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Verhungertes Kind: "Lea-Sophie war ganz normales Kind"

Die kleine Lea-Sophie aus Schwerin ist verhungert und verdurstet. Ihre ehemalige Kindergärtnerin hat geschockt auf den Tod des Mädchens reagiert: "Wir sind alle sehr traurig und betroffen", sagte sie stern.de. Auch Kanzlerin Merkel zeigte sich tief erschüttert. Unterdessen hat Schwerins Oberbürgermeister Lücken im System der Kinder- und Jugendhilfe eingeräumt.

Die ehemalige Kindergärtnerin der in Schwerin verhungerten Lea-Sophie hat geschockt auf den Tod des Mädchens reagiert: "Wir sind alle sehr traurig und betroffen, dass so etwas passieren konnte", sagte Hildegard Kralisch, Leiterin der Kindertagestätte "Gänseblümchen", zu stern.de. Lea-Sophie habe die Kindertagestätte von 2003 bis 2004 besucht. "Es war ein ganz normales Kind. Sie war zwar sehr zurückhaltend, sie war aber nicht unterernährt", sagte Kralisch, die das Kind aber seit 2004 nicht mehr gesehen hat. Auch bei den Eltern habe sie damals keine Auffälligkeiten bemerkt.

Die fünfjährige Lea-Sophie ist durch Vernachlässigung durch die Eltern verhungert und verdurstet. Das Mädchen hatte bei der Einlieferung ins Krankenhaus nur noch 7,4 Kilogramm gewogen und war mit Wunden übersät. Sie starb in der Nacht zum Mittwoch. Die Eltern sitzen in Untersuchungshaft.

"Mechanismen haben nicht ausgereicht"

Schwerins Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) hat mögliche Lücken im System der Kinder- und Jugendhilfe eingeräumt. Der Tod des Mädchens zeige, "dass die Mechanismen offensichtlich nicht ausgereicht haben", teilte Claussen am Freitag in einer Presseerklärung mit. Den Mitarbeitern des Amtes könne nach bisherigem Kenntnisstand kein Versäumnis vorgeworfen werden. Man gehe bislang davon aus, dass das Regelwerk, wie bei Hinweisen zu Kindeswohlgefährdungen zu verfahren sei, eingehalten wurde. Unmittelbar nach Bekanntwerden des tragischen Todes hatte der Oberbürgermeister nach eigenen Angaben eine Aufarbeitung des Sachverhaltes veranlasst. "Wir werden weiterhin alles tun, um die Umstände, die zum Tode des kleinen Mädchens geführt haben, lückenlos aufzuklären", sagte Claussen.

Trotzdem wächst der Druck auf die Stadtverwaltung in Schwerin: "Wir brauchen eine ehrliche Aufklärung, wie es zum Versagen der zuständigen Behörden und damit zum grausamen Tod eines Kindes kommen konnte", sagte der familienpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern, Harry Glawe. "Es muss geklärt werden, an welcher Stelle wer versagt hat." So zu tun, als ob alles richtig gelaufen sei, "ist angesichts des grausamen Todes der fünfjährigen Lea-Sophie nicht hinnehmbar".

Glawe warnte davor, sich hinter Zuständigkeiten zu verstecken: "Der Staat muss eingreifen, wenn Eltern ihre Verantwortung trotz aller Angebote nicht wahrnehmen. Gerade wenn durch eine Anzeige ein Anfangsverdacht besteht, muss mehr getan werden als im Schweriner Fall." Der CDU-Politiker forderte deshalb die Einrichtung von Kriseninterventionsteams und warnte davor, so zu tun, als sei der Spardruck der Kommunen für den Fall ausschlaggebend. Damit werde die bestehende Verantwortung nur weggeschoben.

"Merkel ist betroffen und angerührt"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich nach dem Tod von Lea-Sophie tief erschüttert gezeigt. "Das Schicksal des kleinen Mädchens hat die Kanzlerin sehr tief betroffen und angerührt", sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg am Freitag in Berlin. Sie verfolge die Berichterstattung mit großem persönlichen Interesse und Anteilnahme. Die Kanzlerin wolle aber nicht bewerten, wo es Versäumnisse gegeben habe. Steg verwies auf die Ermittlungsbehörden. Der Tod sei ein weiteres Beispiel dafür, wie aufmerksam die zuständigen Behörden sein müssten und wie wichtig auch Hinweise von Nachbarn auf Fälle von Vernachlässigung seien.

