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Vermisster Kanute: Panama-Foto entlarvt Lügen-Paar

Der große Schwindel ist aufgeflogen: Die Ehefrau des jahrelang vermissten Kanuten will aus Panama nach England zurückkehren und "sich der Sache stellen". Sie gab zu gewusst zu haben, dass ihr Mann die ganzen Jahre am Leben war. Ein Bild der zwei aus Panama hat sie entlarvt .

Von Cornelia Fuchs, London

Die Ehefrau des verschwundenen englischen Kanuten John Darwin hat seit Jahren gewusst, dass ihr Mann noch lebte. Anne Darwin brach vor englischen Journalisten des "Daily Mirror" und der "Daily Mail" in Panama City zusammen, als diese sie mit einem Bild konfrontierten, welches das Ehepaar Darwin vor 18 Monaten im Büro einer panamesischen Agentur für Einwanderer zeigte.

Dieses Bild hatte der "Daily Mirror" am Mittwoch auf der Webseite von "Move to Panama" gefunden und auf seiner Titelseite abgedruckt. Am Wochenende war eben dieser John Darwin, der dort freundlich in die Kamera lächelt, auf einer Polizeistation im Londoner West End aufgetaucht und hatte gesagt: "Ich glaube, ich bin eine vermisste Person." Er behauptete, sein Gedächtnis verloren zu haben.

Tatsächlich gilt Darwin seit dem März 2002 als vermisst. Damals war er mit einem Kanu zu einem Ausflug auf dem Meer an der östlichen nordenglischen Küste aufgebrochen, zurück kam nur sein zerschmettertes Boot. Tagelang wurde nach ihm zu Wasser und Land gesucht. Seine Ehefrau erzählte englischen Journalisten noch Monate später von ihrer großen Trauer angesichts der ungeklärten Umstände seines Verschwindens. Etwas über ein Jahr später wurde John Darwins Tod offiziell anerkannt, seine Frau kassierte eine nicht näher bekannte Summe von der Lebensversicherung. Vor sechs Wochen verkaufte sie zwei Häuser in Nordengland und zog nach Panama.

Doch schon von Anfang an gab es Zweifel an der Geschichte des wiederauferstandenen John Darwin. Er soll gesagt haben, er habe seine Erinnerungen nach einem Norwegen-Urlaub vor sieben Jahren verloren. Doch warum will er sich dann jahrelang nicht mehr an seine Frau erinnern, mit der er fast 30 Jahre verheiratet gewesen war? Englische Journalisten begaben sich auf Recherche-Reise nach Panama und fanden das Bild des Ehepaares bei der Einreise-Agentur, aufgenommen vor über einem Jahr. Heute schließlich titelt der "Daily Mirror" mit der Schlagzeile: "Das Spiel ist aus!", daneben ein Bild von Anne Darwin mit den Händen vor ihrem Gesicht und einem Ausdruck, als habe man ihr vom Tod eines nahen Angehörigen erzählt.

"Sie werden mir nie verzeihen"

Im Angesicht des Bildes scheint sie entschieden zu haben, dass alles Leugnen nichts mehr hilft. "Ja, das sind mein Mann und ich", sagte sie. Dann galt ihre Sorge den beiden erwachsenen Söhnen in England, die wohl bis vor fünf Tagen wirklich nicht wussten, dass ihr seit 2002 vermisster und für tot erklärter Vater noch lebt: "Sie werden mir nie verzeihen. Sie werden mich hassen. Es scheint, als werde ich nun ohne Familie, Ehemann und ein zu Hause zurückbleiben." Sie sagt, sie habe seit Tagen nicht mehr geschlafen: "Ich bin weit über den Punkt hinaus, an dem ich an Schlaf denken könnte."

