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Verbrechen im Pflegeheim: Der Tod der alten Damen

In der Pfalz misshandelten Pfleger in einem Heim Demenzkranke. Schließlich sollen sie auch vor mehrfachem Mord nicht zurückgeschreckt sein. Warum werden ausgerechnet die Schwächsten zu Opfern?

Von Ingrid Eißele

Verbrechen im Pflegeheim in der Pfalz

Das Seniorenhaus Lambrechter Tal wird von den Krankenkassen sehr gut bewertet. Auch die Angehörigen von Gisela T. haben dem Personal "blind vertraut", wie sie sagen

Am Morgen des 30. Dezember 2015 fand man Gisela T. tot in ihrem Bett im Seniorenhaus Lambrechter Tal in der Pfalz. Die alte Dame litt seit Längerem unter Demenz und hatte zuletzt stark abgebaut. Als "der Weg zu lang, der Hügel zu steil, das Atmen zu schwer" wurden, habe Gott sie heimgeholt, schrieben ihre Angehörigen in ihrer Traueranzeige. Ausdrücklich dankten sie den Pflegekräften im Seniorenheim für die liebevolle Begleitung "unserer Gisel auf ihrem letzten Weg".

Warum Gisela T. tatsächlich starb, wäre wohl nie ans Licht gekommen, hätte sich nicht ein halbes Jahr später eine Mitarbeiterin an die Heimleitung gewandt. Ein Kollege hatte ihr Fotos auf seinem Handy gezeigt. Sie zeigten Altenpflegerin Svenja Peters*, die Bewohner mit Gegenständen bewarf. Sie habe zudem einer hochgradig dementen Frau ins Gesicht geschlagen. Die Heimleitung informierte die Polizei.

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Auf ihren Telefonen fand man abstoßende Fotos, wie die drei demente Bewohner verspotteten

Schnell stellte sich heraus: Nicht nur Svenja Peters, 26, war an den üblen Szenen beteiligt, auch Martin Koch*, 48, der Kollege mit dem Handy, hatte mitgemacht, ein erfahrener Pflegehelfer, sowie Pflegehelfer Jonas Thiele*, erst 24 Jahre alt. Auf ihren Telefonen fanden die Beamten in den folgenden Wochen nicht nur abstoßende Fotos, wie die drei vor allem demente Heimbewohner verspotteten, ihnen Faschingshüte und Strumpfhosen aufsetzten, sondern auch unzählige Chats auf Whatsapp.

Etliche davon stammten aus der Todesnacht von Gisela T., als Jonas Thiele Dienst auf der Station hatte. Die Dialoge brachten die Beamten auf einen schrecklichen Verdacht: War die alte Dame gar nicht eines natürlichen Todes gestorben?

Schon in seinen ersten Vernehmungen packte Jonas Thiele aus: Seine Kollegin habe der alten Frau am Abend Insulin gespritzt, obwohl Gisela T. gar nicht zuckerkrank war. Darauf wurde sie bewusstlos und atmete nur noch sehr flach. Stunden später habe er sie "in Panik" erstickt. Der Arzt bescheinigte einen natürlichen Tod. Der Mord wäre Thiele wohl kaum nachzuweisen gewesen, sagt sein Anwalt Jan-Frederik Ernemann. "Aber er wollte reinen Tisch machen."

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Das Motiv: "Langeweile und Demonstration ihrer Macht"

Das allerdings tat er nur in Bruchstücken, wie sich jetzt zeigt. Anfang dieser Woche erhob die Staatsanwaltschaft Frankenthal Anklage gegen die drei Pfleger – wegen einer ganzen Mordserie. Sie hätten, so der Leitende Oberstaatsanwalt Hubert Ströber, bereits vor Weihnachten 2015 den Plan gefasst, Menschen zu töten, und ihn an Gisela T. erstmals umgesetzt. In den folgenden drei Monaten ermordeten sie demnach eine 62-jährige Heimbewohnerin, ebenfalls mit Insulin, eine 89-Jährige überlebte nur knapp. Das Motiv: "Langeweile und Demonstration ihrer Macht", so der Staatsanwalt.

Die Morde an den hilflosen alten Menschen sind verstörend – und keine Einzelfälle, sagt Karl H. Beine, der an der Universität Witten/Herdecke seit 25 Jahren Tötungsserien in Krankenhäusern und Heimen untersucht. Der Psychiatrieprofessor hat vor Kurzem etwa 5000 Ärzte, Krankenschwestern und Altenpfleger anonym befragt. Er wollte wissen, ob sie "selbst schon einmal aktiv das Leiden ihrer Patienten beendet" hätten. 77 Ärzte und Pfleger antworteten mit Ja. Allerdings könne der eine oder andere darunter auch passive Sterbehilfe verstanden haben, räumt der Forscher ein. Er hat deshalb nachhaken lassen, ob die Patienten ihr Einverständnis gegeben hatten. 17 Krankenpfleger, fünf Ärzte und acht Altenpfleger gaben zu, dass ihre Patienten "nie um Sterbehilfe baten". Mit anderen Worten: sehr naheliegend, dass sie getötet hatten.

