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Verbot in Hessen Befreiungsschlag gegen die Hells Angels


Nachdem ihm Nähe zu Rockern unterstellt wurde, hat Hessens Innenminister die Frankfurter Clubs der Hells Angels verboten. Dahinter aber verbergen sich Ränke in der Polizei.
Von Kuno Kruse

Am Donnerstagnachmittag gaben Beamte die Verbotsverfügung gegen zwei Frankfurter Charter der Hells Angels an der Haustür der beiden Präsidenten ab. Bis Freitagmorgen um vier wurde das Clubhaus "Westend" durchsucht. Innenminister Boris Rhein schaute bei der entschlossenen Aktion persönlich vorbei. Mittags präsentierte er sich der Presse. Der CDU-Politiker will Stärke zeigen, nachdem er selbst in der Presse durch Indiskretionen interessierter Kreise in den Behörden in die Nähe der Rocker gerückt worden war.

In seiner Offensive gegen die Hells Angels präsentierte der Minister am Freitag auch keinen rauchenden Colt, wie ein klarer Beweis in Ermittlerkreisen genannt wird, sondern akribische Fleißarbeit: Die lange Jahre gesammelten Strafverfahren gegen 45 Mitlieder der beiden Rocker-Clubs. Alles ist verbüßt, manche der Straftäter sind schon nicht mehr dabei. Deshalb wurde konzentrierte sich die Polizei auf acht schwere Straftaten aus den vergangenen fünf Jahren.

Es war ein klirrend kalter Morgen, als Ende vergangenen Jahres mehrere Tausend Polizisten, allen voran die Kollegen der SEK, in Frankfurt Wohnungen und Bordelle durchsuchten. Ihr Ziel: Die Hells Angels. Der Verdacht: Die Rocker hätten Polizei und Ordnungsamt infiltriert, die Tentakeln des Riesekraken würden bis ins Innenministerium reichen. Fünf Polizistinnen und Polizisten, angeblich mit den Rockern verbandelt, wurden festgenommen.

Nach Monaten intensiver Ermittlungsarbeit erwies sich die Razzia als Schlag ins Wasser. Die Bestechungsvorwürfe gegen Rocker stellten sich als haltlos heraus. Nur drei Beamte blieben im weit ausgeworfenen Netz der Fahnder hängen. Eine Polizistin hatte eine Nebentätigkeit im horizontalen Gewerbe nicht angemeldet, die andere nahm Drogen, was Kollegen allerdings schon vorher bekannt war. Ein junger Kollege in der Abteilung Internet-Kriminalität rauchte Haschisch.

Ein Mann packt aus

Grundlage der großen Polizeiaktion bildete eine einzige Zeugenaussage. Die aber nur zu gut ins Bild passte. Ein mehrfach vorbestrafter Dachdecker, nach dem gerade mal wieder gefahndet wurde, hatte sich dem hessischen Landeskriminalamt und später der Presse, darunter auch dem stern, angeboten. Er bezeichnete sich selbst als eine Art heimlicher Buchalter der Hells Angels. Sein Angebot an die Polizei: Er könne die "organisierte Kriminalität" der Rocker bis in den obersten Etagen von Polizei, Wirtschaft und Politik belegen. Sein Preis: Neue Identität und Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm.

Anders als Journalisten, bei denen der fulminante Zeuge auf Zweifel stieß, folgten die Ermittler des Landeskrimalamtes den Ausführungen des "Auspackers". Tatsächlich hatte er sich in der Vergangenheit um Aufnahme bei den Hells Angels bemüht, war ein sogenannter Hangaround,blitzte jedoch nach Aussagen der Rocker als "Anwanzer" schnell ab.

Tatsächlicher Hintergrund des polizeilichen Ermittlungseifers aber waren Querelen im Landeskriminalamt selbst, die inzwischen die "Frankfurter Neue Presse" offen gelegt hat. Der damalige Innenminister und jetzige Ministerpräsident Volker Bouffier hatte eine neue LKA-Chefin ins Amt gerufen: Sabine Thurau.

