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Kampf gegen Menschenschmuggler: Verwechslung mit Folgen: Die falsche Facebook-Freundin brachte ihn drei Jahre ins Gefängnis

Im Mai 2016 verhaftete die italienische Polizei unter großem Tamtam den "Al Capone der Wüste" – einen gefährlichen Menschenschmuggler. Tatsächlich verschleppten sie nur einen harmlosen Melker. Es dauerte drei Jahre, bis er freikam.

Der unschuldige Berhe wurde wie Schwerkrimineller behandelt.

Der unschuldige Berhe wurde wie Schwerkrimineller behandelt.

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Medhanie Tesfamariam Berhe – von Beruf Melker und Zimmermann – lebte im Sudan und flirtete gern im Internet. Dann schickte er eine Freundschaftsanfrage an eine ihm unbekannte Schöne, mit dem Hinweis, wie attraktiv er sie fände.

Die Beauty erhörte ihn nicht, aber die italienische Polizei, die den Account von Tesfu Mered überwachte. Die Lady war nämlich die Gattin des "Generals" - so der Spitzname eines der gefährlichsten Menschenschmuggler des Planeten. Zum Unglück des Melkers hat der kriminelle Gatte den gleichen Vornamen, nämlich Medhanie. Die Ermittler schlossen daraus, dass der General Medhanie Yehdego Mered sich einen Alias-Namen zugelegt hatte und so Kontakt zu seiner schönen Frau suchte.

Also wurde kurz darauf Berhe, der Melker, als Schwerkrimineller inhaftiert. Es dauerte drei Jahre, bis er seine Unschuld beweisen konnte. Erst vor Kurzem sprach ihn ein Richter in Sizilien frei und bestätigte, dass er ein Opfer einer Verwechslung war. In der Haft wollte sich der Gefangene das Leben nehmen. "Wenn du eine solche Ungerechtigkeit durchlebst und entdeckst, dass du hilflos bist, etwas dagegen zu tun, verlierst du den Willen zu leben. Ich wurde nicht verhaftet, ich wurde entführt und meine drei Jahre im Gefängnis waren wie ein endloser Albtraum, der mit einer Freundschaft auf Facebook begann", sagte er zum "Guardian".

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Humu Mohamad, 23      "Ich hatte schon Geld gespart, war fest entschlossen zum Trip nach Europa. Von den Gefahren wusste ich: Als Frau hätte ich unterwegs vergewaltigt werden können. Aber hier in Tamale hatte ich einfach keine Hoffnung mehr. Aminu Munkaila hat mich überzeugt zu bleiben. Seine Organisation AFDOM finanzierte mir eine zweijährige Ausbildung zur Schneiderin und dann eine eigene Nähmaschine. Nur mit Handantrieb, aber egal. Ich arbeite im Freien, im Schatten eines Baums, da gibt es eh keinen Strom. Für eine Werkstatt fehlt mir noch das Geld. Aber ich habe genug Kundschaft. 

Humu Mohamad, 23   

"Ich hatte schon Geld gespart, war fest entschlossen zum Trip nach Europa. Von den Gefahren wusste ich: Als Frau hätte ich unterwegs vergewaltigt werden können. Aber hier in Tamale hatte ich einfach keine Hoffnung mehr. Aminu Munkaila hat mich überzeugt zu bleiben. Seine Organisation AFDOM finanzierte mir eine zweijährige Ausbildung zur Schneiderin und dann eine eigene Nähmaschine. Nur mit Handantrieb, aber egal. Ich arbeite im Freien, im Schatten eines Baums, da gibt es eh keinen Strom. Für eine Werkstatt fehlt mir noch das Geld. Aber ich habe genug Kundschaft. 

Verschleppt aus Khartum

Tatsächlich wurde der nichts ahnende Berhe im Mai 2016 in einem Café in Khartum von einem Kommando der Polizei verhaftet. Sie stülpten ihn einen Sack über den Kopf und verschleppten ihn nach Italien. Dieser Coup wurde damals als großer Schlag gegen den internationalen Menschenhandel gefeiert. Berhe wurde als "Al Capone der Wüste" bezeichnet, er selbst wusste überhaupt nicht, wie ihm geschah. Er dachte zuerst, er solle in seine Heimat, Eritrea, abgeschoben werden, weil er dort desertiert sei. Konfrontiert mit dem Vorwurf, ein großer Krimineller zu sein, dachte er, dass die Italiener alle verrückt sein müssten.

Eigentlich hätte der Irrtum schnell aufgeklärt werden können. DNA-Test und Zeugenaussagen bewiesen schnell, dass Berhe nicht der Gesuchte war. Auch die Gattin Tesfu sagte, dass er nicht ihr Mann sei. Doch die Staatsanwaltschaft hatte sich in dem Fall verbissen. Von ihr hatte Berhe keine Hilfe zu erwarten. In Italien nimmt die Staatsanwaltschaft die Rolle eines öffentlichen Anklägers ein, es ist nicht ihre Aufgabe, nach entlastenden Momenten zu suchen. "Wenn ich in der Zeit zurückgehen könnte, würde ich den Finger abschneiden, mit dem ich im Herbst 2015 eine Freundschaftsanfrage an diese Frau geschickt habe", so Berhe heute. "Woher sollte ich wissen, dass sie Mereds Frau war? Sie sah einfach nur nett aus. Dieser Facebook-Kontakt brachte mich in diese absurde Situation."

Gnadenlose Justiz

Hinzu kaum Folgendes: Mered hätte zum Zeitpunkt der Verhaftung eigentlich in Khartum sein sollen. Wegen falscher Papiere saß er aber in den Vereinigten Emiraten in Haft. Dadurch verstummte sein Telefon und er nutzte auch keine Mails mehr. So kamen die Ermittler auf die Idee, der Schmuggler müsse sich einen falschen Namen zugelegt haben. Während Berhe auf seinen Prozess wartete, war Mered - der eigentlich Gesuchte -  längst wieder in Freiheit und verprasste sein Geld in den Nachtklubs von Kampala.

Die Justiz entschuldigte sich nicht bei Berhe, der Staatsanwalt forderte bis zuletzt eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren. Eine Entschädigung kann Berhe nicht erwarten. Er wurde wegen eines minderen Vergehens verurteilt und diese Strafe mit seiner Haft aufgerechnet. Sein Vergehen: Er hatte Geld für einen Cousin an einen Schleuser überwiesen und das wurde als Beihilfe zur illegalen Einwanderung gewertet.

Quelle: The GuardianThe National

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