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Verbrechen im Untergrund: Tunnelgangster zwischen Genie und Blödheit

Die Berliner Bankräuber und ihr Coup werden regelrecht bewundert. Doch auch die Tunnelgangster von 1995 wurden zunächst als Genies gefeiert - ehe sie sich als Dilettanten entpuppten.

Von Thomas Schmoll

Sie haben monatelang wie die Maulwürfe gelebt, Tonnen an Schutt abgetragen und unauffällig weggekarrt, um an das Geld fremder Leute zu kommen. Die kriminelle Energie, die die Berliner Tunnelgangster immer tiefer ins Erdreich trieb, muss genauso unbändig gewesen sein wie der Bohrer, den sie einsetzten, um zwei dicke Stahlbetonwände zu durchlöchern. Bei ihrem Coup wirkt auf den ersten Blick alles professionell und - wenn man so will - genial. Er erinnert in vielerlei Hinsicht an den ebenso dreisten Raubzug vom 27. Juni 1995, als eine Bande die Commerzbank in Berlin-Zehlendorf plünderte. Damals äußerten Ermittler in aller Öffentlichkeit Bewunderung für die Banditen. "Das war ja mindestens ein Jahrhundertfall", schwärmte der inzwischen pensionierte Hauptkommissar Arnold Fischer noch zehn Jahre später. "Logistik, Planung und Tatausführung waren schon genial", sagte er der "tageszeitung". Viel Lob für Kriminelle, die 16 Geiseln in Todesangst versetzt und die Polizei bis auf die Knochen blamiert hatten. Etwa 100 teils schwer bewaffnete Beamte hatten das Gebäude umstellt. Als sie es nach 18 Stunden Nervenkrieg stürmten, hatte sich die Bande - im wahrsten Sinne des Wortes - längst verkrochen.

Die Polizei wurde ausgelacht, die Tunnelgangster als "Superhirne" dargestellt. Doch die (mutmaßlichen) Genies begingen einen dilettantischen Fehler, mit dem sie sich als stümperhafte Laien outeten. Auf die Spur zu den Geldräubern führte die Garage, von wo aus der Tunnel zu der Bank getrieben worden war. Für sie zahlte eine Person, die nicht exitstierte, sondern ein Mummenschanz der Gangster war. Der letzte Mieter aus Fleisch und Blut war ein Bruder des Drahtziehers des Raubzuges. Die brandheiße Spur führte zum Erfolg. Es dauerte gerade einmal einen Monat, bis der spektakuläre Fall weitgehend aufgeklärt war, die Haupttäter in Untersuchungshaft saßen. Später konnte auch ein Geldverwalter aufgespürt werden, ehe 2008 der letzte mit Haftbefehl gesuchte Tunnelgangster in Schweden gefasst wurde. "Die Täter waren super, aber wir waren noch besser", sagte Fischer später.

Im aktuellen Tunnelgangsterfall könnte man wieder meinen: Die Täter waren super. Die Polizei aber muss erst noch beweisen, dass sie besser ist. Fest steht: Der Raubzug war von langer Hand geplant, nichts deutet auf einen krassen Fehler hin, der es den Kriminalisten so leicht macht wie den Kollegen anno 1995. "Es waren auf jeden Fall keine Anfänger", sagt Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Fahnder und Tiefbauexperten staunen gleichermaßen über den exakt und stabil gegrabenen Erdgang zur Volksbank-Filiale im Bezirk Steglitz. "Das war professionell", heißt es unisono. Die Öffnung in Form eines Kleeblattes erinnert an ein modernes Kunstwerk. Der Tunnel ist 45 Meter lang. An ihm müssen die Maulwürfe monatelang gewerkelt haben. Die Unterführung des Raubs von 1995 hatte eine Länge von 170 Metern, wobei 100 Meter ein schon existierender Regenwasserkanal bildete. Für die 70 Meter der Marke "Eigenbau" benötigten die Täter über ein Jahr.