"Pueblo" wird gegründet

Der Beamtin war als Vizepräsidentin des LKA bereits massives Führungsversagen bis hin zum Mobbing vorgeworfen worden. Kripobeamte wehrten sich juristisch, die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die Karriere-Beamtin. Ein erfolgreicher Schlag gegen die Hells Angels, so soll Sabine Thurau Freunden anvertraut haben, würde ihren Ruf wieder aufpolieren. Das soll Thomas Ruhmöller, Reporter der "Frankfurter Neuen Presse", aus Polizeikreisen erfahren haben.

Als erstes schnitt die neue Chefin per Anweisung den erfahrenen Beamten, der bis dahin die Abteilung Organisierte Kriminalität geleitet hatte, von allen Informationen ab. Er war ins Innenministerium gewechselt, und sollte, so Thurau, ohnehin in Sorge um seine kranke Mutter, nicht unnötig mit Informationen über die Ermittlungen gegen die Rocker belastet werden. Vielleicht hätte ein guter Rat des erfahrenen Kriminalisten manchen Unbill verhindern können. Er kennt das Milieu, und angebliche Zeugen, die große Geschichten auftischen, melden sich immer wieder einmal. Sie schloss auch weitere erfahrene Kollegen aus, und hörte auch nicht auf Warnungen aus der Behörde, die sie vor dem Zeugen warnten.

Doch die neue Leiterin des LKA, Sabine Thurau, setzte lieber auf den Zeugen, als auf Sachverstand, gründete die Arbeitsgruppe "Pueblo" und hievte einen ihrer Vertrauten an die Spitze, der zuvor in der Abteilung "Interne Ermittlungen" gearbeitet hatte. Der vernahm den Zeugen, machte ihn zum rund um die Uhr beschützten Kronzeugen. Und für einen Moment schien alles wie Wasser auf seine Mühlen.

Interne Querelen bei der Polizei

Der neue Innenminister, Boris Rhein, triumphierte in der Presse. Das Einsickern in die öffentliche Verwaltung, in Polizei und Justiz, zeige, "glasklar", dass man es bei den Rockern mit organisierter Kriminalität zu tun habe. 
Endlich könne bewiesen werden: Die Hells Angels bilden eine mafiaähnliche Organisation.

Unmittelbar nach der Großrazzia räumte die Frankfurter Staatsanwaltschaft ein, dass keiner der Durchsuchungsbeschlüsse auf dem Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung basierte. Dass auch die Tätigkeit im Rotlichtmilieu nicht strafbar sei. Und sich die Ergebnisse der großen Durchsuchungsaktion "hart an der Grenze der Belanglosigkeit" bewegten.

Es sollte dann noch einmal Monate dauern, bis sich auch die Vorwürfe gegen die Beamten in Luft auflösten. Innerhalb der Polizei- und Justizbehörde aber hatte es, wie der stern erfuhr, längst die Runde gemacht, dass der große, von der Presse flankierte, Schlag gegen die Rocker das Ergebnis interner Querelen der Polizeibehörde war.

Die neue Chefin des LKA war schon unmittelbar vor der großen Razzia, für die Polizisten aus mehreren Bundesländern angefordert worden waren, unfreiwillig ausgestiegen. Sie soll sie wider besseren Wissens zwei Kollegen mit Strafverfahren überzogen haben. Und so wurde auf einmal wegen des Verdachts der Verfolgung Unschuldiger gegen sie ermittelt. Man enthob sie ihres Postens und ordnete sie schnell ins Innenministerium ab. Die von ihr eingeleiteten Aktionen gegen die Rocker aber waren nicht mehr zu stoppen.

Ein Darlehen vom Kronzeugen

Inzwischen war man nicht nur bei der Polizei über die Ermittlungsergebnisse ernüchtert. Sondern auch im Ministerium. Seit Jahren versuchen die Innenminister der Länder, munitioniert von den Landeskriminalämtern, alle Rockergruppen zu verbieten. Doch immer wieder fallen die Ermittlungen dürftig aus.

