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Verbrechen: Viele hatten Streit mit Bernhard G. - sie ahnten nicht, dass sie ihr Leben riskierten

Es gab viele Menschen, die Streit hatten mit Bernhard G. Auf den Spuren eines Gärtners, der sich an allen rächte.

Sprengstoff und Granaten: auf den Spuren eines sich rächenden Gärtners

Bernhard G. lebte in einem kleinen Ort bei Kaiserslautern. In seinem Haus fand die Polizei Waffenteile und Sprengstoffzubehör. Hier lebte er bis zum Schluss. Fossilien waren von Kindheit an seine Leidenschaft: G. (l.) bei der Bearbeitung von Fundstücken.

Als Karin G.* ihren Mann Bernhard am 1. März tot in seinem Bett fand, sah alles nach einem gewöhnlichen Selbstmord aus. Der 59-Jährige hatte sich ein tödliches Präparat gespritzt. Das Motiv schien klar: Seiner Frau, seinem Vater, Freunden und Bekannten hatte der Landschaftsgärtner aus dem pfälzischen Mehlingen erzählt, dass er sterbenskrank sei. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Um 13.31 Uhr stellte der Arzt den Totenschein aus.

Zu dieser Zeit suchte die Mordkommission drei Kilometer entfernt, im Nachbarort Enkenbach-Alsenborn, schon seit Stunden nach Spuren. Um kurz nach neun war der 64-jährige Doktor K. vor dem Kellereingang seines Hauses gefunden worden. In seinem Körper steckten unzählige kleine Stahlkugeln. Ein Unbekannter hatte ihm eine Holzkiste mit einer Handgranate vor die Tür gelegt. Als K. das Paket aufhob, war die Sprengladung explodiert. Die Kripo ermittelte in dieser Nacht bis 2.30 Uhr. Doch es gab nicht den geringsten Verdacht, wer den beliebten Hausarzt getötet haben könnte. Und warum.

Brennholz mit Sprengstoff

Einen Tag später, am 3. März, explodierte in Otterberg, rund acht Kilometer von Mehlingen entfernt, ein Holzscheit in einem Kaminofen. Die Tür aus Sicherheitsglas zerbarst. Glassplitter flogen, verletzten die 37-jährige Dora Ney* und zwei ihrer Kinder. Ihre vierjährige Tochter musste unter Narkose versorgt werden. "Das war nicht nur eine Explosion. Das war ein Mordanschlag", sagt Dora Ney. "Ich habe in den Kamin geguckt. Hunderte von brennenden Kleinteilen sind auf uns zugeflogen. Ich wollte mit meinen Kindern auf den Balkon fliehen, doch wir hatten keine Chance rauszukommen." Auch der Einsatzleiter der Feuerwehr meinte damals: "Die hatten Glück im Unglück. Das hätte anders ausgehen können."

Dora Ney wusste sofort, wer hinter dem Anschlag steckte: Bernhard G. Sie hatte sich mit dem Landschaftsgärtner um eine Rechnung von 10.000 Euro gestritten. Nachdem sie sich auf die Hälfte geeinigt hatten, war zwei Wochen später ihr Abflussrohr zubetoniert gewesen.

Die Kripo durchsuchte das Haus von G. Die Polizisten fanden zwei Kilo Schwarzpulver, Waffenteile, 60 schrotähnliche Stahlkugeln, eine Bohrmaschine, die zu dem Loch passte, das in das Holzscheit gefräst worden war. Und ein Notizbuch.

Darin waren die Namen von Dora Ney und Doktor K. rot markiert. Bernhard G. hatte sich umgebracht. Und er war ein Mörder.

Die Kripo fand weitere Unterlagen, in denen Namen von Personen angestrichen waren, mit denen der Landschaftsgärtner Krach gehabt hatte. Der älteste Konflikt lag fast 40 Jahre zurück. Die Polizei entschloss sich zu einem ungewöhnlichen Schritt, warnte öffentlich vor Bernhard G. "Insbesondere Personen, die mit G. in problematischer privater oder geschäftlicher Beziehung standen, werden dringend gebeten, sich umgehend mit der Polizei in Verbindung zu setzen." 117 Menschen meldeten sich binnen weniger Tage. Alle hatten mit Bernhard G. gestritten.

