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Verhungerte Jacqueline: "Tod durch Verhungern ist grausam"

Sie wog nur noch sechs Kilogramm, ihr Gesicht glich dem einer Greisin - dabei war sie nur 14 Monate alt. Die kleine Jacqueline war qualvoll verhungert und verdurstet. Nun sprach ein Gericht sein Urteil über die Eltern des Mädchens.

Die Mutter der verhungerten Jacqueline aus Bromskirchen in Hessen muss wegen Totschlags und Misshandlung Schutzbefohlener für acht Jahre hinter Gitter. Den Vater des Kleinkindes verurteilte das Landgericht Marburg zu drei Jahren und drei Monaten Haft wegen vorsätzlicher Körperverletzung und fahrlässiger Tötung.

Das Gesicht des Kindes ähnelte dem einer Greisin

Die Staatsanwaltschaft hatte für das Ehepaar lebenslange Haft gefordert. Einem psychiatrischem Gutachten zufolge sind die Eltern voll schuldfähig. Der Verteidiger der Mutter, 22, hatte sechs bis sechseinhalb Jahre Haft wegen Totschlags durch Unterlassen gefordert. Für den Vater, 34, plädierte sein Verteidiger auf Freispruch. Das 14 Monate alte Mädchen war im März 2007 verhungert und verdurstet. Als die Mutter Jacqueline zu einer Ärztin brachte, war das Kind bereits tot. Das Mädchen wog nur sechs Kilogramm - die Hälfte dessen, was ein Kind dieses Alters normalerweise wiegt.

Es hatte sich zudem so wund gelegen, dass sich vom Bauch bis zu den Knien die Haut ablöste. Das Gesicht des Kindes ähnelte dem einer Greisin. Die Anklage sah darin das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt. "Tod durch Verhungern und Verdursten ist grausam", räumte Werner Momberg, Verteidiger der angeklagten Mutter Judith H., ein. Dem Täter müsse die Grausamkeit jedoch auch bewusst sein. Dies sei bei Judith H. nicht der Fall gewesen. Die 22-Jährige habe unter einer depressiven Verstimmung, Selbstwertkrise und Suizidgedanken gelitten und sei mit der Situation völlig überfordert gewesen. Wegen ihrer akuten depressiven Phase sei die Mutter nur vermindert schuldfähig, argumentierte der Verteidiger.

Die Gutachterin habe zwar eine Depression im klinischen Sinn verneint, dem folge die Verteidigung jedoch nicht. So sei die Wohnung zum Zeitpunkt des Todes von Jacqueline "total vermüllt" gewesen, die Angeklagte habe nur noch auf der Couch gesessen und gegrübelt. "Das Einsichts- und Steuerungswesen war bei den Eltern eingeschränkt", sagte Momberg. Zudem seien bei Judith H. erhebliche Persönlichkeitsdefizite festgestellt worden. "Sie ist nicht altersgemäß gereift", sagte Momberg. So habe sie ihre Schwangerschaft die ganze Zeit verschwiegen und verdrängt. Sie müsse sich jedoch Totschlag durch Unterlassen vorwerfen lassen. Daher sei eine Freiheitsstrafe von sechs bis sechseinhalb Jahren angemessen.

Vater hatte laut Verteidigung nichts bemerkt

Die Verteidigung des Vaters Guido H. forderte dagegen Freispruch. Der Vater habe nichts von dem Zustand des Kindes gewusst, sagte dessen Rechtsanwalt Frank Richtberg. "Es schreit förmlich nach Bestrafung, wenn man die Bilder von Jacqueline gesehen hat." Dennoch dürfe dies nicht den Blick auf das Geschehen verstellen. Judith H. habe ihrem Mann immer gesagt, dass es dem Kind gut gehe oder dass es schlafe. Er habe auch regelmäßig Lebensmittel und andere Alltagsdinge für Jacqueline gekauft. Auf einer Familienfeier kurz vor Jacquelines Tod hätten nicht nur Guido H., sondern auch alle anderen den lebensbedrohlichen Zustand des Kindes bemerkt. Der Vater habe das Kind das letzte Mal zwei Wochen vor dessen Tod gesehen. "Wenn er alles gewusst hätte, hätte er Jacqueline geholfen", sagte Richtberg.

DPA/AP / AP / DPA