Und auch Hessen konnte nun, trotz Großaufgebot, nicht richtig liefern. Der Kronzeuge gilt inzwischen als unglaubwürdig. So hatte ein von ihm beschuldigter Kripo-Beamter nicht, wie behauptet, von einem Hells Angel 10.000 Euro für den Verrat von Dienstgeheimnissen kassiert. Er hatte sich 1000 Euro für ein Café seiner Frau ausgeliehen. Und das nicht von einem Rocker, sondern von dem Kronzeugen.

Die drogenabhängige Oberkommissarin aus dem Betrugsdezernat hatte nie Kontakte zu Rockern. Sie macht inzwischen eine Entziehungskur. Und auch der bekennende Kiffer in der Computerabteilung hatte, wie die Beamtin, die ihre Liebe im Internet anbot, nichts mit den Hells Angels zu schaffen. Sie versuchte nur zusammen mit ihrem Mann, ebenfalls Polizist, das Haus abzubezahlen.

Der Minister und das Problem mit den "Rumänenweibern"

Im Ministerium schien man bereits von dem Versuch Abschied nehmen zu wollen, die Hells Angels zur kriminellen Vereinigung zu erklären. Die Beweislage war dünn. Und nicht nur die Juristen im Haus zweifelten. Da wurde Innenminister Boris Rhein via Spiegel zum Jagen getragen. Dem Nachrichtenmagazin war der Wortlaut eines abgehörten Telefongesprächs zwischen dem Präsidenten des Frankfurter Hells Angel Charters "Westend" und dem inzwischen bekannten Bremer Rocker-Sprecher "Django" über die Gefahr eines drohenden Vereinsverbots zugespielt worden. Der Frankfurter Rocker sagte darin über den Innenminister: "Der war auch bereit, mit uns zu sprechen. Wir hatten hier mal ein großes Problem mit den Rumänenweibern hier bei uns auf der Straße. Da ... kam er sogar selbst zu uns ins Viertel und hat mit uns gesprochen."

Tatsächlich hatte es im Milieu Auseinandersetzungen mit rumänischen Zuhältern gegeben. Und tatsächlich hatte Innenminister Boris Rhein, damals noch Staatssekretär, versucht, gegen illegale Straßenprostitution vorzugehen. Bei einer Razzia im Bahnhofsviertel unterhielt sich Boris Rhein dabei auch mit einem eingesessenen Frankfurter Bordellbetreiber. Dabei ist nicht klar, ob Rhein wusste, dass dieser Mitglied der Hells Angels war. Nun schienen die beiden Rocker am Telefon Hoffnung daraus zu schöpfen, dass dieser Politiker auch als Innenminister bereit wäre, sie einmal anzuhören.

Das Vermögen wird eingezogen

Der CDU-Politiker ließ sofort verlautbaren, dass er keine Kontakte zu Mitgliedern der Hells Angels habe. Für ihn sei "die Bekämpfung krimineller Motorradclubs ein Schwerpunkt", die Angels wiesen "deutliche Züge von Organisierter Kriminalität" auf.

So glaubte er wohl, nach der Pleite mit der inzwischen ehemaligen LKA-Chefin, durch das harsche Vorgehen gegen die Rocker jeden Verdacht einer Nähe ausräumen zu können. Das zumindest vermutet der Hells Angel Django, der sich an das Gespräch mit seinem Frankfurter Club-Bruder kaum erinnert. "Dann", sagt der Rocker, "kann es nicht so wichtig gewesen sein". Da irrt er. Denn nun wurde dem lange vorbereiteten Verbotsbeschluss handschriftlich ein Datum hinzugefügt. Zwei Charter der Hells Angels wurden verboten. Das Tragen der Patches, wie die Aufnäher auf den Jacken heißen, ist nicht mehr erlaubt. Das Vermögen des Vereins wird eingezogen. Wie groß es ist, konnten die Ermittler allerdings nicht sagen.


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