Die Polizei schickte Sprengstoffhunde durch Wohnungen, Garagen und Geschäftsräume. Mit einem mobilen Röntgengerät des Bundeskriminalamts durchleuchteten die Beamten unzählige Holzscheite einzeln. In Fischbach, wenige Kilometer von Mehlingen entfernt, fanden sie noch ein Stück Brennholz mit Sprengstoff. Sie entschärften die Bombe, die eine Amerikanerin treffen sollte. Mit ihr hatte sich Bernhard G. um knapp 3000 Euro gezofft.

Wer war dieser Mann, der über Jahrzehnte die Namen vermeintlicher Feinde notierte? Der tödliche Rache schwor für Nichtigkeiten. Einen Menschen umbrachte. Weitere umbringen wollte. Und der sogar den Tod von Kindern riskierte.

Umgebaute Schreckschusspistole

Mehlingen, ein kleiner Ort, gut neun Kilometer von Kaiserslautern entfernt. Im Sommer tauchen Heidefelder die Landschaft in dunkles Violett. 3800 Menschen wohnen hier. Im Gemeinderat hat die SPD die meisten Sitze. Es gibt einen Verein von Bürgern für Bürger, die sich gegenseitig helfen. Hier ist Bernhard G. aufgewachsen. Hier hat er bis zu seinem Tod gelebt.

Der Sohn eines Handwerkers war einmal so etwas wie der Stolz des kleinen Orts gewesen. Zwei Mal – mit 16 und 19 – hatte er als Berufsschüler bei dem vom stern mitgegründeten Nachwuchswettbewerb "Jugend forscht" gewonnen. Er hatte Fossilien von Süßwasserhaien entdeckt. Seit der Grundschule interessierte G. sich für Versteinerungen, buddelte fast jede freie Minute in der Erde. Darunter litt die Schule. Bernhard G. machte kein Abitur.

"Er wurde als junger Mensch sehr bewundert", sagt eine Frau, die mit ihm zur Schule gegangen ist. "Später hatte er es nie mehr leicht." Nach einer Lehre zum Maschinenschlosser wollte Bernhard G. mit 20 Polizist werden. Doch nach einem Jahr brach er die Ausbildung ab. Seinen Mitarbeitern erzählte er später, dass er "Ärger mit Vorgesetzten" gehabt habe. Es gibt Leute, die glauben zu wissen, wie dieser Ärger aussah: G. soll in einer Kneipe mit seiner Dienstwaffe herumgefuchtelt haben. Der Polizei ist davon nichts bekannt, sie bestätigt nur, dass Bernhard G. den Polizeidienst "auf eigenen Wunsch" verlassen habe. Er machte Zivildienst in einem Krankenhaus. In seiner Freizeit baute G. die Garage seines Vaters zum privaten Fossilien-Museum aus. Zeigte Schulklassen, wie man Versteinerungen präpariert, hielt Vorträge. 1985, Bernhard G. war Mitte 20, kam es zum großen Bruch in seinem Leben. Er geriet in Streit mit dem neuen Freund seiner Ex. Der Mann ging mit einem Hammer auf ihn los. G. zog eine umgebaute Schreckschusspistole. Schoss zwei Mal auf den Angreifer. Dann nahm er den Hammer. Und schlug zu. Nach der Tat versuchte er, sich umzubringen. Er hatte seinen Nebenbuhler so schwer verletzt, dass der Mann gelähmt im Rollstuhl saß. Später lernte er wieder zu gehen. Doch er konnte seinen Beruf als Eisenbahner nicht mehr ausüben, blieb, bis zu seinem Tod vor ein paar Jahren, behindert.

"Ich mochte ihn nicht"

Das Landgericht Kaiserslautern verurteilte Bernhard G. 1989 zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. Dass er auf seinen Nebenbuhler geschossen hatte, ließ das Gericht als Notwehr durchgehen. Doch für die Schläge mit dem Hammer musste er ins Gefängnis.

Nachdem er die Hälfte der Strafe ab gesessen hatte, wurde er wegen guter Führung auf Bewährung entlassen. Seine Sozialprognose war gut. Tatsächlich schickte G. sich an, ein Musterbeispiel gelungener Resozialisierung zu werden. Er heiratete eine Krankenschwester, wurde Vater, fand Arbeit, konnte sein Hobby zum Beruf machen. G. wurde in einem Museum als Präparator fest angestellt. Der Direktor wusste von seiner Vorstrafe, wollte ihm eine zweite Chance geben.

