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Verstörender Untersuchungsbericht: Die Nacht, in der Diren D. starb

Der Hamburger Austauschschüler Diren D. wurde in einer Garage in Montana erschossen. Jetzt wurden neue Details der Todesnacht bekannt. Der Schüler wollte offenbar Bier stehlen - und saß in der Falle.

Von Alexandra Kraft

Nur wenige Augenblicke waren vergangen, seitdem Markus K. vier Mal auf den 17-jährigen Diren D. in seiner Garage mit einer Schrotflinte gefeuert hatte. Der Junge lag noch schwer atmend und wimmernd, getroffen an Kopf und Arm, auf dem Boden, da ging K. zurück ins Haus und holte sich ein frisches T-Shirt. Als er wieder nach draußen kam, blieb er in der Einfahrt stehen, während seine Lebensgefährtin versuchte, Direns schwere Blutungen zu stillen.

K. half nicht, er wartete einfach nur. Als ein paar Minuten später die Polizei am Tatort eintraf, fragte Officer Jones: "Wer hat auf ihn geschossen?" K. erwiderte: "Ich". Der Polizist fragte nach: "Sie?" "Yep", so die Antwort K.s. Später vermerkte Officer Jones, der 29-Jährige sei "angesichts der Situation ungewöhnlich ruhig" gewesen.

Schütze gibt Freundin eine Mitschuld

Es ist ein verstörendes Bild, das ein gerade veröffentlichter Untersuchungsbericht der Staatsanwaltschaft von Markus K. zeichnet. Dem Mann, der den Hamburger Austauschschüler Diren D. vor etwa zwei Wochen in seiner Garage in der Kleinstadt Missoula in Montana erschoss. Inzwischen gibt er seiner Lebensgefährtin Janelle P. sogar eine Mitschuld an der Tat. Der Bericht enthält auch zahlreiche neue Details über die Nacht, in der Diren starb.

Demnach war der 17-Jährige gemeinsam mit dem aus Ecuador stammenden Austauschschüler Robby P. unterwegs. Den beiden sei langweilig gewesen, so sagte Robby zur Polizei, also seien sie spazieren gegangen. Dabei kamen sie durch Zufall an der offen stehenden Garage vorbei, nur wenige Straßen vom Haus der Gasteltern entfernt. Diren, so Robby, sei wortlos hineingegangen. Vermutlich auf der Suche nach einem Bier, sagte der Ecuadorianer später zur Polizei.

Direns erstes "Garage Hopping"

Schon öfter waren Diren und Robby beim sogenannten "Garage Hopping" dabei gewesen. Eine Tradition unter den Schülern in Missoula. Dabei schleichen die Jugendlichen in offen stehende Garagen und holen sich aus den Kühlschränken Bier heraus. Diren und Robby hätten bis zu diesem verhängnisvollen Abend bei vier oder fünf Gelegenheiten immer im Auto gewartet, während einer ihrer Freunde auf diese Weise Getränke besorgte.

Diren habe nun zum allerersten Mal selbst eine Garage betreten, sagt Robby. Sein Todesurteil. Robby folgte nicht, sondern blieb auf der Straße. Kurze Zeit später habe der Jugendliche eine Stimme rufen gehört: "Ich sehe dich da drin." Und schon zwei Sekunden danach den ersten Schuss. Geschockt rannte Robby den kurzen Weg zu Direns Gasteltern, dabei hörte er die weiteren drei Schüsse.

Diren hatte keine Chance

K., in dessen Einfahrt und Garage Bewegungsmelder und eine kleine Überwachungskamera installiert waren, schoss mit einer Schrotflinte systematisch von rechts nach links durch das geöffnete Garagentor. Die Wucht der Munition war auf die wenige Meter Distanz so stark, dass einzelne Bleikugeln die Wand durchschlugen und im dahinter liegenden Wohnzimmer landeten. Diren hatte keine Überlebenschance, wie der Gerichtsmediziner in seiner Obduktion feststellte.

K. beklagte sich in seiner Vernehmung, er sei in den Wochen zuvor wiederholt ausgeraubt worden. Einmal wurde ihm, so der Untersuchungsbericht, Marihuana aus der Garage gestohlen. Aber nur einen zweiten Überfall, bei dem eine Kreditkarte und Geld entwendet worden seien, meldete er der Polizei. Inzwischen haben sich zwei Jugendliche, die Diren nicht kannten, zu dem Diebstahl bekannt.

Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, dem Austauschschüler eine Falle gestellt und mit der Waffe aufgelauert zu haben, weist K. von sich. Schließlich habe seine Lebensgefährtin die Sensoren und die Kamera installiert. Sie sei es auch gewesen, die das Tor habe offen stehen lassen, nachdem sie eine Zigarette in der Garage geraucht habe.

K. wollte nicht die Polizei rufen

Als er in der Dunkelheit vor der Garage stand, habe er um sein Leben und das seiner Familie gefürchtet, so K.. Adrenalin sei durch seinen Körper geschossen, er glaubte, ein Einbrecher könnte ihn mit einer Axt angreifen, so sagte er zur Polizei. Er habe sogar noch viel schneller schießen wollen, aber vergessen, den Sicherheitshebel an seiner Schrotflinte zu lösen. Die Person in der Garage schien ihm wie ein "gefangenes Tier", dass jederzeit versuchen könnte, ihn über den Haufen zu rennen. Die Polizei wollte er nicht rufen, weil er ihr nicht zutraute, den Täter zu erwischen. Dann habe K. absichtlich hoch geschossen. Vier Mal. Bis er jemanden zu Boden fallen gehört habe.

In einer späteren Vernehmung versucht K. weitere Schuld auf Janelle P. abzuwälzen. Sie sei es mit ihrer Angst gewesen, die ihn immer wieder angetrieben habe. Auch in der Nacht hätte sie ihn nach draußen geschickt. Wäre es nach ihm gegangen, wäre die Garagentür immer abgeschlossen gewesen. Sie hätte sich nach den vorherigen Einbrüche verfolgt, gar gestalkt, gefühlt. Auch habe sie ein verdächtiges Fahrzeug vor ihrem Haus vorbeifahren sehen. So seien sie vor die Wahl gestellt gewesen, mit den Diebstählen zu leben - oder der "Sache ein Ende zu setzen", wie K. sagt.

Markus K. war in den Wochen vor der Tat wiederholt durch seine cholerischen Auftritte auffällig geworden. In der sonst sehr beschaulichen Wohngegend am Rande von Missoula attackierte und beschimpfte er Autofahrer. Einige Male blockierte er mit seinem Jeep die Straße, hinderte andere an der Durchfahrt und schrie sie an. Knapp eine Woche vor den tödlichen Schüssen rastete er in einem Friseursalon völlig aus. In den Polizeivernehmungen heißt es, K. habe wiederholt damit gedroht, einen Teenager umzubringen. "Ernsthaft, ich werde eines dieser verfickten Kinder erschießen." Von seiner Friseurin danach gefragt, warum er nicht die Polizei rufe, habe er geschrien: "Ich hoffe, einer von denen taucht auf und ich erschieße ihn. Ich wäre froh, einen Polizisten zu erschießen." Und schob dann irgendwann hinterher: "Ich erzähle keinen Quatsch, ihr werdet in den Nachrichten davon hören."

"Du musst dir keine Sorgen mehr um Einbrüche machen"

Als am Morgen nach den tödlichen Schüssen ein Nachbar bei K.s Lebensgefährtin nachfragen wollte, wie es ihr gehe, habe die kühl gesagt: "Naja, ich glaube, du musst dir keine Sorgen mehr um Einbrüche machen." Und auf die Nachfrage: "Warum? Hat die Polizei ihn erwischt?", sagte sie: "Er ist tot."

Die Staatsanwaltschaft wirft Markus K. nun vorsätzlichen Mord vor. Darauf stehen in Montana mindestens zehn Jahre Gefängnis, im schlimmsten Fall die Todesstrafe. Paul Ryan, der Verteidiger K.s, gibt sich betont gelassen. "Mein Mandat ist unschuldig", sagt er. "Es wird sich zeigen, dass er in seinem eigenen Haus terrorisiert wurde und sich bedroht fühlte." Das sogenannte "Castle Law" erlaubt Bewohnern in Montana sich mit Waffengewalt zu Hause zu verteidigen, wenn sie um ihr Leben fürchten. Und die Opfer müssen nachweisen, dass sie unschuldig waren.