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Vermisste Studenten in Mexiko: Ist mein Sohn in einem Massengrab - oder in einem Kerker?

Was geschah mit den 43 verschleppten Studenten in Mexiko? Ihre Angehörigen harren aus und glauben nicht an ein Massaker. Leben die jungen Leute noch? Der stern hat die Eltern besucht.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Ayotzinapa

Eine Angehörige mit einem Foto von einem der vermissten Studenten

Eine Angehörige mit einem Foto von einem der vermissten Studenten

Oft sitzt sie nur so da und starrt vor sich hin, dort unter dem Blechdach des Basketballfeldes in der Fachschule ihres Sohnes Benjamin. Sie blickt zu den Klassenräumen und fragt sich, in welchem ihr Sohn wohl am liebsten war. Sie blickt in die Gesichter der Besucher und fragt sich, ob die etwa Neues wissen: Wurden neue Massengräber entdeckt? Packen die verhafteten Polizisten endlich aus? Wie groß ist der Druck aus dem Ausland inzwischen, von der EU, von der UN?

Neben Cristina Bautista, 39, sitzen die Eltern der anderen 42 verschwundenen Studenten von Ayotzinapa. Da ist Cornelio Bartolo, Vater von José Eduardo, dessen Frau mit Krebs zu Hause liegt. Das ist Hilda Ligadeno, die Mutter von Jorge, der mit seinen 20 Jahren schon Vater ist. Das ist Dominga, die Mutter von Felipe, die noch nicht eine Träne geweint hat, weil sie sich seit 30 Tagen in einer Art Schockzustand befindet. Felipe ist ihr einziges Kind.

Die Eltern der 43 verschwundenen Studenten sind alle hier in der Schule "Normal Rural Raul Isidro Burgos" in Ayotzinapa. Keiner geht nach Hause. Keiner geht seiner Arbeit nach. Keiner kümmert sich um die anderen Kinder zu Hause. Sie sind arme Bauern vom Land. Seit mehr als 30 Tagen sind sie hier. Und warten.

Täglich Ladungen voller Geschenke

Die Unterstützung, die sie erhalten, ist überwältigend. Dorfbewohner bringen ihnen Essen und Trinken, Psychologen und Priester betreuen sie. Täglich erreichen sie Ladungen voller Geschenke, Karten, Wünsche aus allen Teilen Mexikos. Sie fühlen: Die ganze Region hier im Bundestaat Guerrero unterstützt sie. Ja, ganz Mexiko. Ja, die ganze Welt.

Lange haben die Mexikaner die alltägliche Gewalt hingenommen. Allein im vergangenen Jahr wurden 16.000 Menschen im Drogenkrieg getötet. Aber dieser Fall ist anders, grausamer, absurder, sadistisch. 43 Studenten werden in einem Komplott zwischen Politikern, Polizisten und Drogengangstern entführt, nur weil sie Spenden eintreiben und protestieren wollten. Drei werden erschossen, einer gefoltert und verstümmelt. Da hat Mexiko begriffen, wie degeneriert seine Gesellschaft ist. Wie verstrickt Politik und Unterwelt.

Cristina Bautista lebt etwa drei Autostunden entfernt von Ayotzinapa. Sie erfuhr aus dem Radio von den vermissten Studenten. Das ist doch nicht Benjamin, dachte sie. Er hatte gerade erst an der Schule begonnen. Er wollte Lehrer werden wie die anderen. Von einem Protest hatte er ihr nichts erzählt. Er hatte nur gesagt, er wolle am Wochenende nach Hause kommen, zum ersten Mal nach zwei Monaten.

"Ein prächtiger Junge"

Sie hatte ihn nur schweren Herzens auf die Fachschule gehen lassen. Seit sich ihr Ehemann in die USA verdrückte, ist Benjamin so etwas wie der Mann im Haus gewesen. Er arbeitete in diversen Jobs, um die Familie zu unterstützen. Cristina hat zwei weitere Kinder, 23 und 18 Jahre alt.

Sie erzählt mit leuchtenden Augen von Benjamin - "ein prächtiger Junge". Immer für sie da, immer hilfsbereit, gerade weil sie als Verkäuferin nur 160 Dollar im Monat verdiente. "Er ist ruhig, freundlich, respektvoll. Er war schon immer einer, der sich für die Schwächeren einsetzt. Er sah, dass dieses System nicht funktioniert."

Benjamin, 19, wollte Lehrer werden, um es einmal besser im Leben zu haben. Und er wollte auf dem Land lehren, damit die Kinder armer Bauern mal eine bessere Schulausbildung bekommen als er früher. Dafür werden sie in Ayotzinapa ausgebildet: Sie verpflichten sich, den Ärmsten zu helfen. Das machte sie verdächtig. Das und die sozialistische Ausrichtung der Schule. Überall hier sieht man Wandbilder von Che Guevara, Marx und Lenin und Graffiti, die zum Widerstand aufrufen.

Mitglieder einer Drogengang festgenommen

Seit einigen Tagen verdichten sich die Anzeichen, dass die Ermittler etwas wissen. Sie haben Mitglieder der Drogengang Guerreros Unidos festgenommen, die angeblich zugaben, die Leichen der Jungen auf einer Müllkippe etwa 25 Kilometer vom Tatort entfernt entsorgt zu haben. Dort suchen jetzt Spezialisten nach Hinweisen.

Die Eltern wollen davon nichts wissen. Sie glauben, dass ihre Kinder am Leben sind. Sie glauben, dass die Regierung sie in der Gewalt hat, irgendwo, in den Bergen, in einem Kerker, in der Haupstadt. Die Chancen sind nicht die besten, aber das wollen sie nicht hören.

Cristina erträgt die Stille nicht. Sie steht auf, wäscht ihre Wäsche. Sie schläft im Raum, wo ihr Benjamin untergebracht war. Sie wählt seine Handy-Nummer, wie viele der anderen Eltern auch. Aber nichts passiert. Sie stellt sich vor, wie er plötzlich ankommt, zu Fuß, aus den Bergen, mit einem Lächeln. Immer mit einem Lächeln.

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... im aktuellen stern: "Die geraubten Söhne" - unser Südamerika-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann hat in Mexiko die Angehörigen der verschwundenen Studenten getroffen.

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