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Verwahrloste Kinder in Ihrlerstein: Richter verurteilt Eltern zu Bewährungsstrafen

Für die acht Kinder muss es ein Martyrium gewesen: Die Eltern ließen sie verkommen, sperrten sie ein, ließen sie hungern. Fast ein Jahr nach der Entdeckung dieser Zustände im niederbayerischen Ihrlerstein wurden die Eltern nun zu Bewährungsstrafen verurteilt - die Kinder jedoch wünschen sich sehnlich zu ihnen zurück.

Von Christian Eckl, Kelheim

Vor dem verkommenen Einfamilienhaus in der niederbayerischen Gemeinde Ihrlerstein steht eine bunte Kinderschaukel. Immer noch, obwohl hier seit fast einem Jahr keine Kinder mehr spielen. Acht Kinder wohnten bis zum November 2007 hier, offenbar in unerträglichen Verhältnissen. Im November 2007 sah das Jugendamt der Landkreisstadt Kelheim keinen Ausweg mehr und nahm den Kindern die Eltern weg. Der Verwahrlosungsfall erregte damals bundesweit Aufmerksamkeit.

Am Montag sind die Eltern der verwahrlosten Kindern vom Amtsgericht Kelheim zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Die 37-jährige Mutter erhielt nach Angaben des Gerichts eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten, der 38-jährige Vater wurde zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Beide Elternteile hatten zu Beginn des Verfahrens die ihnen zu Last gelegten Vorwürfe eingeräumt. Die Kinder - sieben Mädchen und ein Bub - waren von ihren Eltern wiederholt geschlagen worden und hatten phasenweise nichts zu essen bekommen. Den Eltern hatte die Anklageschrift Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht und dem Vater gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. "Sie waren mit ihren acht Kindern erheblich überfordert", schrieb der Kelheimer Amtsrichter Peter König in seinem Urteil.

Nachts wurden die Zimmer verriegelt

Statt eines Familien-Idyll müssen die Kinder in dem Ihrlersteiner Haus ein Martyrium erlebt haben. Die Eltern wollten häufig nur ihre Ruhe - und so richteten sie sich die erste Etage ihres Wohnhauses so ein, dass sie im Erdgeschoss ihre kleinen Kinder nicht einmal hörten, wenn diese aus Angst vor Mäusen um Hilfe schrien, wie die Staatsanwaltschaft den Eltern vorwarf. Die Kinderzimmer waren demnach heruntergekommen, Tapeten abgerissen. Faustgroße Löcher in den Wänden eines der Kinderzimmer ließen den nicht beheizten Raum im Winter offenbar zu einem Eisloch gefrieren. Zwei Mädchen, einer drei, das andere vier Jahre alt, mussten sich eine am Boden liegende Matratze teilen. Von außen konnten die Zimmer mit einem Brett verrammelt werden. Ihre Notdurft mussten die Kinder nachts in einer Zimmerecke verrichten. Die Exkremente der Kinder waren von Würmern durchsetzt.

Erhebliche Entwicklungsverzögerungen der Kinder

Die Schilderungen des Familienlebens sind erschreckend: Wenn die Kinder nicht gehorchten, drückte die Mutter die Köpfe ihrer Kinder ins Essen oder sogar in ihren eigenen Kot. Weil sie abends als Strafe hungrig ins Bett gehen mussten, verzehrten die Kinder manchmal heimlich trockenes Puddingpulver. Der zwölfjährigen Tochter schnitt der Vater die Haare ab, um sie vor den anderen Kindern zu demütigen. Die fatalen Folgen dieser Erziehung: Die Kinder nässten nachts das Bett ein, rochen nach Urin. Als die Kinder schließlich in Pflegefamilien und Kinderheimen untergebracht wurden, zeigt sich erhebliche Entwicklungsverzögerungen.

Das Jugendamt Kelheim stand diesen Zuständen zunächst hilflos gegenüber. Bereits seit September 2005 kam eine ambulante Jugendhelferin in die Familie. 2006 musste ein heute achtjähriger Junge aus der Familie genommen werden, weil er Verhaltensstörungen aufwies. Doch im Januar 2007 war Schluss mit der Betreuung. Auffällig wurde die Familie dennoch immer wieder: Nachbarn schrieben anonym an das Jugendamt, gaben an, die Kinder würden betteln, bekämen nichts zu essen. Doch die Vertreterin des Jugendamtes, vom Gericht als Zeugin befragt, verteidigte die Entscheidung ihrer Behörde: "Der Zustand in der Familie hatte sich bereits verbessert". Nicht die anonymen Schreiben der Nachbarn sorgten am Ende dafür, dass die Kinder aus der Familie genommen wurden. Ein Kind war es schließlich, das in der Schule durch sein Verhalten auf die Situation aufmerksam machte.

Kinder wollen zurück zu den Eltern

Dass es am Montag überhaupt zu einer Verhandlung gegen die Eltern kam, war lange Zeit ungewiss. Die Anklageschrift konnte ihnen nicht zugestellt werden, da sie untergetaucht waren. Erst als sie aus der Zeitung davon erfuhren, dass gegen sie Haftbefehl erlassen wurde, stellten sie sich in Landshut der Polizei. Die Kinder wünschen sich, glaubt man den im Prozess verlesenen Protokollen ihrer Aussagen, mittlerweile sehnlich, wieder zu ihren Eltern zurückkehren zu dürfen, wieder eine Familie zu sein. Auch die Eltern wollen dies, betonten sie am Montag vor Gericht. Doch zuerst müssen sie ihr Leben neu ordnen: Beide arbeiten derzeit als Kartengeber auf Pokerturnieren, verdienen jeweils 700 Euro netto im Monat. Und der Richter machte ihnen klar: "Die Familiensituation wird auf lange Sicht nicht werden wie früher."