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Verteidiger Barry Roux Pistorius' Staranwalt lehrt Zeugen das Fürchten


Sogar Tränen fließen: Wie ein Rottweiler attackiert Verteidiger Barry Roux in Woche eins des Mordprozesses gegen Paralympics-Star Oscar Pistorius die Zeugen - mit Erfolg.
Von Marc Goergen

Es war nur eine kleine Szene, aber sie war typisch für diese erste Woche im Mordprozess gegen Oscar Pistorius. Mittwochmorgen, der dritte Tag. Pistorius’ Anwalt Barry Roux befragt den Zeugen Charl Johnson, einen Nachbarn von Pistorius. An den Tagen zuvor hat Roux schon Johnsons Ehefrau im Zeugenstand zu Tränen getrieben. Hat sie immer wieder gefragt, ob es tatsächlich die Schreie eine Frau gewesen waren, damals in der Todesnacht vor einem Jahr, oder ob es nicht doch Oscar Pistorius selbst gewesen sein könnte. Hat immer wieder Zweifel gesät, das es Schüsse waren, die sie gehört hat. Hat sie am Ende gar der Unehrlichkeit bezichtigt.

Nun sitzt ihr Ehemann im Zeugenstand im Gericht von Pretoria, ein kleiner, schüchtern wirkender Mann. Und Roux tut sein Bestes, auch Johnsons Aussage zu zerpflücken. Der sagt aus, er habe auf dem Balkon seines Hauses, etwa 200 Meter entfernt, Schreie gehört. Daraufhin hab er den Notruf abgesetzt.

Roux fragt nach: "Wann haben Sie den Notruf abgesetzt?" Johnson: "Um 3.16 Uhr." Danach erst seien Schüsse gefallen.

Es geht vielleicht um Sekunden

Der Verteidiger scheint geradezu den Moment zu genießen. Um exakt 3.19 Uhr habe Oscar Pistorius selbst einen Notruf abgesetzt, sagt er. Das sei dokumentiert. Ob es nicht sein könne, dass Johnson gar keine Schüsse gehört habe, sondern das Krachen eines Cricket-Schlägers gegen die Tür – schließlich habe Pistorius ja zu dem Zeitpunkt die Tür aufgebrochen. "Manchmal glauben Menschen ja, dass sich etwas so abgespielt hat, und das sagen sie dann", sagt Roux. "Da liegt aber ein Unterschied zur Wahrheit."

Es geht um Minuten, vielleicht um Sekunden, es geht um die Reihenfolge von Schreien und Schüssen, scheinbar banale Details – doch all das kann entscheidend sein für das Schicksal von Oscar Pistorius – und Barry Roux weiß darum und spielt damit.

Rouxs halbseidener Kundenstamm

Monatelang hatte die Öffentlichkeit auf den Prozess von Oscar Pistorius hingefiebert. Der hatte im Februar des letzten Jahres seine Freundin Reeva Steenkamp getötet. Der Prozess soll klären, ob es ein tragischer Unfall war, wie Pistorius behaupt, oder eben Mord nach einem Beziehungsstreit – die Version der Staatsanwaltschaft. Hunderte Journalisten waren am ersten Tag ins Gerichtsgebäude in Pretoria gekommen, um jede Mimik des schillernden Behindertensportlers zu notieren. Vor dem Gericht hatte ein Fastfoodladen extra einen Stand aufgebaut, um all die Berichterstatter zu versorgen und hinterher stolz verkündet, man habe an nur einem Tag 450 Becher Kaffee und 250 Kilo Pommes Frites verkauft.

Indes nach dieser ersten Woche scheint klar: Nicht der Angeklagte Pistorius ist der Star im Saal, sondern sein Anwalt Barry Roux. Roux ist der wohl beste und teuerste Strafverteidiger Südafrikas. Er ist wenig zimperlich bei der Auswahl der Klienten. In den neunziger Jahren verteidigte er einen Polizeichef der Apartheidszeit, Lother Neethling. Der hatte Zeitungen verklagt, weil diese behauptet hatten, Neethling habe Oppositionelle vergiften lassen. Auch halbseidene Wirtschaftslenker zählen zum Kundenstamm. Roux verteidigte den Minenmagnanten Roger Kebble, dem Steuerhinterziehung vorgeworfen wurde, genauso wie den Boss des Fußballclubs Glasgow Rangers, Dave King. Ebenfalls wegen Steuerfragen.

4500 Euro zahlt Pistorius pro Tag

Sein Auftreten vor Gericht, besonders in dieser Woche, erinnert ein wenig an das Klischee des Staranwalts aus Hollywoodfilmen. Binnen Sekunden, so beschrieb es eine englische Zeitung, verwandelt er sich vom "unbeholfenen Pudel" zum "zähnefletschenden Rottweiler". Oft blättert er anfangs scheinbar ziellos durch seine Unterlagen, scheint unsicher, was er eigentlich fragen will, bricht Fragen gar mitten im Satz ab. Dann plötzlich beginnt er die Zeugen festzunageln. Stellt immer wieder dieselben Fragen, vier, fünf Mal. Sticht mit seiner Brille in Ihre Richtung. Hört erst auf, wenn sich sein Opfer in Widersprüche verwickelt oder er vom Gericht gerügt wird.

Auch Staatsanwalt Gerrie Nel ist einer der besten seines Fachs. Vor einigen Jahren schaffte er es, den ehemaligen südafrikanischen Polizeichef wegen Korruption verurteilen zu lassen. Doch bleibt Nel in diesen Tagen im Schatten von Roux.

Es war wohl eine gute Woche für Oscar Pistorius. Dank Zeugen, wie etwa jenes Arztes, der am Tatort war und nun beschrieb, wie Pistorius, die fast tote Reeva im Arm, verzeifelt Gott anflehte, sie doch leben zu lassen. Vor allem aber dank Barry Roux. Pistorius bezahlt ihm als Tagessatz geschätzt etwa 4500 Euro. Roux scheint jeden Cent wert.


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