Obwohl er Autodidakt war, wurde G. als Präparator bald hoch geschätzt. "Er hat hervorragende Arbeit geleistet", sagt ein Geologe. Ein Foto aus dem Jahr 1992 zeigt G. mit blauer Latzhose und gelbem Hut bei einer Grabung im Saarland. Er spaltet Schiefer, legt Fischfossilien frei. Seinen Gesichtsausdruck kann man, ohne zu übertreiben, verzückt nennen.

Ulla Lohmann war 15, als Bernhard G. sie zu einer Grabung einlud. Ihr Vater hatte gerade Selbstmord begangen. G. war ein Bekannter von ihm gewesen. Der Präparator wollte das Mädchen offenbar ablenken. "Es tat mir unglaublich gut, mit meinen 15 Jahren von den Forschern ernst genommen zu werden. Vor allem Bernd hatte immer eine Antwort auf all meine Fragen", schreibt Lohmann, die heute als Fotografin und Dokumentarfilmerin arbeitet, in ihrer Biografie.

G.s Leben schien sich zum Guten gewendet zu haben. Er arbeitete an wichtigen Ausgrabungen mit, sprach in Berlin auf dem Verbandstag Deutscher Präparatoren, schrieb Artikel für Fachzeitschriften. Doch wieder machten Streitereien alles kaputt. Er warf seinem Vorgesetzten Unfähigkeit vor, geriet mit der Tierpräparatorin aneinander. "Ich mochte ihn nicht", sagt sie zum stern. "Er redete gern, laut und viel, wusste alles besser."

"Bernhard von Drachenfels"

Der Präparator pinkelte ihr, so erzählte es der Zivi später dem Chef, in die Teetasse. Er rammte eine Harpune in die Tür zwischen seinem und ihrem Arbeitszimmer. Dann setzte er, vermutlich um seiner Kollegin einen Schrecken einzujagen, eine Natter in ihrem Büro aus. Sie war außer Haus, bekam von alldem nichts mit. Trotzdem kündigte das Museum Bernhard G. im Sommer 1996 fristlos. Die Kollegin zeigte ihn an. "Es gab eine Verhandlung vor dem Amtsgericht, was dabei herausgekommen ist, weiß ich nicht mehr", sagt sie.

Bernhard G. machte sich als Landschaftsgärtner selbstständig. Das Geschäft ließ sich gut an, bald beschäftigte die Firma zwei Angestellte. "Er zahlte gut, das Gehalt kam pünktlich, er meckerte auch nicht, wenn mal was schieflief", sagt der ehemalige Mitarbeiter Michael F.

Um die Jahrtausendwende entdeckte G. eine neue Leidenschaft: das Mittelalter. Er schloss sich einem Verein an, saß bald im Vorstand. Alle paar Wochen trafen sich die Mitglieder auf seinem Grundstück zum "mittelalterlichen Basteln". Bernhard G. wohnte inzwischen mit Frau und Kind in einem Holzhaus am Waldrand, hatte einen großen Garten. Als "Bernhard von Drachenfels" sorgte er im Verein nun dafür, dass es bei den Ritterspielen so authentisch wie möglich zuging. Im Sommer trug er eine Wickelunterhose aus "200 Jahre altem, handgewebtem Leinen". "Die ist sehr bequem, ich trage sie gern", versicherte er einer Lokalreporterin, die über die Mittelalterfreunde schrieb.

Doch wie immer im Leben von Bernhard G. gab es auch hier wieder Streit. Diesmal wegen eines Grundstücks, das der Verein gekauft hatte. 2007 trat "Bernhard von Drachenfels" aus.

"Den mache ich platt"

Etwa zu dieser Zeit kam er als Patient in die Praxis von Doktor K. "Den mache ich platt", hörten die Leute ihn danach über den Arzt sagen, wenn er betrunken war. Doch es ging offenbar nicht um einen Behandlungsfehler. Bernhard G. sei eifersüchtig gewesen, munkelt man im Ort, seine Frau habe sich zu gut mit dem Arzt verstanden. "Das sind Gerüchte, die nicht wahr sind", sagt die Ehefrau dem stern.