Gerade Demenzkranke sind in Gefahr, Opfer von Verbrechen zu werden

Sind Pflegeheime ein gefährlicher Ort? Auch eine aktuelle Untersuchung des "Zentrums für Qualität in der Pflege", das 250 Pflegedienstleiter und Qualitätsbeauftragte befragte, bringt unangenehme Wahrheiten über Gewalt in der Pflege zutage. Fast zehn Prozent berichteten von körperlichen Übergriffen gegen Bewohner. Weitere zehn Prozent bekannten, dass alte Menschen gegen ihren Willen fixiert würden, jeder Vierte berichtete von verbalen Grobheiten, jeder Fünfte von Vernachlässigung. Gerade Demenzkranke sind in Gefahr, Opfer zu werden.

Gisela T. war solch ein Opfer. Am Abend des 29. Dezember hatte die Pflegerin Svenja Peters Dienst in Wohngruppe 2, dort bewohnte die ehemalige Sekretärin seit einigen Jahren ein Einzelzimmer.

Kurz vor Weihnachten hatte Svenja Peters den Kollegen über Whatsapp eine bizarre Idee präsentiert: Wie es wohl wäre, einen Bewohner zu töten? Kollege Martin Koch, der Älteste, habe zunächst Bedenken gehabt, "diese aber nach ein paar Tagen zur Seite gewischt", so Staatsanwalt Ströber. Jonas Thiele, der Jüngste, soll gar nicht erst widersprochen haben.

Svenja Peters gilt den Ermittlern als "geistige Urheberin" der Mordpläne. Sie soll in der Nacht zum 30. Dezember 2015 die erste Spritze mit Insulin aufgezogen und Gisela T. verabreicht haben. Danach machte sie die Übergabe, die Nachtschicht hatte Jonas Thiele.

Die beiden seien befreundet, aber kein Paar gewesen, sagt der Anwalt von Jonas Thiele. In dieser Freundschaft habe Svenja Peters das Sagen gehabt. Sie hatte Thiele den Job im Seniorenheim vermittelt.

Es geht um den Vorwurf des gemeinschaftlichen Mordes

Bei der Übergabe habe Peters erklärt, dass sie Frau T. Insulin gespritzt habe, obwohl die Seniorin nicht zuckerkrank ist. Thiele, sagt sein Anwalt, habe ihr nicht geglaubt, die Sache als "Gelaber" betrachtet. Eine zynische Provokation, nach dem Muster: "Guck mal, was ich gemacht habe."

Das ist die Version von Jonas Thiele. Er hat gute Gründe, seine Kollegin zu belasten. Schließlich geht es um den Vorwurf des gemeinschaftlichen Mordes. Allerdings hat er als Einziger den gravierendsten Teil dieser ersten Tat zugegeben: Gisela T. mit einem Kissen erstickt zu haben. Die weiteren Mordtaten bestreitet er, genau wie seine Kollegen.

Anhand der freimütigen Chats konnte die Polizei ziemlich genau rekonstruieren, was in jener Nacht weiter geschah. Die älteren Kollegen hätten Jonas Thiele telefonisch "Ratschläge" erteilt, ihn wohl sogar zur Vollendung der Tat an der Seniorin aufgefordert. Danach hätten sie ihren ersten Mord "gewissermaßen gefeiert", sagt Staatsanwalt Ströber, und sich gegenseitig dafür gelobt. Das habe sie noch mehr zusammengeschweißt. Offenbar fühlten sie sich schon seit Längerem als eine Art Bande. Das Verbrechen im Seniorenhaus begann nicht mit einem Mord, es begann mit Diebstählen. Alle drei sollen dementen Bewohnern Geld und Schmuck gestohlen haben, Beträge bis zu 1000 Euro.

Am 20. Februar 2016 hatte Martin Koch Dienst bei einer 62-jährigen Bewohnerin. Die Frau war nicht dement, galt aber als "fordernd und anstrengend", so Ströber. Dieses Mal setzte der Älteste nach den Erkenntnissen der Ermittler die Insulinspritze, der Jüngere übernahm, sie hätten die Dosis laufend erhöht. Kurz vor Mitternacht starb die Frau. Auch hier bescheinigte der Arzt einen natürlichen Tod.

Offenbar spielte Gruppendynamik eine verhängnisvolle Rolle

Zwei Wochen später schlugen sie wieder zu, dieses Mal hatten sie eine 89-jährige Frau ausgewählt, die an schwerer Demenz litt. Svenja Peters und ihr älterer Kollege hatten Dienst, Jonas Thiele gab per Whatsapp Ratschläge. Die Frau überlebte, sie wurde von Mitarbeitern gefunden und ins Krankenhaus eingewiesen.

