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Massaker an US-Grundschule "Tut so, als würdet ihr schlafen": Verletzter Lehrer aus Uvalde schildert Todesdrama im Klassenraum

Provisorische Gedenkstätte vor der Rob Elementary School in Uvalde
Vor der Robb Elementary School in Uvalde im US-Bundesstaat Texas ist wenige Tage nach dem Massaker eine provisorische Gedenkstätte entstanden
© Chandan Khanna / AFP
Er war der einzige Überlebende in seinem Klassenraum: Zwei Wochen nach dem Massaker an einer Schule in der texanischen Kleinstadt Uvalde hat ein Lehrer dem US-Sender ABC den Angriff geschildert.

Arnulfo Reyes befand sich mit seinen Schülerinnen und Schülern in Raum 111 der Robb Elementary School, als ein bewaffneter 18-Jähriger das Klassenzimmer betrat und das Feuer eröffnete. Als die Schießerei vorbei war, waren alle außer Reyes in Raum 111 tot. In einem Interview für die Sendung "Good Morning America" des US-Senders ABC hat der Lehrer jetzt über das Grauen berichtet, das sich am 24. Mai in der Grundschule abspielte — und über seine wachsende Wut auf die Einsatzkräfte der Polizei.

"Schnell ab unter den Tisch"

Die Kinder hätten an dem Tag zunächst an einer Feier zum Abschluss des Schuljahres teilgenommen und einige seien danach nach Hause gegangen, erzählte Reyes dem Sender aus einem Krankenhaus in San Antonio heraus, wo er sich von seinen Schussverletzungen erholt. Mit denjenigen, die in der Schule geblieben seien, habe er einen Film angeschaut. Plötzlich seien Schüsse zu hören gewesen und die Schülerinnen und Schüler hätten ihn gefragt, was los sei.

"Und ich sagte: 'Ich weiß nicht, was hier los ist, aber schnell ab unter den Tisch. Los, unter den Tisch und tut so, als ob ihr schlaft'", erinnerte sich Reyes gegenüber ABC. "Als sie das taten und ich sie unter dem Tisch versammelte und ihnen sagte, sie sollten so tun, als würden sie schlafen, drehte ich mich um und sah ihn dort stehen."

Der 18-Jährige war aus dem mit Raum 111 verbundenen Raum 112 herübergekommen und eröffnete laut ABC sofort das Feuer. Eine Kugel habe Reyes' Arm und Lunge durchschlagen, eine andere seinen Rücken getroffen. Danach habe er sich nicht mehr bewegen können und der Angreifer habe seine Waffe auf die Kinder gerichtet, erzählte der Lehrer.

Vor dem Klassenzimmer seien Einsatzkräfte zu hören gewesen und ein Kind in einem anderen Raum habe die Polizei um Hilfe angefleht, berichtete der Lehrer. Aber die hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einen Gang zurückgezogen, glaubt Reyes: "Einer der Schüler aus dem Klassenzimmer nebenan sagte: 'Officer, wir sind hier drin. Wir sind hier drinnen. Aber sie waren schon weg."

Der Schütze sei daraufhin in Raum 112 zurückgegangen. "Er stand von meinem Schreibtisch auf, ging hinüber und schoss dort erneut", erklärte Reyes. Das nächste Mal, als er die Beamten gehört habe, hätten sie dem Attentäter gesagt, er solle herauskommen und dass sie nur reden wollten und ihm nichts tun würden. Schließlich hätten die Einsatzkräfte die Tür aufgebrochen und den Angreifer erschossen.

"Ich erinnere mich noch, wie die Grenzpatrouille sagte: 'Steh auf, steh auf'. Und ich konnte nicht aufstehen", erzählte Reyes. Elf Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse seien mit ihm in dem Klassenraum gewesen. Der 18-Jährige habe sie alle getötet. Im benachbarten Klassenzimmer erschoss er zudem acht Kinder und zwei Lehrerinnen.

Reyes will Polizei in Uvalde "niemals verzeihen"

An die Einsatzkräfte, die mehr als eine Stunde gebraucht hatten, um den Angreifer auszuschalten, richtete Reyes scharfe Kritik: Nach alldem, was passiert sei, mache ihn das Zögern der Polizei noch wütender. "Sie haben eine kugelsichere Weste. Ich hatte nichts", sagte der Lehrer. Die Aufgabe der Polizei sei es zu schützen und zu dienen und es gebe keine Entschuldigung für ihr Handeln. "Ich werde ihnen niemals verzeihen."

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Reyes wandte sich in dem Interview auch an die Eltern der Opfer: "Es tut mir leid. Ich habe mein Bestes gegeben, so wie es mir aufgetragen wurde. Bitte seien Sie mir nicht böse", sagte er unter Tränen. "Es ging alles zu schnell. Training, kein Training, alle Arten von Training — nichts bereitet einen auf so etwas vor."

Das Schulpersonal habe den Schülerinnen und Schülern beigebracht, sich in derartigen Fällen unter den Tischen zu verstecken, erklärte Reyes. Und daran habe er in dem Moment gedacht. Aber tatsächlich hätten sie die Kinder für den Schützen zur "leichten Beute" gemacht.

"Sie können uns so viel trainieren, wie Sie wollen, aber ... die Gesetze müssen sich ändern", forderte der Lehrer. Wenn die Waffengesetze nicht verschärft würden, werde sich niemals etwas ändern. "Niemand auf dieser Welt hat diese Art von Schmerz verdient. ... Niemand hat das verdient", sagte er ABC. "Ich werde bis ans Ende der Welt gehen, um sicherzustellen, dass die Dinge geändert werden.

Quellen: ABC, CNN, "People"


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