Hamburg hat auf den Fall Jessica reagiert

Der Tod der kleinen Lea-Sophie erinnert an den Fall der siebenjährige Jessica, die 2005 verhungert in der elterlichen Wohnung in Hamburg gefunden worden war. Auch hier hatten die Behörden vor dem Tod des Kindes Hinweise, dass es in der Familie Probleme gibt. Aufgrund des Todes von Jessica, der damals ebenfalls bundesweit für großes Entsetzen sorgte, habe man in der Hansestadt Konsequenzen gezogen, sagte der Sprecher der Sozialbehörde, Rico Schmidt, zu stern.de.

Schmidt weist vor allem auf den Schulzwang hin, der schon 2005 eingeführt wurde. Bei einer Nichtanmeldung zur Schule, aber auch bei einem Fernbleiben, darf die Schulbehörde demnach mit richterlicher Genehmigung in die Wohnung eindringen, um nach schulpflichtigen Kindern zu suchen. Als weitere Maßnahme sei eine für 24 Stunden erreichbare "Kinderschutzhotline" eingerichtet worden, sagte Schmidt. Von Anfang 2006 bis März 2007 seien hier 248 Meldungen von möglicher Kindeswohlgefährdung eingelaufen, sagte Schmidt, denen man dann nachgehe. Zudem sei das Personal des "Allgemeinen Sozialen Dienstes" aufgestockt worden, der sich für das Jugendamt um Problemfamilien kümmert.

Allerdings sagte Schmidt: "So einen Fall wie Jessica kann man nicht ausschließen, selbst mit dem besten Hilfesystem nicht. Dafür bräuchte man eine dauernde Überwachung der Bevölkerung. Aber das will niemand."

Nach Angaben des Schweriner Jugendamtes sind im Fall Lea-Sophie zwei Mitarbeiter wenige Tage vor ihrem Tod an der Wohnung ihrer Eltern gewesen. Allerdings hätten sie dort niemanden angetroffen und deshalb eine Einladung für einen Termin am nächsten Tag hinterlassen. In Hamburg würde man in einem ähnlichen Fall ähnlich verfahren, sagte eine Mitarbeiterin des "ASD" stern.de. "Hier sind uns die Hände gebunden", sagte sie. Wenn keine verdächtigen Laute aus einer Wohnung dringen, könne man sich nicht durch ein Aufbrechen der Wohnung Zugang verschaffen. Um Fälle wie Jessica oder Lea-Sophie in Zukunft zu verhindern, forderte die ASD-Mitarbeiterin verpflichtende Untersuchungen im Alter von einem Jahr.

Auch die Hamburger SPD will sich für verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen für Kinder stark machen. Dafür werde die SPD- Fraktion ihren entsprechenden Gesetzentwurf vom Dezember 2006 erneut in die Bürgerschaft einbringen, kündigte der SPD-Sozialexperte Dirk Kienscherf in Hamburg an. Er warf der CDU und dem Senat vor, die landesrechtlichen Möglichkeiten für die Einführung verpflichtender U-Untersuchungen für Kinder nicht auszunutzen. Nach Angaben des Sprechers der Sozialbehörde, Hartmut Stienen, hat der CDU-Senat einen Gesetzentwurf im Grunde vorbereitet.

Pflicht-Vorsorgeuntersuchungen gefordert

Unterdessen hat auch sich die Vorsitzende des Bundestags-Familienausschusses, Kerstin Griese, für Pflicht-Vorsorgeuntersuchungen ausgesprochen. Notwendig sei eine bundesweit einheitliche gesetzliche Regelung, sagte die SPD-Politikerin der "Berliner Zeitung". Zwar sei dies keine Garantie dafür, dass künftig Fälle wie der in Schwerin verhindert würden. "Aber es ist ein Baustein für den Schutz der Kinder."

Die Union äußerte sich zu den Forderungen nach einem staatlichen Eingreifen zurückhaltender. Vize-Fraktionschefin Ilse Falk sagte der Zeitung, es könne nicht darum gehen, einen riesigen Kontrollapparat zu installieren. Der Ball liege jetzt ohnehin bei der Gesundheitspolitik. So müsse gewährleistet werden, dass es bei den Vorsorgeuntersuchungen nicht nur um den allgemeinen Entwicklungsstand der Kinder gehe. Vielmehr müsse konkret auf Anzeichen von Misshandlungen geachtet werden, fügte die CDU-Politikerin an. Vertreter der Oppositionsparteien beklagten vor allem ein Versagen der staatlichen Stellen.

mta/DPA/AP / AP / DPA