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Vergewaltigungs-Klage: Strauss-Kahn, die Zweite

Sie war 23 Jahre alt, als Dominique Strauss-Kahn sie vergewaltigt haben soll. Jetzt, acht Jahre später, wagte sich die Journalistin Tristane Banon an die Öffentlichkeit und erstattete Anzeige. Für sie ist es ein Schritt der Befreiung.

Tristane Banon weiß, dass es keine wirkliche Lösung für das Problem gibt, das sie seit acht Jahren mit sich herumträgt. "Aber es gibt eine, mit der ich mich endlich wieder im Spiegel anblicken kann", sagt die französische Romanautorin, die dem ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, versuchte Vergewaltigung vorwirft. Statt den angeblichen Vorfall von 2003 weiterhin auf sich beruhen und den mächtigen Sozialisten ihr Leben dadurch "lenken" zu lassen, will die Französin jetzt Gerechtigkeit. Die 32 Jahre alte Banon zeigt Strauss-Kahn an, "weil ich vielleicht endlich die Chance habe, dass mir zugehört wird".

Alles lief gut im Leben der damals 23-Jährigen, als sie vor acht Jahren einen Interviewtermin mit dem früheren französischen Finanzminister vereinbarte. Sie machte ein Praktikum bei der großen Boulevardzeitschrift 'Paris Match' und unterschrieb einen Buchvertrag bei einem Pariser Verlag, wie sie jetzt im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "L'Express" erzählt, ihrem ersten Interview, seit ein Zimmermädchen in New York dem IWF-Chef Vergewaltigung vorwarf und damit dessen Rücktritt bewirkte - Vorgänge, zu denen Banon schwieg.

Übergriff während des Interviews

Die schmale, zerbrechlich wirkende Banon ist das Patenkind von Strauss-Kahns zweiter Frau, von der er seit mehr als zwanzig Jahren geschieden ist. Und sie ist die Tochter der sozialistischen Abgeordneten Anne Mansouret, die den ehemaligen Minister aus der Sozialistischen Partei (PS) kennt - "er war ein Freund meiner Mutter", sagt Banon. Es muss ein Leichtes für die hübsche junge Frau gewesen sein, den bekannten Politiker für ein Interview zu gewinnen.

Strauss-Kahn empfing sie in der mehr oder weniger leeren Wohnung eines Freundes, in der Nähe der Pariser Nationalversammlung, wie die Schriftstellerin sagt. Er habe während des Gesprächs ihre Hand halten wollen, sie habe sich zu ihm auf die Couch gesetzt. "Ich war 23, ich habe die Dinge noch nicht gut einschätzen können."

Dann sei alles sehr schnell gegangen, Strauss-Kahn habe sie zu sich gezogen, sie seien auf den Boden gefallen und hätten minutenlang miteinander gerungen. "Nennen Sie das Anmache, einen Mann, der mit ihrem Körper macht, was er will, (...), ihre Brüste begrapscht, sich an ihnen reibt?" Die schmutzigen Einzelheiten erzähle sie erst gar nicht, sagt die Schriftstellerin, "seine Finger in meinem Mund, seine Hände in meinem Slip".

Freunde rieten von Anzeige ab

Wenn sie Strauss-Kahn all die Jahre nicht angezeigt habe, dann weil ihr klar gewesen sei, dass sie nicht gegen das politische Schwergewicht ankommen werde, sagt Banon. "Versetzen Sie sich einmal in meine Lage!" Jeder habe ihr seinerzeit zu verstehen gegeben, dass ihr eine Anzeige nicht nützen werde. "In solchen Angelegenheiten steht ein Wort gegen das andere. Was war das Wort einer jungen Praktikantin wert, die an ihrem ersten Buch arbeitete und der man vorwerfen würde, sie wolle Aufmerksamkeit? Was war mein Wort gegen das von Strauss-Kahn wert? Nichts!"

Ihre Kindheit im Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine beschreibt Banon als "leicht chaotisch". Ihren Vater habe sie nie kennengelernt, sie wisse nicht einmal, ob er am Leben sei; ihre Mutter sei mit ihrer eigenen Karriere beschäftigt gewesen und habe mit der im Juni 1979 geborenen Tochter wenig am Hut gehabt. "Tristane wächst wie Unkraut, mit der Lebenskraft jener, die das Leben in dem Sinne schöner machen wollen, in dem man es ihnen zu verderben versucht", schreibt Banon auf ihrer Internetseite über sich.

2007 schildert Banon in einem Fernsehinterview den Angriff Strauss-Kahns - allerdings wird dessen Name dabei nicht genannnt. Nun hat sie sich doch zu einer Anzeige durchgerungen, acht Jahre nach der mutmaßlichen Tat. Freilich steht jetzt immer noch Aussage gegen Aussage. Aber es gebe für sie nur einen Weg, "nicht völlig zusammenzubrechen", sagt Banon dem Magazin. "Dass die Justiz anerkennt, dass ich das Opfer bin."

seh/AFP / AFP