Vereitelter Amoklauf von Köln "Sie machten mir Angst"


Zwei Schüler. Außenseiter. Gewaltfantasien und schwarze Mäntel. Die Gewalttat, die zwei Schüler eines Kölner Gymnasiums offenbar geplant hatten, entspricht einem zynischen Klischee. Wie geht eine Schule mit so einem Ereignis um? Eine Reportage von Tag eins vor dem verhinderten Amoklauf.
Von Matthias Lauerer, Köln

Von Georg Büchner stammt der Satz: "Frieden den Hütten, und Krieg den Palästen." Es waren keine Paläste, denen die Schüler Rolf B., 17, und sein Kamerad Robin B., 18, offenbar den Krieg erklärt hatten. Es war offenbar die Schule, die sie im Visier hatten, ihre Schule, das Georg-Büchner-Gymnasium im Kölner Stadtteil Weiden. Am Dienstag wollten sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Waffen, einer funktionierenden und einer kaputten Armbrust, 17 Schüler und Lehrer töten. 16 Pfeile lagen dafür in einer Wohnung bereit. Doch es kam anders. Die Polizei kam ihnen auf die Spur. Sie verhörte Rolf B., der anschließend noch am Freitag Selbstmord beging. Robin B. sitzt seither in Haft. Das Georg-Büchner-Gymnasium wurde so zu einem Tatort ohne Tat, zu einem Ort, an dem offenbar um ein Haar Schreckliches geschehen wäre.

Eine Schule, die Tristesse ausstrahlt

Sehen kann man davon freilich nichts. Am Montag stehen lediglich rot-weiße Absperrgitter vor der Schule. Und es ist ungewöhnlich still. Der Lärm der 900 Schülerinnen und Schüler fehlt. Geistesgegenwärtig hatte man entschieden, die Schule heute geschlossen zu halten und den Web-Auftritt der Schule vom Netz zu nehmen. Im Erdgeschoss ist die Aula ganz verwaist. Im ersten Stock des zweistöckigen Komplexes, genauer: im Raum C. 117 und C. 104, tagen die Lehrer der Schule und beratschlagen sich, was nun zu tun sei. Hier dringt Murmeln durch die Türen.

Der dreckige, grüne kunstrasenähnliche Boden, die unverputzten, dicken Betonwände - die Schule strahlt Tristesse aus. An manchen Stellen sind die Wände mit Plakaten beklebt, andere mit Grafitti-Schriftzügen besprayt. "I have a dream", steht da zu lesen. Oder: "We are the Masters". Den Weg zur Mensa zeigt man hier auf Deutsch, Türkisch und Arabisch. Ein zweites großes Wandbild spricht von "Menschenrechten". "Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit", steht da oder: "Jeder Mensch hat das Recht auf Ausbildung und Schule." Eine Anwohnerin, die in ihrem Garten werkelt, schimpft auf die Schulleitung. "Unter dem alten Direktor, da wurden die Böden geschrubbt, doch seit sechs oder sieben Jahren ist die neue Direktorin da. Die ist von der SPD, und es ging wohl nur nach Parteibuch."

Was für Typen waren das?

Die Schüler, die an diesem Tag in den Schulhof kommen, scheren sich weniger um Parteizugehörigkeiten als vielmehr um die Frage, was die beiden Mitschülern dazu bewogen haben könnte, einen Amoklauf zu planen. "Ruhig" seien sie gewesen, irgendwie die "typischen Außenseiter", einer von ihnen habe sogar einen langen schwarzen Mantel wie im Film "Matrix" getragen, berichten sie. Der andere sei klein gewesen und mit einem gelben MTB-Fahrrad zur Schule gekommen. Und ja, sie seien "gemobbt" worden.

Umgekehrt hätten die beiden ihren Mitschülern Angst gemacht. "Letzten Monat habe ich Rolf zum letzten Mal in der Mensa gesehen", erinnert sich der 14-Jährige Tajaw Sedaghat, der in die 9. B des Georg-Büchner- Gymnasiums geht. Rolf B. war älter, ging in die 12. Klasse. Und: "Sein Freund hat immer schwarz getragen" und eben auch diesen Mantel, so der Schüler weiter, der "es krass findet, wenn "man Leute töten" möchte. Neben ihm stehen zwei junge Mädchen. Eine will nur "Cornelia" genannt werden, die zweite möchte lieber gar keinen Namen nennen. Die Schwester des Mädchens ohne Namen wurde auch schon einmal vor ein paar Jahren bedrängt. Doch damals war es nicht die eiskalte Regenbogenpresse, sondern ihr Verehrer wandelte damals auf romantischen Spuren. Es war Rolf B.: "Er wollte etwas von meiner Schwester Annika, doch sie hat ihm damals einen Korb gegeben." Dann sagt Caroline den Satz: "Die beiden haben mir Angst gemacht."

Rolf B. warf sich nach der Vernehmung durch die Polizei am vergangenen Freitag kurz vor der S-Bahnstation Mohnweg vor eine Bahn. Auf dem welken Gras zeugen die grünen Farbmarker noch von der Tat. Blumen liegen an der Stelle keine, die Bahnen fahren weiter, Passanten eilen vorbei. Es ist ohnehin ein anderes Bild, das die Stimmung am Georg-Büchner-Gymnasium am Tag vor dem vermeintlichen Massaker am besten erzählt: Eine Schülerin geht mit langsamen Schritten vom Schulgelände. Und ihr Freund nimmt sie dabei ganz fest in den Arm.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker