wurde. Weder das erste noch das zweite Gutachten sind für die beiden Richter und die drei Laienrichter in dem am 16. April beginnenden Prozess bindend. Sie werden erst nach dem zehnwöchigen Prozess entscheiden, ob Breivik für sie zurechnungsfähig ist und er damit eine Gefängnisstrafe bekommt oder ob er unzurechnungsfähig ist und in die Psychiatrie überwiesen wird.

Breivik selbst hat stets bestritten, geistesgestört zu sein, und stattdessen betont, er übernehme die Verantwortung für seine Taten. Er sieht sich als politischen Aktivisten. Allerdings hält er sich für nicht schuldig. In der vergangenen Woche hatte Breivik sich mit einem #link;/www.stern.de/panorama/oslo-und-utoya-attentaeter-schreibt-offenen-brief-breivik-fuehlt-sich-gedemuetigt-1809379.html;offenen Brief an die Medien# gewandt. Darin kritisierte er das erste Gutachten als "ultimative Demütigung" und schrieb, dass die Einweisung in die Psychiatrie für ihn schlimmer sei als eine Gefängnisstrafe.

Zeugen Widerwillen

Auch die Zeugen, die für Breivik aussagen sollen, sind größtenteils von dem Angeklagten selbst ausgewählt. Sie sollen ihm dabei helfen, dass das Gericht ihn als schuldfähig ansieht. Breiviks Anwalt Geir Lippestad hat die Zeugenliste seines Mandanten bereits dem Gericht übergeben. Die Zeugen werden wenig zu den Anklagepunkten sagen können. Vielmehr erhofft sich der Attentäter von Zeugen aus dem rechten Milieu, Rechtsextremismusexperten, von Islamkritikern, aber auch von Islamanhängern, dass sie vor Gericht bestätigen, dass er im Sinne seiner Ideologie handelte, als er in dem Ferienlager tötete. Nicht alle der 29 Personen sind erfreut darüber, dass sie Breivik auserwählt hat, für ihn auszusagen, viele haben aus den Medien davon erfahren. So soll Peder Nøstvold Jensen, auch unter seinem Bloggernamen "Fjordman" bekannt, aussagen. Ihn nannte Breivik in seinem Manifest als sein Vorbild.

Ein Teil der Zeugen wird den Auftritt im Gericht nutzen, um sich von Breivik zu distanzieren. So wie der Vorsitzende der Organisation "Stoppt die Islamisierung Norwegens", Arne Tumyr "Selbstverständlich werde ich als Zeuge erscheinen, wenn es verlangt wird. Außerdem ist das eine hervorragende Möglichkeit, mich von Breivik und seinen Taten distanzieren", so Tumyr zur Zeitung "Verdens Gang". Andere Zeugen sind weniger begeistert. "Breivik will durch die Zeugen belegt wissen, dass er zurechnungsfähig ist. Ich weiß nicht, was ich dazu beitragen könnte", sagte Rita Karlsen vom Human Rights Service, einer islamkritischen Organisation. Auch die Religionshistorikerin Hanne Nabintu Herland ist alles andere als begeistert über ihre neue Aufgabe. Sie ist der Ansicht, man hätte Breivik bereits auf der Insel bei der Festnahme erschießen sollen. Für Aufsehen hat ebenfalls die Nennung von Mulla Krekar gesorgt, ein in Norwegen lebender Extremist, der erst kürzlich wegen Todesdrohungen und Aufruf zu Mord zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde.