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Vertuschung von Missbrauchsfällen: Westpfahl-Gutachten streut Salz in die Wunden der Kirche

Die Missbrauchsaffäre in der katholischen Kirche sorgt weiter für Zündstoff. Systematische Vertuschung und Aktenvernichtung - eine Gutachterin in München zieht schonungslos Bilanz. Auch Papst Benedikt XVI. entgeht der Kritik nicht.

Schonungslos legt Gutachterin Marion Westpfahl den Finger in die Wunden der Kirche. Sie sollte im Erzbistum München und Freising die Missbrauchsfälle in den kirchlichen Reihen seit 1945 untersuchen. Und ihr Urteil ist vernichtend: Sie spricht von systematischer Vertuschung durch Kirchenmitarbeiter, falsch verstandenem "brüderlichen Miteinander" und völliger Missachtung der Opfer.

Westpfahl gilt als eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Und so bekommt auch Papst Benedikt XVI. sein Fett weg, der 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising war. Die Feststellungen zur katastrophalen Aktenpflege im Ordinariat gälten auch für Joseph Ratzingers Münchner Amtszeit, sagt die frühere Staatsanwältin und Richterin. Aber sie habe nur ein einziges Dokument gefunden, in dem Ratzinger selbst mit einem Missbrauchsfall befasst war.

Doch dann sind da wieder die Lücken in den Akten. Denn natürlich stellt sich die Frage, ob Ratzinger den Fall damals auch bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige bringen ließ. Ihres Wissens habe es keine Strafanzeige gegeben, aber das sei ähnlich wie in anderen Fällen nicht klar aus den Akten ersichtlich gewesen, sagt Westpfahl.

Und dann gibt es geradezu eine Generalabsolution der Gutachterin für den damaligen Erzbischof Ratzinger: Nach ihren Erkenntnissen seien für einen korrekten Umgang mit bekanntgewordenen Sexualdelikten in den eigenen Reihen die Generalvikare von entscheidender Bedeutung und weniger die Erzbischöfe, sagt Westpfahl.

Neben der Rechtsanwältin sitzt der Münchner Erzbischof und Kardinal Reinhard Marx, ein Befürworter einer rückhaltlosen Aufklärung. "Was wir tun, sind wir den Menschen schuldig, die zu Opfern wurden", sagt er. Sein Ordinariat hatte die Rechtsanwältin Ende April mit dem unabhängigen Gutachten betraut.

Westpfahl spricht von einem "unbedingten Aufklärungswillen" des Ordinariats, als sie am Freitag in München die zentralen Ergebnisse ihrer Untersuchung vorstellt. Alle Quellen und Akten seien ihr zugänglich gewesen. Das Ordinariat habe ihr bei ihren Nachforschungen völlig freie Hand gelassen und keinerlei Auflagen erteilt, sagt die gebürtige Frankfurterin. Und fügt selbstbewusst hinzu: "Etwas anderes hätte ich mir auch nicht gefallen lassen."

Immer wieder hätten Kirchenmitarbeiter in den vergangenen Jahrzehnten Akten vernichtet, damit es bloß nicht zu einem Skandal komme, berichtet Westpfahl. Und wenn Pfarrer aus anderen Diözesen nach München wechselten, fehlten in den Personalakten meistens die Gründe für die Veränderung - es gab dort also auch keine Hinweise, ob die Betroffenen sexuell auffällig geworden waren. Zum Teil waren Akten auch in Privatwohnungen gebracht worden. Viele Vorgänge seien deshalb nicht mehr oder nur schlecht nachvollziehbar, betont die Gutachterin. Dementsprechend müsse man mit einer hohen Dunkelziffer rechnen.

Nach ihren Untersuchungen finden sich für die Zeit von 1945 bis 2009 in 365 Akten Hinweise, "dass ein wie immer geartetes Missbrauchsgeschehen stattgefunden hat". Zu strafrechtlichen Verurteilungen sei es jedoch nur selten gekommen. Den Opfern sei damit doppeltes Leid geschehen: Sie hätten nicht nur unter den Taten gelitten, sondern hätten auch ganz allein versuchen müssen, damit zurechtzukommen. "Kinder sind in ihrem Leid kaum wahrgenommen worden." Auch Hinweise auf körperliche Misshandlungen fand die Gutachterin in etlichen Fällen.

Die Täter - nach den Worten von Westpfahl meistens zwischen 45 und 65 Jahre alt - ließen nach den Akten oft erhebliche Reifedefizite erkennen, neigten zu Wehleidigkeit und Selbstmitleid und hatten oft erhebliche Alkoholprobleme. Als Beispiel nannte die Gutachterin einen 55-jährigen Gemeindepfarrer - der habe sich einmal schriftlich an das Ordinariat gewandt, weil er nicht damit zurechtkam, "dass sich sein Heißwasserboiler verabschiedet hat". Durch die Vertuschungen der Sexualdelikte nahm die Kirche laut Gutachterin "sehenden Auges in Kauf", dass es weitere Opfer geben könnte.

Das Erzbistum muss nach Ansicht der Anwältin nun seine Hausaufgaben machen - mit sorgfältiger Aktenführung, besserer Priesterausbildung und einer Stärkung der kirchlichen Missbrauchsbeauftragten. Diese sollten jährlich der Öffentlichkeit Bericht erstatten, fordert Westpfahl. Marx sagt: "Wir werden uns auf den Weg der Veränderung begeben."

Jürgen Balthasar, DPA / DPA