Letzter Banküberfall im Dezember

Die Ermittler lassen sich für die Sicherung möglicher Hinweise am Tatort viel Zeit. Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. Die Hoffnung: Auch Profis machen Fehler und hinterlassen Spuren. Jedes winzige Partikelchen, jedes noch so marginale Detail kann am Ende der entscheidende Stein für das Puzzle sein, das die Fahnder gerade versuchen zusammenzusetzen. "Es geht um akribische Kleinstarbeit", sagt Neuendorf. Mehr als 250 Hinweise aus der Bevölkerung sind inzwischen bei der Polizei eingegangen. 1995 waren es in kürzester Zeit über 750. Auch wenn die reine Statistik nichts über die Qualität der Tipps aussagt, so lässt sie vielleicht Rückschlüsse zu, wie vorsichtig die Täter damals und heute agierten.

Auch die Polizei übt sich in Vorsicht - und zwar bei Schätzungen, wie lange sie braucht, die Maulwürfe hinter Schloss und Riegel zu bringen. Trotz des Phantombildes, das einen Mann im Alter zwischen 30 und 40 Jahren zeigt und von der Genauigkeit einem Foto gleichkommt, heißt es bei den Ermittlern: "Wir rechnen nicht mit schnellen Ergebnissen." Nach einem raschen Durchbruch sieht es momentan nicht aus. Im Gegenteil: Die Fahnder mussten einen peinlichen Fehler zugeben. Sie veröffentlichten ein Passbild eines "Verdächtigen". Doch das Foto war schon mehrere Jahre alt und zeigte einen Studenten aus Wuppertal, der verheiratet ist, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Uni arbeitet und absolut gar nichts mit dem Fall zu tun hat. Die Täter hatten das Bild aus dem Internet kopiert, um einen niederländischen Pass zu fälschen, den sie bei der Anmietung der Garage vorzeigten, von der aus sie den Tunnel gruben.

Täter aus Polen?

Trotzdem sind die Ermittler guter Dinge, den Fall früher oder zumindest später aufklären zu können. Weil der Tunnel so fachmännisch gebaut worden ist, vermuten die Kriminalisten, dass die Truppe in der Baubranche gearbeitet hat. Auch existieren Hinweise auf das mutmaßliche Herkunftsland der Bande. "Wir gehen davon aus, dass die Gruppe aus Polen stammt", zitiert die "Berliner Morgenpost" einen Fahnder. Demnach wurden mehrere Mineralwasserflaschen aus polnischer Produktion im Tatortbereich gesichert. Auch andere Gegenstände ließen den Schluss zu, dass die Täter aus dem Nachbarland kommen. "Wir können in diesem Punkt aus ermittlungstaktischen Gründen nicht ins Detail gehen, aber es gibt ausreichend Hinweise." Ein Anhaltspunkt ist die Tatsache, dass die Gangster nur ein Drittel der 900 vermieteten Schließfächer öffneten. "Warum haben sie abgebrochen?", fragt Neuendorf und hofft: "Vielleicht ist doch etwas schief gelaufen." Es wird spekuliert, dass einer der Täter ein Feuer früher als eigentlich geplant entfachte, mit dem Spuren in der Garage verwischt werden sollten. Also doch keine Super-Profis? Ein Ermittler warnt vor voreiligen Schlüssen: "Vielleicht hatten sie einfach schon genügend Beute zusammen.“

