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Vierfachmord in Ostfrankreich: Die grausamen vier Minuten von Annecy

Knapp zwei Monate ist es her, dass auf einem Waldparkplatz in Haute-Savoie vier Menschen kaltblütig hingerichtet wurden. Fahndungserfolge gibt es keine. Dafür Ärger mit der Familie der Opfer.

Von Sophie Albers

"Alles ist möglich", ist ein tragischer Satz, wenn er von einem Staatsanwalt stammt, der seit fast zwei Monaten mit den Untersuchungen zu einem besonders krassen Mehrfachmord befasst ist. Am Nachmittag des 5. September sind auf einem Waldparkplatz in pittoresker Landschaft in Frankreichs Haute-Savoie vier Menschen kaltblütig hingerichtet worden: Vater, Mutter und Großmutter einer irakischstämmigen, in Großbritannien lebenden Familie und ein französischer Fahrradfahrer. Ein siebenjähriges Mädchen wurde angeschossen, zusammengeschlagen und dem Sterben überlassen. Eine Vierjährige überlebte versteckt unter dem Rock der Mutter. Bis heute ist der Fall ein Rätsel, Täter und Motiv unbekannt, und je mehr Zeit verstreicht, desto heftiger wird spekuliert.

Dabei erscheint ein jüngst kursierender Erklärungsversuch einem Agententhriller entsprungen: Die Tageszeitung "Le Monde" will recherchiert haben, dass der deutsche Geheimdienst BND französischen Anti-Terror-Beamten die Information habe zukommen lassen, dass sich auf einem Schweizer Konto, das dem Vater des getöteten Saad Al-Hilli gehört habe, eine Million Euro befänden - und die würden aus dem Vermögen des gehängten, irakischen Ex-Diktators Saddam Hussein stammen.

Trotz eines heftigen Dementi von Seiten der französischen Anklagebehörde macht diese Nachricht die Runde: "Die Idee, dass es eine versteckte Erbschaft von Saddam Hussein gebe, entspringt der reinen Fantasie", ließ sich ein Ermittler zitieren. Auch der Staatsanwalt vor Ort, Eric Maillaud, will von der Spekulation nichts wissen. Und der die Untersuchung leitende Oberstleutnant Benoît Vinnemann sagte der regionalen Zeitung "Le Dauphine": "Nichts wurde vom deutschen Geheimdienst an die französische Anti-Terror-Zentrale der Gendarmerie weitergeleitet."

Vom Nuklearforscher zum Schweißer

Ebenso farbenprächtige Vermutungen ranken sich um den Fahrradfahrer Sylvain Mollier, der erschossen wurde: Mehrere Medien verbreiteten die Meldung, Untersuchungen hätten ergeben, dass der Schweißer aus einem Nachbarort zuerst erschossen worden sei. Und da wurde aus dem Schweißer mal eben ein Nuklearforscher, denn Mollier fügte in einer Filiale einer französischen Nuklearanlage Metall zusammen.

Das führte unter anderem dazu, dass die Hinterbliebenen der Familie Al-Hilli sich wutentbrannt über die Verdächtigungen empörten, die sich bisher ausschließlich gegen die Familie richteten. "Ich denke, der Fahrradfahrer war das Ziel", so Ahmad al-Saffar, Onkel der getöteten Iqbal, Frau von al-Hilli, gegenüber dem "Guardian". Es habe keinen Grund gegeben, warum "unsere Familie in einem Frankreich-Urlaub angegriffen" wurde.

Doch auch die angebliche Reihenfolge der Tötungen entpuppt sich als Fehlmeldung: "Es ist wissenschaftlich unmöglich zu sagen, wer zuerst getötet wurde", erklärt der leitende Kommissar in Chambéry. Der Überfall sei in extrem kurzer Zeit passiert: in weniger als vier Minuten, berichtet "Le Monde"

Kaltblütigkeit

Als der britische Tourist und Ex-Soldat William Bret Martin am Nachmittag des 5. September auf seinem Fahrrad beim Tatort ankam - er war zuvor von Mollier überholt worden und hatte pausiert, um Fotos zu machen, so der Bericht -, fand er folgendes vor: die Leiche Molliers und dessen Fahrrad, das Auto der al-Hillis mit laufendem Motor und durchdrehenden Hinterreifen halb in der Böschung sowie die siebenjährige Zainab, die schwer verletzt vor ihm zusammenbrach. Nachdem Martin das Kind in die stabile Seitenlage gebracht und den Motor des Wagens abgestellt hatte, wobei er die drei Leichen der Familie al-Hilli - Vater, Mutter, Großmutter - entdeckte, rief er die Polizei.

Nach aktuellem Ermittlungsstand hat Saad al-Hilli offensichtlich versucht, seine Familie zu retten, indem er ins Auto sprang, um wegzufahren. Dabei schoss ihm der Mörder in den Rücken. Den Reifenspuren nach zu urteilen, setzte der Familienvater rückwärts, doch zu weit, so dass die Hinterreifen Boden verloren. Dabei sei auch die Leiche Molliers angefahren worden. Der Täter habe die Insassen "eiskalt" nacheinander getötet.

Ob der Mörder sich dann gestört fühlte, gewarnt wurde oder eventuell Martin kommen sah, gehört zu den vielen "Unbekannten", von denen die Staatsanwaltschaft spricht. Immer wieder sprechen die Ermittler von "Kaltblütigkeit". Es werde in alle Richtungen ermittelt, zitiert "Le Monde" Maillaud.

Kinder "gegen ihren Willen" bei Pflegeeltern

Während die Ermittlungsbehörden also offensichtlich im Dunkeln tappen, wächst der Groll der Angehörigen der Opfer. Neben der Wut über "haltlose" Anschuldigungen sorgen sie sich um die beiden Mädchen, die das Blutbad überlebt haben. Die Geschwister leben nicht bei Verwandten sondern in Pflegefamilien. Und das "gegen ihren Willen", was den "Schmerz und das Leid" über den Verlust der Eltern verstärke, so Ahmad al-Saffar. Die vier und sieben Jahre alten Schwestern seien bisher in einem muslimischen Haushalt aufgewachsen. Die Pflegeeltern seien "gute Menschen", aber die Mädchen sollten in der gleichen Umgebung leben wie bei ihren Eltern, so der Großonkel im Gespräch mit dem "Guardian". Eine Tante habe das Sorgerecht beantragt.

Für den französischen Staatsanwalt Maillaud findet al-Saffar besonders harte Worte: " Ich hoffe, er wird nicht zehn Jahre brauchen, um dieses Verbrechen aufzuklären, wie er selbst gesagt hat. Ich denke, jemand anders sollte den Job übernehmen, jemand der es besser kann."