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Vier Tote seit November: Rätselhafte Mordserie erschüttert Frankreich

Wenige Wochen nach den schrecklichen Ereignissen in Toulouse verängstigt eine neue Mordserie die Franzosen. Südlich von Paris jagt ein Polizeigroßaufgebot den mysteriösen Täter.

Die Tat weckte schlimme Erinnerungen in Frankreich. Als am Donnerstagabend im Pariser Vorort Grigny eine 47-jährige Frau erschossen wurde, war dies bereits der vierte Fall einer Mordserie, die das ganze Land zunehmend erschüttert. Seit November wurden in dem südlich der Hauptstadt gelegenen Departement Essone vier Menschen mit der gleichen Waffe vom Kaliber 7,65 Millimeter ermordet. Die Tatorte, Eingangshallen von Hochhäusern oder einsame Parkhäuser, lagen dabei alle in einem Umkreis von zehn Kilometern.

Mittlerweile sucht die Polizei mit einem Großaufgebot nach dem Täter: Mehr als 100 Sonderermittler wurden zusätzlich zu den normalen Einheiten in das Département beordert, wie der TV-Nachrichtensender BFM am Samstag berichtete. Der französische Innenminister Claude Guéant höchstselbst erklärte, die Behörden widmeten der Mordserie ihre gesamte Aufmerksamkeit.

Erinnerungen an Toulouse

Eine ähnliche Mobilisierung der Polizei hatte es zuletzt im März in Frankreich gegeben, nachdem der Attentäter Mohamed Merah insgesamt sieben Menschen erschossen hatte - darunter an einer jüdischen Schule drei Kinder und einen Lehrer. Der 23-Jährige, der einen Motorroller als Fluchtfahrzeug fuhr, war nach einem Schusswechsel bei der Erstürmung seiner Wohnung durch die Polizei getötet worden.

Im Fall der neuen Mordserie steht die Polizei aber noch vor einem Berg von Rätseln, denn nach ersten Erkenntnissen gab es keine Beziehungen zwischen den Opfern - zwei Männern und zwei Frauen. Parallelen wie gleiche Abstammung oder Glaube seien nicht vorhanden. Und auch sei die Vorgehensweise des Täters nicht immer die Gleiche, betonte die zuständige Staatsanwältin Marie-Suzanne Le Quéau auf einer Pressekonferenz.

Er habe mittlerweile fünfmal soviel Sicherheitskräfte im Ort wie sonst, sagte Thierry Mandon. Der Bürgermeister eines der betroffenen Orte, Ris-Orangis, die Polizisten achteten besonders auf merkwürdiges Verhalten - und bei Straßenkontrollen auf Motorräder. Denn nach Augenzeugenberichten floh der Täter in mindestens einem Fall mit einem blau-weißen Motorrad des Typs Suzuki GSX.

Schnelle Aufklärung erwies sich als Trugschluss

Die Suche konzentriert sich auch auf die Pistole vom Kaliber 7,65, mit der das letzte Opfer erschossen wurde. Aus der gleichen Waffe waren erstmals am 27. November im benachbarten Juvisy-sur-Orge sieben Schüsse abgefeuert worden, eine 35-jährige Labor-Angestellte brach auf dem Parkplatz ihrer Wohnanlage tödlich getroffen zusammen.

Die Behörden hatten damals an eine schnelle Aufklärung geglaubt und einen früheren Geliebten der Frau festgenommen. Eine Beziehungstat schien sich abzuzeichnen - zumal der Mann auch gestand.

Doch noch während er in Haft war, ging das Morden mit der gleichen Waffe weiter. Am 22. Februar starb vor der Garage des gleichen Tatortes ein 52-jähriger Mann. Anders als das erste Opfer wurde er aber nicht von mehreren Schüssen getroffen, sondern von einem einzigen Genickschuss niedergestreckt, berichtete Staatsanwältin Marie-Suzanne Le Quéau. Am 17. März dann setzte sich die Mordserie in Ris-Orangis fort, wo ein pensionierter 81-jähriger Bankangestellter mit einem Kopfschuss getötet wurde.

Für das Land, das gerade den kollektiven Schock von Toulouse überwunden hatte, droht mit der neuen Mordserie ein nächstes Traumata - und der französischen Polizei wieder eine Reihe von unliebsamen Fragen.

rk/dpa / DPA