Es reichte offenbar, dass Bernhard G. den Doktor für seinen Nebenbuhler hielt. Er steigerte sich mehr und mehr in seinen Hass hinein, drohte: "Wenn ich mal sterbe, nehme ich den mit." Aber keiner nahm die Drohungen ernst. Auch Doktor K. erstattete laut Staatsanwaltschaft nie eine Anzeige gegen Bernhard G.

Der Landschaftsgärtner wurde immer häufiger betrunken gesehen. Eines Morgens bemerkte der Unternehmer L. ihn an einer Tankstelle. "Er trank einen Flachmann. Wodka Gorbatschow. Dann stieg er in seinen Wagen."

Bernhard G. hatte geschäftliche Probleme. "Mein Sohn war verzweifelt", sagt sein Vater. "Er hatte doch nur eine kleine Firma, und die Leute zahlten nicht." Allerdings waren nicht alle Kunden mit der Arbeit von G. zufrieden. "Bei mir sollte er nachbessern, hat sich aber nicht wieder blicken lassen", sagt Elke L. Bei Dora Ney, die später mit ihren Kindern Opfer eines Anschlags wurde, zog Bernhard G. Mauern hoch, in denen sich bald Risse bildeten. "Die Kosten schossen in die Höhe. Er hielt sich nicht an Absprachen. Es war irgendwann so bizarr, dass wir nur im Beisein seines Vorarbeiters mit ihm gesprochen haben."

Zement im Abflussrohr

Doch selbst wenn sich der Gärtner mit seinen Kunden geeinigt hatte, sann er offen bar auf Rache. Bei Dora Ney war es das mit Zement verstopfte Abflussrohr. Bei anderen war das Auto zerkratzt, der Auspuff mit Bauschaum ausgespritzt. Oder jemand hatte über Nacht Ölfarbe in den Vorgarten gegossen. Es war auffällig, wie viele ehemalige Kunden von Bernhard G. Anzeige wegen Sachbeschädigung erstatteten. Die Polizei vernahm ihn. Er stritt alles ab. Beweise gab es keine.

Aber es sprach sich herum, dass man mit Bernhard G. besser keine Geschäfte machte. Seine Firma lief immer schlechter. Ende 2017 stand er plötzlich im Foyer des Museums, das ihn vor über 20 Jahren rausgeworfen hatte. Er redete eine Weile mit dem neuen Leiter über Fossilien. Dann fragte er, ob er nicht wieder für das Museum arbeiten könne. "Ich habe ihm gesagt, ich würde mich bei Bedarf melden. Das habe ich natürlich nie getan", sagt der Museumschef.

Weltweite Straftaten : An diesen Orten werden die meisten Menschen ermordet

Auch privat lief es nicht gut für G. Seine Ehe war kaputt. Er lebte unten im Haus. Seine Frau war ins Dachgeschoss gezogen. Auch sein Kind, inzwischen erwachsen, wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Und Bernhard G. war krank. Er hatte zwar keinen Bauchspeicheldrüsenkrebs, wie er herumerzählte, aber Diabetes. Er nahm ab. "30 Kilo seit Dezember", sagt sein Vater. Außerdem hatte G., so erzählt seine Frau, eine Leberzirrhose. "Er merkte, dass es zu Ende ging." Mehr will sie nicht über ihren Mann sagen.

"Keine Entwarnung"

Der Landschaftsgärtner gab geliehene Sachen zurück, verschenkte seine teure Taucherausrüstung. Und baute die Handgranate, die er Doktor K. laut Polizei ein paar Stunden vor seinem Selbstmord auf die Treppe legte. Der Arzt hinterlässt eine Tochter, Eltern, Geschwister, eine Lebensgefährtin, einen Stiefsohn. "Für uns alle unfassbar, wurde für uns unser Lebensmittelpunkt geraubt", schrieben sie in die Todesanzeige. "Als ich vom Tod des Arztes hörte, wurde mir klar, dass der Mann es auf unser Leben abgesehen hatte", sagt Dora Ney. "Danach ging es mir richtig schlecht, weil ich die Dimension erst richtig begriffen habe."

Die Polizei hat die Soko aufgelöst. Trotzdem gibt sie "keine Entwarnung". Niemand weiß, wen G. noch mit in den Tod reißen wollte.

*Namen von der Redaktion geändert

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

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