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Verdacht gegen rechtsextremes Trio: Mord, Bankraub und Bombenanschlag

Gehen all diese Bluttaten auf ihr Konto? Neben dem Heilbronner Polizistenmord und den "Döner-Morden" könnte die rechte Terrorgruppe aus Zwickau auch für einen Anschlag in Köln verantwortlich sein.

Von Manuela Pfohl

Der Fall sorgt für Entsetzen: Hinter dem Heilbronner Polizistenmord und den sogenannten Döner-Morden an acht türkischen und einem griechischen Kleinunternehmer in ganz Deutschland steckt allem Anschein nach die gleiche Gruppe rechtsextremer Täter. Die Verbindung fanden die Ermittler in einem abgebrannten Haus im sächsischen Zwickau, in dem ein Bankräuber-Trio jahrelang unerkannt gelebt hatte. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen.

Möglicherweise gehen noch weitere Bluttaten auf das Konto des Trios: So könnte die Gruppe um Beate Z., die sich in Polizeigewahrsam befindet, auch für einen Nagelbombenanschlag in Köln verantwortlich sein. Das berichet die "Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung" unter Berufung auf Sichrheitskreise. Bei dem Anschlag waren im Juni 2004 22 Menschen verletzt worden, als ein auf einem Fahrrad deponierter Sprengsatz vor einem Frisörladen in einer hauptsächlich von Türken bewohnten Straße detonierte.

Ermittler finden die lang gesuchte Waffe

Der Fall gleicht einem Puzzle: Uwe B. und sein Kumpel Uwe M. hatten zusammen mit Beate Z. im sächsischen Zwickau gewohnt. Am Freitag vor einer Woche waren sie in einem Wohnmobil in der Nähe von Eisenach erschossen aufgefunden worden. Eine Explosion hatte die Wohnung in Zwickau vernichtet und auch der Wohnwagen war bei einer Explosion zerstört worden. Viel blieb danach nicht übrig von der Hinterlassenschaft der beiden. Aber: Mitten im Schutt des Hauses fanden die Ermittler die Mordwaffe den "Döner-Morden".

Die Mordserie, die im September 2000 begann und im April 2006 endete, gab der Polizei lange Zeit Rätsel auf. Neun Menschen - acht türkischstämmige und ein griechisches Opfer - waren scheinbar ohne erkennbares Motiv getötet worden. Der einzige Zusammenhang zwischen den Morden war die Tatwaffe: eine Ceska, Typ 83, Kaliber 6,5 Millimeter mit Schalldämpfer. Die Exportversion einer tschechischen Militärpistole. Eben jene Waffe fanden die Ermittler in der Wohnung des Trios.

Inzwischen verdichtet sich das Bild, dass es sich bei den Straftaten um organisierten Terror von Rechts handelt: "Es liegen zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass die Mordtaten einer rechtsextremistischen Gruppierung zuzurechnen sind", teilte die Bundesanwaltschaft mit. Einem Bericht des "Focus" zufolge hatten das Trio Unterstützung von einem Mann aus Niedersachsen. Der 37-jährige soll den Verdächtigen vor Jahren seinen Personalausweis überlassen. Damit soll das Wohnmobil angemietet worden sein, in dem sich die zwei Männer am bei Eisenach erschossen hatten. Auch dieser Mann soll Kontakte zu rechtsextremistischen Kreisen haben.

Schrecken in der Frühlingsstraße

Viele Fragen sind offen: Wer sind die Männer, die sich laut Polizei selbst das Leben nahmen und welche Rolle spielte Beate Z. in diesem Trio Infernale? In der Frühlingsstraße im gutbürgerlichen Zwickauer Ortsteil Weißenborn ahnte niemand, wer die drei waren. Nachbarn berichteten nur von einer sonst ganz netten Susann, die es am Tag, als das Haus explodierte, plötzlich sehr eilig hatte. Sie habe gerade noch ihre beiden Katzen mit der Bitte übergeben, auf sie aufzupassen, dann sei sie davongelaufen. Da habe es in der Obergeschosswohnung in der Frühlingsstraße 26 schon aus den Fenstern gequalmt. Erst eine Woche später erfahren die Nachbarn aus den Nachrichten, dass die beiden Männer kürzlich einen Banküberfall begangen haben und danach geflohen sein sollen, dass sie einer rechtsextremen Terrorzelle angehörten und dass Beate Z. alias Susann das Haus selbst angezündet haben soll.

Enge Kontakte zu Rechtsextremisten

Laut Bundesanwaltschaft besteht gegen die 36-Jährige "der Anfangsverdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord sowie der schweren Brandstiftung". Die Frau hatte sich am Dienstag in Beisein ihres Anwalts der Polizei in Jena gestellt. Allerdings habe sie keine Angaben zu den vorgeworfenen Taten gemacht. Vorgestern hatten Polizei und Staatsanwaltschaft in Zwickau noch gesagt, ihnen sei das Trio, das unter verschiedenen Namen auftrat, bis zum vergangenen Freitag nicht bekannt gewesen. Ein fataler Irrtum, wie sich jetzt herausstellt.

