Vermisste Michelle Schlimmste Befürchtung wurde wahr


Die Leiche, die in einem Leipziger Teich trieb, war mit einer Jeans, einem gelben T-Shirt, einer pinkfarbenen Jacke und weißen Turnschuhen bekleidet - genau wie die achtjährige Michelle, die seit Tagen vermisst wird. Damit scheint die Befürchtung wahr geworden zu sein, dass das kleine Mädchen tot ist.
Von Lars Radau, Leipzig

Ein Spaziergänger beendete alle Hoffnung: Am frühen Donnerstagmittag stieß der Mann am Rande eines Naherholungsgebiets im Leipziger Stadtteil Stötteritz auf eine in einem Teich schwimmende Kinderleiche. Es handelt sich nach Angabe der Polizei "mit hoher Wahrscheinlichheit" um die achtjährige Michelle S., die am Montagnachmittag nicht von einer Ferienspielveranstaltung ihrer Grundschule nach Hause gekommen war. Seitdem hatte ein Großaufgebot von Polizisten rund um die Uhr den Leipziger Südosten durchkämmt - mit dem Ziel, das Mädchen lebend zu finden. Offenbar vergeblich.

Intern hatte die Polizei offenbar schon von Anfang an mit dem Schlimmsten gerechnet: Bereits wenige Stunden nach dem Verschwinden der als zuverlässig geltenden Achtjährigen hatten die Beamten begonnen, behördeninterne Auskunftssysteme nach mehr als 200 polizeibekannten Sexualstraftätern zu durchforsten und deren Alibis zu überprüfen. Auch Isis, das neue Überwachungs- und Informationssystem des Freistaates Sachsen für besonders rückfallgefährdete Sexualstraftäter, sei eingesetzt worden, sagte Polizeisprecher Uwe Voigt.

Die Stimmung sei "deutlich gedrückt" gewesen

Ein als besonders gefährlich eingestufter Kinderschänder, dessen nachträgliche Sicherungsverwahrung im Juli vom Bundesgerichtshof abgelehnt worden war und der zurzeit in Leipzig wohnt, sei sogar zweimal befragt worden, berichtet die "Leipziger Vokszeitung". Am späten Mittwochnachmittag ließen sich auch Sachsens Polizeipräsident Bernd Merbitz und Innenminister Albrecht Buttolo bei einer Lagebesprechung in der Leipziger Polizeidirektion über den Stand der Suche informieren. Die Stimmung, sagen Beteiligte, soll "deutlich gedrückt" gewesen sein: Mit jeder weiteren Stunde, die seit Michelles Verschwinden verstrich, sank die Wahrscheinlichkeit auf einen glücklichen Ausgang. Umso stärker sei die Suche mit jeder weiteren Stunde intensiviert worden, Polizeisprecher Voigt: Neben 150 Beamten, Pferde- und Hundestaffeln seien auch mit Wärmebildkameras ausgerüstete Hubschrauber aus Sachsen und dem benachbarten Brandenburg im Einsatz gewesen. In der gesamten Stadt hatten Beamte und Anwohner aus Michelles Stadtteil Anger-Crottendorf zudem mehr als 5000 Handzettel mit einer Beschreibung des Mädchens verteilt.

Allen internen Bedenken zum Trotz hatte die Polizei noch am Donnerstag offiziell betont, man gehe "nach wie vor von einem Vermisstenfall" aus. Bis dann gegen 12.30 Uhr im Lagezentrum das Telefon klingelte: Ein Passant hatte in einem Teich am Naherholungsgebiet Stötteritzer Wäldchen im Leipziger Südosten einen leblosen Körper treiben sehen. Das Wäldchen ist etwa drei Kilometer von Michelles Schule entfernt - eine Distanz, für die ein Kind nach Angaben der Polizei rund 20 Minuten "in straffem Schritt" benötigt. Die Beamten waren nach dem Notruf "nahezu sofort" vor Ort - nach Angaben von Polizeipräsident Merbitz hatten Suchtrupps bereits in unmittelbarer Nähe des Fundortes das Gelände durchforstet.

Schaulustige hatten es sich mit Chipstüten bequem gemacht

Sie riegelten das Gebiet weiträumig ab - auch um die Schaulustigen auf Distanz zu halten. Denn die Nachricht vom Fund hatte sich im Stadtviertel in Windeseile herumgesprochen, zeitweise drängelten sich bis zu 100 Menschen an den eilig gespannten rot-weißen Absperrbändern. Neben Familien, die es sich mit Chipstüten auf einer kleinen Anhöhe bequem gemacht hatten, fanden sich unter den Schaulustigen auch einige jüngere Männer mit Windjacken und auffällig kurz geschorenen Haaren.

Bereits in den vergangenen Tagen hatten Neonazis im Leipziger Südosten kleine Spontandemonstrationen inszeniert und an das Schicksal des kleinen Mitja erinnert, der um Februar vergangenen Jahres von einem einschlägig vorbestraften Triebtäter entführt, vergewaltigt und getötet worden war.

Während Kriminaltechniker mit der Spurensicherung rund um den Fundort begannen, mussten zur Bergung des im Wasser treibenden Körpers Spezialkräfte angefordert werden, unter ihnen die Tatortgruppe des Landeskriminalamts aus Dresden. "Vorher können wir nicht mit Gewissheit sagen, ob es sich um ein Verbrechen oder einen Unglücksfall handelt", sagte Voigt. Die Kollegen gingen "sehr akribisch" vor, näherten sich der Leiche buchstäblich schrittweise vom Ufer aus. "Jedes Detail kann für die spätere Aufklärung von immenser Bedeutung sein", betonte Voigt.

Gegen 16.50 Uhr stand das traurige Ergebnis fest: Bei dem schwimmenden Leichnam handelt es sich ziemlich sicher um Michelle. Das Mädchen hatte eine hellblaue Jeans, ein gelbes T-Shirt, eine pinkfarbene Jacke und weiße Turnschuhe getragen. "Diese Angaben stimmen mit dem überein, was wir gefunden haben", sagte der Polizeisprecher. Michelle werde jetzt in der Gerichtsmedizin untersucht, um die genaue Todesursache feststellen zu können. Ein Ergebnis werde "in den späten Abendstunden, spätestens aber morgen früh" erwartet, sagte Voigt. Michelles Eltern werden bereits seit dem Verschwinden ihrer Tochter psychologisch betreut.


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