"Überforderung" nannte Thiele als Grund für den Mord mit dem Kissen, er habe davor ein halbes Dutzend Nachtschichten geschoben und nur mit Amphetaminen funktioniert. Erst im Lauf der Nacht sei ihm klar geworden, dass die Kollegin es ernst gemeint hatte. Darauf habe er Frau T. mit einem Kissen erstickt – auf Aufforderung von Svenja Peters.

Offenbar spielte die Gruppendynamik eine verhängnisvolle Rolle. Der Staatsanwalt sieht eine Ursache im Zusammentreffen von drei unreifen Persönlichkeiten. Die drei hätten die alten Menschen zu Objekten degradiert und ihren Spaß daran gehabt. Nicht Überlastung, sondern Langeweile sei "das durchgängige Motiv aller drei Taten". Mord also, um den drögen Pflegealltag aufzumischen?

Wie ungehemmt, fast pubertär die drei vorgingen, zeigt ein anderes Beispiel: Sie hätten Bewohnern kurz vor Schichtwechsel Abführmittel verabreicht, um damit Durchfall zu provozieren und der ahnungslosen Kollegin der nachfolgenden Schicht mehr Arbeit zu machen.

Heimleitung und Kollegen fiel – angeblich – lange Zeit nichts auf, obwohl die Mitarbeiter erst kurz zuvor zum Thema Misshandlung geschult worden waren. Die drei Pfleger, die inzwischen in Untersuchungshaft sitzen, seien beliebt und kompetent gewesen, hieß es. Man habe keine Anzeichen für ein Fehlverhalten erkennen können.

Diese Ratlosigkeit kennt Psychiater Karl Beine auch von anderen Fällen. Allerdings: "Erniedrigung beispielsweise beginnt nicht von einem Tag auf den anderen", sagt der Professor. "Das ist ein jahrelanger Prozess." Karl Beine, der etwa 50 Fälle von Serienmorden in Krankenhäusern und Heimen weltweit analysierte, fand in fast jedem Fall Mitarbeiter rund um den Täter, die eine "Ahnung" hatten. Oder mehr.

Er hat diesen Beruf bewusst gewählt, um Menschen zu helfen

Krankenpfleger Niels Högel beispielsweise, der im Verdacht steht, der größte Serienmörder Deutschlands zu sein, habe unter Kollegen den Spitznamen "Todes-Högel" gehabt. Er soll mehr als 40 Menschen getötet haben. Bisweilen gebe es eine heimliche Komplizenschaft. "Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass das Team die Aufgabe delegiert hatte."

Demenzkranke können anstrengend sein, manchmal auch aggressiv. Wer Nachtwache für bis zu 80 alte Menschen schiebe, davon zwei Drittel dement, der komme an seine Grenzen, sagt Pflegeexperte Uwe Brucker vom Medizinischen Dienst.

Thiele aber habe, so sagt sein Anwalt, die alte Dame gemocht, es habe keinen Konflikt mit ihr gegeben. Er habe diesen Beruf bewusst gewählt, um Menschen zu helfen.

Warum er dennoch zum Mörder wurde, ist nicht nur eine interessante Frage für das Gericht, sondern auch für die Politik. Die wenigsten Mörder in Krankenhäusern und Heimen seien Sadisten und Psychopathen, glaubt Karl Beine. Einige suchten zwar den "Kick" wie Niels Högel, der seine Opfer in tödliche Gefahr brachte, um sich als Lebensretter beweisen zu können. Der weitaus größere Teil handle aber aus einem Ohnmachtsgefühl heraus. Schlechte Arbeitsbedingungen trügen dazu bei, "es gibt einen Nährboden, auf dem solche Taten gedeihen und im schlimmsten Fall zu Serien werden können", so Beine, gerade bei Pflegekräften mit labiler Persönlichkeit. "Diese Leute sind verschlossen, ziehen sich zurück, machen ironische Gags, werden zynisch. Am Ende geraten sie in einen Zustand, in dem sie das Leiden der Bewohner und das eigene Leid vermischen." Sie würden zwar vorgeben, aus Mitleid zu töten, tatsächlich töteten sie aber aus Selbstmitleid.

Das Heim müht sich nun, Vertrauen zurückzugewinnen

Auf der Homepage des Seniorenhauses Lambrechter Tal findet sich die Bewertung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, die sogenannte Pflegenote. Sie liegt bei 1,3 und damit über dem Landesdurchschnitt. Für die Pflege von Demenzkranken gaben die Prüfer der Einrichtung eine 1,0. Auch die Prüfer entdeckten bei ihrer jährlichen Inspektion keine Anzeichen für Demütigung.

Den Angehörigen von Gisela T. hilft das nicht mehr. Sie sagen, sie hätten der Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt "blind vertraut". Das Heim müht sich nun, Vertrauen zurückzugewinnen. Angehörige, so die Heimleitung, dürften jederzeit in die Einrichtung kommen "und den Mitarbeitern über die Schulter schauen".

*Name von der Redaktion geändert

Die Reportage ist dem aktuellen stern entnommen:


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