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Vier Tote, 123 Verletzte: Entsetzen nach dem Blutbad von Lüttich

Menschen kommen aus der Schule oder machen Einkäufe. Dann erschüttern Explosionen die City von Lüttich. Vier Menschen sterben, mehr als hundert werden verletzt. Angst und Trauer regieren die Stadt.

Lüttich hält den Atem an. Tod und Gewalt haben die Stadt im Griff. Für die Menschen kommt die quälende Unsicherheit dazu. Verbrechen oder Terror? Zunächst scheint alles möglich. Später stellt sich heraus: Es war ein Einzeltäter, ein 33-Jähriger Mann. Einen terroristischen Hintergrund des Blutbades in Ost-Belgien gibt es nicht, versichern die Behörden. Vier Menschen sterben, darunter der mutmaßliche Täter, 123 weitere werden verletzt, viele von ihnen so schwer, dass sie im Krankenhaus um ihr Überleben kämpfen.

"Wäre ich zwei Stunden früher unterwegs gewesen, hätte es mich vielleicht getroffen", meint Claire atemlos, während von hinten ein Polizist zum Weitergehen drängt. Die junge Frau, die zur Arbeit geht, ist schockiert. "Das macht mir Angst. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll", sagt sie.

Die Buden auf dem Weihnachtsmarkt im Schatten des mächtigen Justizpalastes sind vernagelt. Ein Polizist mit einem Maschinengewehr verhindert, dass jemand durch die Absperrung geht. "Ich habe eine Explosion gehört", sagt Joseanne, die im Gericht arbeitet. Vom Fenster aus hat sie gesehen, wie sich die Besucher vom Weihnachtsmarkt drängten, alle wollten nur noch weg. In Blickweite der Budenstadt starben Menschen oder rangen um ihr Leben.

Täter war polizeibekannter Waffennarr

Am Nachmittag stellt sich raus: Bei dem Täter handelt es sich um einen Waffennarren. Er war 2008 wegen Waffenbesitzes zu knapp fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, meldet die Nachrichtenagentur Belga. Nach der Haftstrafe sei von der Polizei zu einer Anhörung vorgeladen worden, dort aber nicht erschienen. Der 33-Jährige war wegen seiner Gewaltdrohungen polizeibekannt, aber nicht wegen Terrorismus, erklärt die Lütticher Staatsanwältin Danièle Reynders ausdrücklich. Er soll ganz in der Nähe des Tatorts gelebt haben.

Nach ersten Erkenntnissen warf der Mann mehrere Handgranaten auf eine Bushaltestelle, wo viele Menschen warteten, dann schoss er auf die Wartenden. Zwei der vier Todesopfer sind Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren, die gerade von Prüfungen kamen. Laut Staatsanwaltschaft starb einer der beiden Jungen noch am Tatort, meldet Belga. Beim dritten Todesopfer handle es sich um eine 75-jährige Frau.

Das belgische Fernsehen zeigt Bilder von Passanten, die voller Panik davonlaufen und sich in Geschäfte flüchten. Geschäftsleute verbarrikadieren ihre Läden. Nach Angaben von Ärzten haben viele Opfer Projektile im Körper. Die Situation in der Lütticher Innenstadt ist laut Polizei erst nach etwa drei Stunden, gegen 15 Uhr wieder unter Kontrolle.

Schleier der Trauer über Lüttich

Die Stadt sieht noch immer weihnachtlich aus: Lichterketten in den Bäumen, Weihnachtsschmuck in der Geschäftsstraße - aber nach dem Amoklauf wirkt sie geisterhaft. Die Straßen sind leer, die Läden erleuchtet, keine Kundschaft.

Die Polizei hat die Bürger aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Die, die trotzdem unterwegs sind, wirken betroffen, nachdenklich, traurig. Es fahren keine Busse mehr, sie stehen im Depot. Hinter fast geschlossenen Jalousien schauen Bürger hervor. Einige sind von der Straße irgendwo reingelaufen, nur weg.

Nach den blutigen Ereignissen herrscht Trauer in Belgien. Premierminister Elio Di Rupo machte sich ebenso wie König Albert II. und seine Frau am Tatort ein Bild von den Ereignissen. "Das ganze Land teilt Ihren Schmerz", sagte Di Rupo an die Adresse der Familien der Opfer. Der Lütticher Bürgermeister Willy Demeyer sprach von einer "Einzeltat, die tiefe Betroffenheit im Herzen der Stadt gesät hat."

kng/DPA/AFP / DPA