Anne Darwin erklärte weiter, dass sie im März 2002 zunächst tatsächlich an den Tod ihres Mannes glaubte. "Liebe ich meinen Ehemann trotzdem noch? Ja, das tue ich und das hat mich wahrscheinlich in diese Situation gebracht. Wenn du jemand liebst, dann willst du ihn beschützen. Vielleicht habe ich den falschen Ehemann gewählt. Ich habe am Anfang nichts Falsches getan." Doch, so sagt sie weiter, ob ihr irgendjemand noch glauben wird, sei wohl fraglich.

Nachbarn erklären, dass sie nach dem angeblichen Tod ihres Mannes untröstlich gewesen sei, stundenlang habe sie umsorgt werden müssen: "Wenn das nicht echt war, war sie eine großartige Schauspielerin." Doch irgendwann in den vergangenen fünf Jahren muss John Darwin wieder aufgetaucht sein - wie und wann wollte Anne Darwin nicht sagen: "Das sind wohl alles Fragen, die auch die Polizei interessieren."

Urlaub in Panama

Sie gab weiter zu, dass sie mit ihrem Mann Urlaub in Panama gemacht habe in den vergangenen Jahren, und vor etwas über einem Jahr mit der Agentur "Move to Panama" ihre Immigration vorbereitete. Vor sechs Wochen ist Anne Darwin dann in ein Appartement in einem ruhigen Stadtteil Panama Citys gezogen. Die knapp 50.000 Euro für die Wohnung und weitere 30.000 für ein neues Auto habe sie bar bezahlt.

Anne Darwin wusste, dass ihr Mann vor etwas über einer Woche nach England zurückgeflogen ist. Doch sie sagt, er habe ihr nicht erzählt, dass er sich bei der Polizei melden wolle: "Vielleicht hatte er einen Zusammenbruch." John Darwin gab in den Jahren vor seinem Verschwinden seinen Job als Lehrer auf, weil, so seine Frau, er nicht mochte, wie sich seine Arbeit entwickelte. Auch als Bankangestellter scheiterte er: "Er konnte Leuten nichts verkaufen, was die nicht wollten." Als er verschwand, war er als Aufsichtsperson in einem Gefängnis angestellt. ´

"Niemand war überraschter als wir"

Anne Darwin will nun nach England zurückfliegen und "sich der Sache stellen": "Hier habe ich nichts mehr. Ich will kein Flüchtling sein. Mein Leben ist ein völliges Durcheinander." John Darwin wurde am Mittwoch aus der Stadt Basingstoke, wo er festgenommen wurde, zur zuständigen Polizeibehörde in Middlesborough, Nordengland, überstellt. Der Leiter der Ermittlungen, Hauptkommissar Tony Hutchinson, rief Mitbürger zur Mithilfe auf: "Niemand war überraschter als wir, dass John Darwin plötzlich wieder aufgetaucht ist. Irgendwo wird es Leute geben, die genau wissen, wo er war, wo er gelebt hat. Vielleicht hat er Zeit im Ausland verbracht. Wir wollen, dass diese Menschen uns kontaktieren."

Die Polizei hatte die Akte Darwin vor drei Monaten wieder eröffnet, nachdem sie Hinweise von einer Bank erhalten hatte. Weitere Meldungen deuten an, dass Darwin vor zwei Jahren in seiner Heimatstadt Seaton Crew im Nord-Osten Englands gesehen wurde. Hutchinson schloss nicht aus, dass die Polizei auch Anne Darwin befragen will. Zwischen England und Panama gibt es ein Auslieferungs-Abkommen.

Ronald Darwin, der 90-jährige Vater von John Darwin, reagierte mit Unverständnis auf die Entwicklungen der vergangenen Tage: "Wenn die beiden im vergangenen Jahr zusammengelebt haben, finde ich das völlig unmöglich. Ich kann nicht glauben, dass Johns Ehefrau so nah bei uns gelebt und die ganze Zeit nichts gesagt hat. Ich habe immer gehofft, dass er noch lebt - aber dieses Bild ist jetzt wie ein Schlag für mich."