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Vier Tote in Frankreich: Ein Verbrechen - und die unheimlichen Ähnlichkeiten zu 1952

Der Vierfachmord in Frankreich weckt in dem Land Erinnerungen an das Massaker an der britischen Familie Drummond vor 60 Jahren. Die Parallelen sind frappierend.

Von Sophie Albers

Auf einem Waldparkplatz in der Haute-Savoie im Osten Frankreichs sind am Mittwochnachmittag vier Menschen getötet worden. Zwei Mädchen haben überlebt. Während die Polizei nach Hinweisen auf den oder die Täter sucht, erinnern die Berichte viele Franzosen an einen unheimlich ähnlichen Fall vor fast genau 60 Jahren: die Affäre Dominici. Die Gemeinsamkeiten jagen einem kalte Schauer über den Rücken: ebenfalls eine britische Familie, ebenfalls erschossen und der Tochter ebenfalls der Schädel eingeschlagen. Nun vermischen sich damaliger und aktueller Schrecken.

Am Abend des 4. August 1952 war der britische Biochemiker Jack Drummond mit seiner Frau Anne und seiner zehnjährigen Tochter Elizabeth unterwegs in den Ferien in Südfrankreich. Ziemlich genau zwischen den Orten Peyruis und La Brillanne in der Region Alpes-de-Haute-Provence - nicht besonders weit weg von der Haute-Savoie - soll die Familie gestoppt haben, um unter freiem Himmel die Nacht zu verbringen. Am Morgen des 5. August wurden ihre Leichen in der Nähe ihres grünen Hillman-Wagens gefunden. Jack und Anne Drummond lagen erschossen neben dem Auto. Elizabeths Leiche wurde ein gutes Stück weiter mit eingeschlagenem Schädel gefunden. Die Tatwaffe, ein amerikanisches M1-Gewehr wurde in zwei Teile gebrochen im Fluss gefunden.

Buch, Film, Comic

Hauptverdächtig war die Familie Dominici, franco-italienische Bauern, deren Hof 165 Meter neben dem Tatort lag. Die einfache Familie beschuldigte und entschuldigte sich gegenseitig. Der Sohn klagte den Vater an. Der 75-jährige Patriarch verwickelte sich so sehr in Lügen und Falschaussagen, zerstörte auch Beweismaterial, dass er trotz ausstehendem letzten Beweis seiner Schuld zum Tode durch die Guillotine verurteilt wurde. 1957 wurde er von Präsident Charles De Gaulle begnadigt.

Der Fall war so spektakulär und unheimlich, dass er bis heute von Journalisten und Hobbydetektiven erforscht wird. Der Autor Jean Giono war damals als Prozessbeobachter vor Ort und hat 1956 ein ganzes Buch darüber geschrieben. Orson Welles hat eine TV-Dokumentation gedreht, das einzige visuelle Dokument des Prozesses. Und zwei Filme fanden den Weg ins Kino: "L'affaire Dominici" von 1973 mit Jean Gabin und Gérard Depardieu, sowie der gleichnamige TV-Film aus dem Jahr 2003 mit Michel Serrault. Zuletzt erschien 2010 ein Comic mit dem Titel "L'affaire Dominici".

Bei dem Mord nahe Annecy wurden drei Mitglieder einer britischen Familie getötet. Ein Mädchen, auf die eingeschlagen wurde, überlebte schwer verletzt, ein anderes unter den Beinen ihrer getöteten Mutter. Das vierte Mordopfer, ein Radfahrer aus der Nachbarschaft, war nach ersten Einschätzungen der Polizei zur falschen Zeit am falschen Ort. In jedem Fall macht der Vierfachmord von Chevaline auch die Tragödie von 1952 wieder zum Gesprächsthema.