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Verhungerte Lea-Sophie: Jugendamtsmitarbeiter angezeigt

Im Fall der verhungerten Lea-Sophie aus Schwerin ist gegen die Eltern des fünfjährigen Kindes Haftbefehl ergangen. Auch das Jugendamt gerät immer mehr unter Druck: Ein Bürger hat Mitarbeiter des Amtes wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt. Politiker diskutieren, wie sich solche Fälle in Zukunft vermeiden ließen.

Nach dem qualvollen Tod der fünfjährigen Lea-Sophie geraten die Schweriner Behörden unter Druck. Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) wehrte sich am Donnerstagabend gegen Kritik am Jugendamt. "Bisher gibt es keinen Ansatz dafür, dass irgendein Mitarbeiter schnuselig gearbeitet hätte oder seine Aufgaben nicht erfüllt hätte", sagte er im ARD-"Nachtmagazin". Dennoch werde überlegt, was künftig verbessert werden könne.

Das Mädchen war nach monatelangem Martyrium verhungert und verdurstet. Das ergab eine Obduktion der Leiche. Das Amtsgericht erließ am Donnerstag Haftbefehl gegen den 26-jährigen Vater und die 23-jährige Mutter wegen gemeinschaftlichen Totschlags. Die Eltern sollen das Mädchen mehrere Monate lang nicht ausreichend ernährt haben, wie Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick sagte. Zum Schluss habe Lea-Sophie nur noch 7,4 Kilogramm gewogen. Normal wären etwa 20 Kilogramm. Das Mädchen war am Dienstagabend ins Krankenhaus gebracht worden, wo es wenig später starb.

Anzeige gegen das Jugendamt

Ein Bürger aus Schleswig-Holstein habe gegen Mitarbeiter des Schweriner Jugendamtes Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erstattet, sagte Pick. Die Staatsanwaltschaft habe aber keine Hinweise auf ein Verschulden der Behörde. Das Jugendamt soll durch einen anonymen Hinweis von der Vernachlässigung des Kindes gewusst haben. Ein Nachbar sagte der Deutschen Presse-Agentur DPA, zwei Mitarbeiter hätten die Familie Anfang November besucht und einen Blick in den Kinderwagen geworfen. In der Wohnung seien sie nicht gewesen.

Die Schweriner Jugendamtsleiterin Heike Seifert soll bereits vor einem Jahr im Sozialausschuss der Stadtvertretung erklärt haben, das Amt sei durch Mittelkürzungen völlig überlastet. Die Vize-Vorsitzende des Landeselternrates, Verena Riemer, zitierte Seifert mit den Worten: "Ich kann nicht garantieren, dass wir nicht auch in Schwerin ein totes Kind haben werden."

Ruf nach besseren Kontrollen

Auch in der Politik wird der Ruf nach besseren Kontrollen lauter. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen sagte im Fernsehsender n-tv: "Wir tun alles, um so etwas zu verhindern." Gesundheitswesen und Jugendhilfe müssten enger kooperieren. "Ich plädiere ganz massiv dafür, die Vorsorgeuntersuchungen zur Pflicht zu machen", sagte die Vorsitzende des Bundestags-Familienausschusses, Kerstin Griese (SPD), der "Berliner Zeitung". Notwendig sei eine bundesweit einheitliche gesetzliche Regelung.

Die Opposition im Bundestag beklagt vor allem ein Versagen der staatlichen Stellen. "Wenn jahrelang bei Jugendämtern und der Jugendhilfe gespart wird, braucht man sich nicht zu wundern, dass so etwas passiert", sagt der Familienexperte der Linken, Jörn Wunderlich. "Die Jugendämter müssen personell und finanziell besser ausgestattet werden", forderte Miriam Gruß von der FDP.

"Aufsuchende Hilfe"

Ekin Deligöz von den Grünen skeptisch zu zwangsweisen Vorsorgeuntersuchungen. Deligöz begrüßte aber, dass immer mehr Bundesländer Anstrengungen unternähmen, die Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen zu erhöhen. Sie sprach sich zudem für eine frühe und regelmäßige Betreuung von Familien aus. "Hebammen könnten Familien weit über die Geburt hinaus beraten." Für die Vize-Fraktionschefin der Union, Ilse Falk, muss gewährleistet werden, dass es bei den Vorsorgeuntersuchungen nicht nur um den allgemeinen Entwicklungsstand der Kinder geht. Vielmehr müsse konkret auf Anzeichen von Misshandlungen geachtet werden. Falk plädierte dafür, die sogenannte aufsuchende Hilfe zu stärken. "Früher gab es die Gemeindeschwester, die sich regelmäßig um die Familien gekümmert hat."

DPA / DPA