"Die in der Ecke nicht!" - Verdacht auf Insiderhilfe

Vergleiche zwischen 1995 und 2013 mag die Polizei ohnehin nicht. "Das sind zwei völlig verschiedene Straftaten." Rein aus juristischer Sicht stimmt das. Dem Aufbrechen der Schließfächer 1995 ging eine Geiselnahme voraus, weshalb die Tat ein Raub war. Höchststrafe: 15 Jahre. Tatsächlich erhielt der Anführer der Bande 13 Jahre. Bei dem jüngsten Fall handelt es sich um Einbruch, da niemand mit körperlicher Gewalt bedroht worden ist. Höchststrafe: 10 Jahre. Und dennoch gibt es mehr Parallelen als den Tunnelbau. Nicht nur Ausdauer, Nervenstärke, Skrupellosigkeit, Logistik und akribische Vorbereitung sind deckungsgleich. Auch den Verdacht des Insiderwissens gab es schon 1995. Legendär ist der Ausruf eines der Tunnelgangster über die Auswahl der aufzubrechenden Schließfächer: "Die in der Ecke nicht!" Ermittlungen gegen Unbekannt liefen ins Leere. Der Ex-Chef der Soko "Coba", Detlef Büttner, räumte später ein, dass es nicht mehr recherchierbar sei, "ob die Gangster entscheidende Hinweise aus Kreisen des Personals hatten".

In dem aktuellen Fall brachen die Einbrecher exakt 294 Schließfächer auf. Dabei erwischten sie nur 15 leere Minitresore, weshalb auch hier der Verdacht naheliegt, dass ein Insider mitmischte. Der Tunnel endet direkt an der Rückwand des Tresorraumes, was Rückschlüsse auf beste Kenntnisse von der Lage erlaubt. Banken veröffentlichen in der Regel keine Details über ihre Tresore. Einer der an dem Raubzug Beteiligten hatte ein Schließfach in der Bank und konnte somit die Räumlichkeit von innen besichtigen.

Polizei mag keine "Glaskugelgeschichten"

Nie aufgefunden wurde die komplette Beute der Tunnelgangster von 1995. Bis heute ist unklar, wie viel sie überhaupt geraubt hatten. Fest steht nur, dass das Lösegeld für die 16 Geiseln rund 2,9 Millionen Euro betrug und die Bank in den Händen der Gangster verließ. Hinzu kommt ein schöner Haufen aus Gold und Geld aus Schließfächern. Die Justiz beziffert den Betrag, den die Verbrecher insgesamt mitgehen ließen, auf rund 8,3 Millionen Euro. Rund 1,8 Millionen Euro entdeckten Fahnder auf einem Dachboden in Wusterwitz in Brandenburg, wo sie ein Syrer versteckt hatte. Ein Teil tauchte in Polen auf, einzelne Scheine in Holland und im Schwarzwald. Die übrige Summe vermutet die Polizei in Syrien und im Libanon. Die meisten Täter stammten von dort. Der Bandenchef soll einem Gefängnisfriseur anvertraut haben, nur mit einem Bagger könne der Schatz gehoben werden. Auch das Ende der D-Mark führte nicht dazu, dass größere Beträge des geklauten Geldes zum Vorschein kamen. Ex-Kommissar Fischer sagte 2005 dazu: "Uns ging es in erster Linie darum, die Straftat aufzuklären. Die Wiederbeschaffung der Beute ist eigentlich Sache der Versicherung."

Insider setzten den erbeuteten Geldbetrag wesentlich höher an: etwa 13 Millionen Euro. Berlin-Schlachtensee ist ein vornehmer Bezirk mit vielen gutbetuchten Bürgern. Längst nicht alle offenbarten, was sie in den Schließfächern lagerten. Selbst die Staatsanwaltschaft schätzte den Anteil des Schwarzgeldes, den die Tunnelgangster raubten, auf vier Millionen Euro. Berlin-Steglitz, Ort des zweiten Coups, ist nicht ganz so fein. Zur Höhe der Beute haben die Ermittler bisher keine Aussage gemacht. Was nicht heißt, dass in den Minitresoren der Volksbank keine illegal erwirtschafteten Scheine lagen. Die Kripo hält sich - im Gegensatz zu 1995 - auffallend zurück mit Mutmaßungen über Schwarzgeld. Die Pressestelle der Polizei äußert sich nicht dazu, "weil das eine Glaskugelgeschichte wäre". Ein Sprecher sagt: "In den Schließfächern war sicher Geld drin. Aber was für welches, muss die Auflistung der Bank zeigen."