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Verstoß gegen Waffengesetz: "Die Eltern sind gestraft genug"

Legal kann der 17-jährige Tim K. nicht an die Waffe für seinen Amoklauf gekommen sein - das verhindern die deutschen Waffengesetze. Doch gegen die könnte der Vater des Amokläufers verstoßen haben. Ob daraus allerdings tatsächlich juristische Konsequenzen folgen, ist fraglich.

Von Thomas Krause

Es war nur eine einzige Waffe, die der Vater vom Tim K. nicht im Waffenschrank eingeschlossen hatte. Diese Unachtsamkeit machte den Amoklauf von Winnenden mit 16 Todesopfern wohl möglich: "Es deutet alles darauf hin, dass der Vater hier nachlässig war, was das Verwahren dieser einen Waffe anbelangt", sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder. Deswegen wird nun gegen den Vater des Täters wegen Verstoßes gegen das Waffenrecht ermittelt.

Als Inhaber einer Waffenbesitzkarte durfte Tim K.s Vater seine Gewehre und Pistolen zu Hause aufbewahren, zum Schießstand transportieren und dort benutzen. "Es gibt genaue Regelungen, wie die Waffen zuhause gesichert werden müssen", sagte Jürgen Kohlheim, Vizepräsident und Waffenrechtsexperte des Deutschen Schützenbundes stern.de. Abhängig von Art und Größe gibt es unterschiedliche Sicherheitsstufen für die Lagerung von Pistolen und Gewehren. "Einen Waffenschrank muss man sich wie einen Tresor vorstellen. Das ist nichts, was man einfach so aufbrechen kann", sagt Kohlheim.

Über 200 Schuss Munition

Doch auch die ordnungsgemäße Aufbewahrung konnte Tim K. offenbar nicht aufhalten. Entgegen ersten Informationen war die Munition im Haus der Familie K. in einem Tresor gelagert - über 4500 Schuss. Mehr als einhundert Schüsse hat der 17-Jährige mit der Pistole vom Typ Beretta seines Vaters abgegeben, über einhundert weitere Patronen hat er während der Bluttat bei sich getragen oder verloren.

Sollte die Munition aus dem Waffenschrank seines Vaters stammen, war sie für Tim K. deutlich schwieriger zu beschaffen, als die Pistole selbst. Schließlich lag die Beretta im Schlafzimmer seiner Eltern - und nicht wie vorgeschrieben in einem Tresor. Das ist der Vorwurf, der für den Vater des Amokläufers nun ein juristisches Nachspiel haben könnte.

"Waffenschrank-Schlüssel bei sich tragen"

Und selbst, wenn die Pistole in einem geeigneten Schrank gelegen hätte, verpflichtet das noch zu Aufmerksamkeit. "Jedem Sportschützen ist klar, dass man den Schlüssel zum Waffenschrank nicht für jeden zugänglich ans Schlüsselbrett hängt, sondern am besten bei sich trägt", sagt Kohlheim. Noch sicherer sei allerdings ein Waffenschrank mit Zahlenkombination. Denn dass ein Unbefugter diese Kombination ausspäht sei viel unwahrscheinlicher, als dass er weiß, wo der Schlüssel zu finden sei, so Kohlheim.

Strenge Regelungen gelten nicht nur für die Aufbewahrung, sondern auch für den Besitz und Gebrauch von großkalibrigen Sportwaffen. Damit soll verhindert werden, dass sie in die Hände von Jugendlichen und anderen Unbefugten gelangen. Denn seit einer Neuregelung des Waffengesetzes - eine Folge des Amoklaufes von Erfurt 2002 - müssen Waffenbesitzer mindestens 21 Jahre alt sein.

Strengere Regeln für junge Erwachsene

Auch müssen Sportschützen mehrere Bedingungen erfüllen, um die für legale Waffenkäufe notwendige Besitzkarte zu erhalten: Neben ihrer guten körperlichen und geistigen Verfassung müssen sie auch nachweisen können, warum sie eine Waffe brauchen. Für junge Erwachsene gelten noch einmal strengere Regeln. Sie brauchen zusätzlich ein psychologisches Gutachten, um großkalibrige Waffen nutzen zu dürfen. Dann erst dürfen die Schützen in einer Prüfung nachweisen, dass sie auch tatsächlich verantwortungsvoll mit einer Waffe umzugehen wissen.

Für einen 17-Jährigen wie Tim K. gibt es keinen legalen Weg, an Pistolen wie die Beretta zu kommen. Für seinen Vater jedoch, der Mitglied im örtlichen Schützenverein ist, war es kein Problem. 13 Gewehre und Revolver fand die Polizei bei der Durchsuchung von Tim K.s Elternhaus. Eine Anzahl, die unter Sportschützen nicht ungewöhnlich ist: "Immerhin gibt es viele Schieß-Disziplinen und entsprechend viele unterschiedliche Waffenarten", sagt Kohlheim.

Schießübungen mit Softair-Waffen

Doch im Schützenverein seines Vaters war Tim K. nur gelegentlich zu Gast. Zielen und Schießen geübt hat Tim K. wohl hauptsächlich mit Softair-Waffen, von denen die Polizei mehrere in seinem Zimmer gefunden hat. Sie verschießen mit Feder-, Pressluft- oder Gasdruck Plastikkugeln und gelten als Spielzeuge: Selbst starke Softair-Pistolen und -Gewehre haben allenfalls die Wirkung eines Luftgewehrs. Modelle mit niedriger "Beschussenergie" sind nach deutschem Recht frei verkäuflich, stärkere Softair-Waffen dürfen nur an Volljährige abgegeben werden.

Rechtlich betrachtet ist wohl der Vater dafür verantwortlich, dass Tim K. Zugriff auf die Tatwaffe hatte. Ob aber diese Nachlässigkeit tatsächlich juristische Konsequenzen nach sich ziehen wird, ist nach Einschätzung Kohlheims unklar. "Immerhin", sagt der Waffenrechts-Experte, "sind die Eltern durch die Tat selbst schon genug gestraft."

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