Denn tatsächlich gibt es zu den Dreien bereits seit mindestens 14 Jahren eine dicke Polizeiakte. Darin steht unter anderem, dass sie enge Kontakte zu rechtsradikalen Gruppen hatten. Beate Z., Uwe M. und Uwe B. stammen aus Jena und gehörten nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen seit Anfang der neunziger Jahre der dortigen Neonazi-Kameradschaft an. 1995 sollen sie sich dem neugegründeten Thüringer Heimatschutz (THS) angeschlossen haben, einer militanten Neonazigruppierung, die Jagd auf Antifa-Aktivisten und Linke machte. Die Gruppe sorgte immer wieder für Schlagzeilen. So hob die Polizei im Oktober 1997 bei der Durchsuchung eines THS-Treffs ein Waffenlager mit Knüppeln, Messern, Äxten und Schreckschusspistolen aus, mit denen eine Antifa-Demo in Saalfeld angegriffen werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt habe es bereits ein Ermittlungsverfahren gegen mehrere THS-Mitglieder, darunter auch Beate Z., Uwe M. und Uwe B. gegeben. Es sei dabei um die Versendung von Briefbombenattrappen an die Thüringische Landeszeitung, die Stadtverwaltung und die Polizeidirektion Jena gegangen, heißt es im antifaschistischen Blog "Dokumentationsarchiv" .

Das Trio baute Bomben - aber die Ermittlungen wurden eingestellt

Angeblich habe es auch beim Hamburger Verfassungsschutz Infos zu den Dreien gegeben. Laut Recherchen des Netzwerkes "Blick nach Rechts" bezeichneten die norddeutschen Verfassungsschützer das Trio 1997 als "Angehörige des THS". Dieser NPD-nahen Struktur standen, laut "Wordpress" auch die führenden Jenaer Kader Ralf W. und Andre K. nahe. Dem damals als äußerst militant geltenden K. sei sogar eine besondere Nähe zu den Dreien nachgesagt worden. Auch zur NPD hätten Kontakte bestanden.

1998 waren die Ermittler Beate Z., Uwe B. und Uwe M. auf den Fersen. Denn das Trio hatte sich in einer Garage in Jena eine Bombenwerkstatt eingerichtet. Als die Polizei das Labor aushob, stellte sie vier Rohrbomben mit dem Sprengstoff TNT sicher. Die Bombenbauer jedoch konnten fliehen. Und hier beginnen die Merkwürdigkeiten:

Denn 1999 startet eine Serie von mindestens 14 Banküberfällen in mehreren ostdeutschen Bundesländern. Später werden die Taten Uwe B. und Uwe M. zugeordnet. Es gab also guten Grund das schwerkriminelle Trio mit Hochdruck zu suchen. Wie konnte es ihm trotzdem gelingen, sich jahrelang zu verstecken? Weshalb verloren die Verfassungsschützer jede Spur, obwohl sie verdeckte Ermittler in der Szene hatten? Warum stellten die Beamten schließlich im Jahr 2003 die Fahndung ein? Und: War es richtig, dass das thüringische Landeskriminalamt damals zwar prüfte, ob die Drei einer kriminellen oder terroristischen Vereinigung angehören könnten, die Staatsanwaltschaft das aber verneinte? Ist es nachvollziehbar, wenn der Thüringer Verfassungsschutz sagt, er habe nach Einstellung des Verfahrens 2003 keine ernstzunehmenden Hinweise auf den Aufenthaltsort des Trios bekommen. Hätten womöglich die neun "Döner-Morde" und der Tod von Michelle Kiesewetter verhindert werden können?

Ermittlungen unabhängig vom Verfassungsschutz

Dass das Thüringer Innenministerium jetzt das Vorleben des Trios prüfen lassen und laut Innenminister Jörg Geibert (CDU) dafür eine Kommission einrichten will, die unabhängig vom Verfassungsschutz ermittelt, soll dazu beitragen, die vielen offenen Fragen zu klären.

Denn auch zu den ganz aktuellen Vorgängen rund um das Trio gibt es einige Merkwürdigkeiten. Warum etwa bringen sich zwei offensichtlich eiskalte Killer nach einem - noch dazu geglückten - Banküberfall plötzlich selbst um? Was hat ihre wahrscheinlich nicht weniger abgebrühte Komplizin Beate Z. dazu getrieben, sich zu stellen? Und vor allem: Handelte das Trio allein, oder war es Teil eines größeren - noch unbekannten - rechten Terrornetzwerkes?

Ein Blick in die Akten des Verfassungsschutzes weist auf einen interessanten Fall aus dem Jahr 2000. Damals wurde Patrick W., einer der führenden Köpfe der Thüringer NPD, als Anstifter eines Sprengstoffanschlags auf einen türkischen Imbiss zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Es ist bekannt, dass es Kontakte zwischen dem Trio und Patrick W. gab.

mit DPA